AFGHANISTAN - Die künftige US-Regierung will die Truppen im Land deutlich verstärken. Dem Verhältnis zu den europäischen Verbündeten in der Nato droht deswegen eine Belastung.

"Auch 200 000 Mann verlaufen sich da"

Hinnerk Berlekamp
2 Min

Christoph Hörstel, Autor mehrerer Bücher über Afghanistan und Pakistan, war seit 1985 für die ARD und andere Medien regelmäßig am Hindukusch. Er hat für die Regierungen in Kabul und Islamabad gearbeitet und Bundeswehr-Offiziere geschult. Die gegenwärtige Strategie des Westens beurteilt er mehr als skeptisch.Herr Hörstel, die USA schicken Zehntausende Soldaten zusätzlich nach Afghanistan. Ist das der Anfang vom Ende der Taliban?Ich bin mir sicher, dass nicht einmal die Nato davon noch zu träumen wagt. Diese Truppenverstärkung kauft etwas Zeit, vielleicht sechs Monate, mehr nicht. Und sie erhöht in den USA die innenpolitische Akzeptanz des angekündigten Teilrückzugs aus dem Irak.Im Irak hat diese Strategie aber funktioniert: Als dort 20 000 US-Soldaten mehr stationiert wurden, beruhigte sich die Lage.Unsere Politiker kennen beide Länder nur mangelhaft. Afghanistan ist doppelt so groß wie Deutschland, auch 200 000 Mann können sich da locker verlaufen. Hinzu kommen die Unübersichtlichkeit des Geländes, der wachsende Hass in der Bevölkerung, der gewaltige Nachschub für die Taliban aus China und Russland, die Leidensbereitschaft des Widerstandes.Was wäre denn die Alternative zu einer Aufstockung der Truppen?Eine mindestens viermal so hohe Entwicklungshilfe, eine Verhandlungslösung mit allen tatsächlichen Machtträgern in Afghanistan, der Abzug aller fremden Truppen in einem mehrjährigen Stufenplan, parallel eine internationale Konferenz aller Mitspieler, die Afghanistan den Afghanen übereignet, Möglichkeiten für UN-Sanktionen - so könnte es gehen. Polizeitraining hilft nicht, weil in Kabul praktisch jeder vom Drogenhandel profitiert. Und gegen die Desertionen bei der afghanischen Armee hilft auch eine Verdreifachung des Soldes nicht, weil es keine denkbare Staatsräson mehr gibt für die zehn bis 20 Prozent des Territoriums, die dieses Marionettenregime noch beherrscht.Sie urteilen sehr hart. Lässt es Sie kalt, dass die Taliban schon wieder vor Kabul stehen?Nein, durchaus nicht. Aber auch die ohnehin umstrittenen UN-Mandate erlauben nicht, dass wir in die Gestaltung afghanischer Innenpolitik eingreifen.Das Gespräch führte Hinnerk Berlekamp.------------------------------Foto: Christoph Hörstel

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner