Francesc Vendrell war von 2000 bis 2008 erst für die UN, dann für die EU Sondergesandter in Afghanistan. Der 69-jährige Katalane hält dem Westen Selbstbetrug vor.Gestern ist Hamid Karsai für eine zweite Amtszeit vereidigt worden. Haben die massiven Manipulationen bei seiner Wahl Sie überrascht, Herr Vendrell?Nicht wirklich. Überrascht hat mich nur der Mangel an Voraussicht aufseiten der internationalen Gemeinschaft. Es war doch klar, dass Wahlen inmitten eines Aufstands extrem schwierig würden. Die Hälfte der Wahlbezirke in den Gebieten der Paschtunen, ein Viertel aller Wahlbezirke Afghanistans also, waren so unsicher, dass jede Art von Überwachung der Abstimmung unmöglich war. Wenn man dort trotzdem wählen ließ, musste man es einfach in dem Bewusstsein tun, dass es zu ebenso massivem Betrug kommen würde wie schon bei der Parlamentswahl 2005.Europas Regierungen erwecken den Anschein, als entdeckten sie erst jetzt, was für ein korrupter Partner Karsai ist. Nehmen Sie ihnen das ab?Unsere Regierungen neigen generell zu einem immergrünen Optimismus. Die Tendenz, sich blindzustellen und nur dann zu reagieren, wenn der Kessel überkocht, gibt es aber nicht nur in Bezug auf Afghanistan.Sie waren mit dabei, als 2001 auf dem Petersberg Hamid Karsai zum neuen Führer für Afghanistan auserkoren wurde. War er die richtige Wahl?Eine Sache war es, ihn zum Chef einer Interimsregierung zu machen: Man brauchte einen halbwegs charismatischen Paschtunen, der nicht mit der Nordallianz verbunden war, die damals zwei Drittel des Landes beherrschte, und diese Bedingungen erfüllte Karsai. Eine andere Sache war es, anschließend alle Macht bei ihm zu konzentrieren und ihn zum alleinigen Wundertäter im Lande aufzubauen, wie es vor allem die USA beförderten. Aber auch das ist typisch für US-Regierungen: Sie setzen ihre Hoffnungen nicht auf Institutionen, sondern immer auf einzelne Personen.Karsai wurde lange als der "Bürgermeister von Kabul" verspottet. Plötzlich entpuppt er sich als so stark, dass er ganz allein eine landesweite Wahl manipuliert. Das ist zumindest merkwürdig.Auch ich sehe die Gefahr, dass aus Karsai, dem Wundertäter, jetzt Karsai, der Sündenbock, gemacht wird. Der Grund dafür, dass die Dinge in Afghanistan so schlecht laufen, ist aber gewiss nicht allein, dass Karsai für sein Amt nicht geeignet ist. Jeder andere wäre ebenfalls ungeeignet, würde er auf diesen Platz gesetzt.Lassen Sie uns über die Isaf-Truppe sprechen, ohne die Karsai kaum regieren könnte. Ihr Chef, US-General Stanley McChrystal, hat um zusätzliche 40 000 Soldaten für den Kampf gegen die Taliban gebeten. Was könnten die bewirken?Ich denke, US-Präsident Obama ist sehr weise, dass er sich Zeit nimmt für die Entscheidung über seine Strategie in Afghanistan. Denn sie muss neben dem militärischen ein zweites, ein politisches Standbein haben. Kabul muss zu grundlegenden Veränderungen in der Regierungsführung, in puncto Rechtsstaatlichkeit und bei der Bekämpfung der Korruption veranlasst werden. Wenn bis zum nächsten Sommer nichts passiert; wenn nicht bis dahin die Hoffnung unter den Afghanen auflebt, dass die Dinge jetzt wirklich anders werden: Dann sind neue Soldaten nutzlos - ob es 20 000 oder 40 000 sind. Sollte Karsai aber Legitimität zurückgewinnen, diesmal nicht durch Wählerstimmen, sondern durch Taten: dann und nur dann könnte es vielleicht hilfreich sein, mehr Soldaten zu schicken. Sei es auch nur, damit wir nicht aus einer Position der Schwäche kommen, wenn wir anfangen, mit den Taliban zu reden.Viele Afghanen mögen keine fremden Truppen im Land. Ist die Nato in Afghanistan Teil der Lösung oder Teil des Problems?Beides. In dem Maße, wie Zivilisten getötet werden, wie Häuser durchsucht werden, wie Afghanen in Lagern wie Bagram eingesperrt werden ohne Aussicht auf ein Verfahren: in diesem Maße sind wir Teil des Problems. In dem Maße, wie wir die Taliban hindern, auch den Osten und auch Teile des Nordens zu übernehmen; wie wir also einen offenen Bürgerkrieg verhindern und zumindest ein wenig Wiederaufbau ermöglichen: in dem Maße sind wir Teil der Lösung. Einer zeitweiligen Lösung. Denn wir laufen Gefahr, dass die Afghanen, die 2001 die ausländischen Truppen als Befreier begrüßten, uns mehr und mehr als Besatzer wahrnehmen.Zum Schluss noch eine semantische Frage. Bis vor zwei Wochen sprach die Bundesregierung von einem Stabilisierungseinsatz, jetzt von "kriegsähnlichen Zuständen" in Afghanistan. Haben Sie auch Probleme damit, einen Krieg einen Krieg zu nennen?Ich habe überhaupt kein Problem damit zu sagen, dass dort Krieg herrscht - auch wenn ich lieber von einem bewaffneten Konflikt spreche. Ich verstehe, dass die Deutschen aus historischen Gründen den Begriff Krieg nicht mögen. Wenn jetzt dieser neue Begriff benutzt wird - wie war er doch gleich?Kriegsähnliche Zustände.Nie gehört. Aber sehen Sie es so: Immerhin bedeutet es eine Annäherung an die Wirklichkeit.Gespräch: Hinnerk Berlekamp.------------------------------Foto: Francesc VendrellFoto: Dem Koran verpflichtet: Hamid Karsai während seiner Amtseinführung am Donnerstag in Kabul.
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