Debatte

Ukraine und Nahost: Wer moralisch recht hat, hat noch keinen Frieden

Was Sebastian Haffners Blick auf deutsch-russische Geschichte für die Konflikte unserer Gegenwart lehren kann: Ein Gastbeitrag.

Peter-Alexis Albrecht
9 Min
Ein Mann in Dnipropetrovsk trauert um Angehörige.

Ein Mann in Dnipropetrovsk trauert um Angehörige.

© AFP PHOTO / DNIPROPETROVSK REGIONAL MILITARY ADMINISTRATION

Kriege verlangen moralische Urteile. Wer Menschen ermordet, vertreibt oder entrechtet, verletzt elementare Normen menschlichen Zusammenlebens. Aber aus der moralischen Verurteilung eines Verbrechens folgt noch keine politische Friedensordnung.

Sebastian Haffners wieder aufgelegter Essay „Der Teufelspakt“ führt vor Augen, warum historische Erklärung eine zweite Perspektive benötigt: die Analyse von Interessen, Machtlagen und Sicherheitsbedürfnissen. Diese Unterscheidung ist für den Ukraine-Krieg ebenso bedeutsam wie für Israel und Palästina.

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Zugänge zu den großen Konflikten der Geschichte und der Gegenwart. Der erste ist intrinsisch-normativ: Er fragt nach Recht und Unrecht, Menschenwürde, Schuld und moralischer Verantwortung. Der zweite ist extrinsisch-strukturell: Er fragt, welche historischen Entwicklungen, Machtkonstellationen, Sicherheitsinteressen und wechselseitigen Bedrohungswahrnehmungen einen Konflikt hervorgebracht haben und unter welchen Bedingungen er politisch beendet werden kann.

Beide Perspektiven sind notwendig. Problematisch wird es, wenn die erste die zweite ersetzt. Denn die moralische Verurteilung einer Handlung erklärt weder deren historische Entstehungsbedingungen noch eröffnet sie für sich genommen einen Weg zu einer dauerhaften Friedensordnung.

Werden Sie Teil des Ostablishments.

Sie haben bereits ein O+ Abo?

*