KABUL, 26. Juli. Vor den Augen des Verteidigungsministers greift der Mann an. Mit einem Brandsatz in der Hand läuft er auf die deutschen Soldaten in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu. "Haut ab, ihr Schweine", brüllt er - auf Deutsch. Ein kurzer Befehl des Zugführers und ein Schäferhund reißt den Rothaarigen zu Boden und hält ihn dort in Schach.Das ganze Mitgefühl von Peter Struck gilt anschließend dem Angreifer. Er lässt ihn zu sich kommen und fragt: "Wie geht s Ihnen?" Natürlich ist dem Mann nichts passiert: Er ist Bundeswehrsoldat, gehört zur internationalen Schutztruppe Isaf und hat den Angriff eines afghanischen Fundamentalisten nur simuliert. Die Vorführung hat sich das deutsche Kontingent einfallen lassen, um dem neuen Minister zu zeigen, dass die Lage voll unter Kontrolle ist.Neugier auf beiden SeitenEs ist Strucks zweiter Tag als vereidigter Bundesminister der Verteidigung. Und schon steht er hier im Camp Warehouse, dem Hauptquartier der Bundeswehr in Kabul, und begutachtet "seine Soldaten", wie er sie bereits nennt. Oder sie begutachten ihn, je nachdem. Neugier herrscht auf beiden Seiten. Struck hat im Regierungsflugzeug gesagt: "Ich will mir ein ungeschminktes Bild von der Situation der Soldaten verschaffen." Und der Hundezugführer Thomas Holtz-Goldberg bekennt, er kenne seinen neuen Oberbefehlshaber auch aus dem Fernsehen nicht besonders gut und wolle jetzt "mal erleben, wie er so ist".Unkompliziert ist er, der Neue. "Tach, Soldaten", begrüßt Struck die in Dreierreihen angetretene Truppe; einen Schlips hat er gar nicht erst angelegt. Beim Vortrag des deutschen Kommandeurs in Kabul, Brigadegeneral Manfred Schlenker, nickt der Minister nur immer wieder kurz mit dem Kopf. Vom Militär versteht Struck so viel, wie er als SPD-Fraktionsvorsitzender und Vater eines Zeitsoldaten eben wissen musste. "Ein Fraktionschef kann alles", hat er gesagt, nachdem ihn Gerhard Schröder zum Nachfolger des entlassenen Rudolf Scharping bestimmt hatte. Als Verteidigungsexperte aber fühlt er sich nicht, und so hört er in Afghanistan einfach zu.Die Soldaten erzählen, und Struck nickt: Oberfeldwebel Michael Zutz berichtet, wie freundlich die Bevölkerung sei. "Wie werden sehr gerne gesehen." Ob die Patrouillen nachts gefährlicher sind, will der Minister wissen. Nein, sagt ein Soldat, "Augen und Ohren sind rund um die Uhr offen." Struck nickt wieder und verabschiedet sich rasch. "Firm and friendly", diesen Grundsatz haben die Soldaten für ihr Auftreten gegenüber den Afghanen: sicher und freundlich. Daran versucht sich auch Struck bei seinem eineinhalbstündigen Rundgang durch das Bundeswehr-Lager zu halten, in dem 1 000 deutsche Soldaten stationiert sind. Freundlich spricht er mit diesem und jenem, interessiert sich mehr für Belastungen durch die lange Abwesenheit von zu Hause als für die Waffen. Sein Jackett hat Struck mittlerweile abgelegt. Gegen die brennende Sonne schützt ihn eine Mütze des Deutschen Motorrad-Sportbundes: Struck ist begeisterter Motorradfahrer.Bei den Soldaten kommt der neue Verteidigungsminister mit seiner lockeren Art gut an. Es sei "eine Frage des Vertrauens", wer die Bundeswehr politisch führe, sagt der Obergefreite Mathias Plank, der erst ein paar Tage in Kabul stationiert ist. Von Strucks Vorgängern Volker Rühe und Rudolf Scharping sind sie hier eher enttäuscht. Nach dem Ministerwechsel "erhoffen wir uns Veränderung - dass ein Stein ins Rollen gebracht wird", sagt ein anderer. Auf der Wunschliste der Soldaten stehen: Nachtsichtgeräte, Kopfmikrofone für die Funkgeräte und leichtere Schutzwesten. Struck hat in wichtigen Fragen schon eigene Pläne. Vor allem will er den Bundestag schneller und umfassender über seine Vorhaben und den Einsatz der Spezialkräfte unterrichten. Der Minister macht keineswegs den Eindruck, als wolle er sein neues Amt nach dem 22. September möglichst rasch wieder loswerden. Zwar hatte ihn Kanzler Schröder zwangsverpflichten müssen, als Scharping nicht mehr zu halten war. Bei seinem ersten Auftritt, dem Gelöbnis zum Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli, sei das Abschreiten der Ehrenformation auch noch "eher holprig" gewesen, bekennt der ungediente Verteidigungsminister. Jetzt aber scheint ihm die Sache richtig Spaß zu machen.Foto: DDPA/TIM BRAKEMEIER Lässig im Hemd: Peter Struck spricht mit einem deutschen Soldaten in Kabul.
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