Die drei militärischen Interventionen des Britischen Empire in Afghanistan fanden zwischen 1839 und 1919 statt. Der Einmarsch der Sowjetarmee begann am 27. Dezember 1979. Britische wie sowjetische Invasoren und Besatzer handelten aus ureigenen Interessen, gaben aber vor, dem Land Stabilität, Frieden und Fortschritt bringen zu wollen. Die Afghanen mochten auf diese Weise nicht beglückt werden. Und so endeten diese Kriege und Besatzungsversuche trotz enormer, militärischer Übermacht in Niederlagen für die Eindringlinge. Im Scheitern aber lag immer der Keim für den nächsten Krieg.Man sollte nicht abergläubisch sein, aber jetzt bricht wieder ein Jahr mit einer Neun am Ende an. Die fremden Mächte und ihre Armee befinden sich schon im Land, aber 2009 soll Afghanistan nun wirklich und endgültig und dauerhaft befriedet werden. Der Leitspruch lautet: Wir wissen genau, wie das Vorhaben gelingen könnte. Wir müssten die Entwicklungshilfe für das Land erhöhen und die Afghanen nach ihren Wünschen fragen. Wir sollten uns besser abstimmen, wer was wohin baut in Afghanistan, und vor allem Geduld aufbringen. Aber wir schicken trotzdem erst einmal mehr Soldaten dorthin.Der designierte US-Präsident Barack Obama hat zwar auch mehr Geld versprochen, aber im Vordergrund steht die Erhöhung der Truppenstärke. Noch vor seiner Amtseinführung werden im Januar die ersten zusätzlichen Kontingente nach Afghanistan entsandt. Bis zum Sommer sollen 30 000 US-Soldaten mehr im Land stehen. Aus Brüssel meldete sich daraufhin sofort Nato-Chef Jaap de Hoop und verkündete, ohne sich zuvor mit den Mitgliedern des Bündnisses abgesprochen zu haben, dass die europäischen Verbündeten nachziehen sollten.Der amerikanische Befriedungsplan für Afghanistan greift auf Rezepte zurück, die - so heißt es - im Irak gute Ergebnisse gebracht hätten: Die beiden Hauptkomponenten sind die Erhöhung der Truppenstärke sowie die Schaffung lokaler Milizen, deren Bezahlung und Ausrüstung mit Waffen. Diese Milizen sollen die US-Armee unterstützen oder zumindest deren Aktionen gegen Taliban und El-Kaida-Kämpfer tolerieren.In dieser Rechnung stecken jedoch einige fundamentale Fehler und eine Menge Unbekannte - und es ist schwer vorstellbar, dass das Kalkül aufgeht. Zunächst: Erst nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak wird sich herausstellen, ob die Beruhigung der Lage dort von Dauer ist oder ob nur alle still hielten und sich auf die Entscheidungsschlacht vorbereiteten. Die Umsetzung der US-Strategie fiel zudem mit einem Abflauen der religiös motivierten, bürgerkriegsähnlichen Kämpfe im Irak zusammen - weil die gegenseitigen Vertreibungen dort im Wesentlichen abgeschlossen und rein sunnitische oder schiitische Wohngebiete entstanden waren. Zudem hatten die Sunniten eine politische Vertretung, die die Entscheidung gegen die weitere Unterstützung für El-Kaida-Gruppen und für die Kooperation mit den Amerikanern traf.In Afghanistan gibt es eine solche Vertretung nicht, die USA müssten mit jedem einzelnen Stamm, Clan oder Dorfchef verhandeln. Auf der Suche nach einer Vertretung der Paschtunen - des dort hauptsächlich siedelnden Stammes, aus dem die Taliban hervorgingen - werden sie feststellen müssen, dass dort auch Hazara, Tadschiken, Usbeken und andere Minderheiten leben. Zum Teil schon seit Jahrhunderten, zum Teil als Kriegsflüchtlinge. Paschtunen-Milizen könnten sich gegen diese Minderheiten wenden - und einen Bürgerkrieg anzetteln.Die US-Armee und ihre Alliierten bewegen sich im Süden, im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vorwiegend in Gebirgsland, also in unübersichtlichem Gelände. Sie konnten schon bisher nicht in die letzten Winkel und Höhlen dieses Rückzugsgebietes von Taliban und El Kaida vordringen. Luftangriffe sollten dieses Manko ausgleichen, brachten aber vielen Zivilisten den Tod und heizten so den Widerstand an. 30 000 zusätzliche Soldaten bedeuten aber auch neue Basen, mehr Militärfahrzeuge, einen erhöhten Bedarf an Nahrung, Toiletten, Betten, Treibstoff. Das Meiste davon muss auf dem Landweg über Pakistan herangeschafft werden. Jede weitere Truppeneinheit verstärkt rein optisch den Eindruck, dass Afghanistan von einer fremden Macht besetzt wird. Und jeder zusätzliche Militärgut-Transporter ist für die Aufständischen ein Ziel mehr.Die absurdeste Idee bei diesem Befriedungsplan aber ist, lokale Milizen in Afghanistan mit Waffen zu beliefern. Wenn Afghanistan etwas im Überfluss hat, dann sind es Mordgerätschaften, vorsintflutliche und moderne Gewehre, Raketen, Sprengfallen, Granaten. Was Afghanistan und die Afghanen hingegen wirklich dringend benötigen, sind Düngemittel und Saatgut, Silos und Stromwerke, Straßen und Fabriken, Rechtsstaatlichkeit und eine integre Regierung. Um all das zu schaffen oder zu erreichen, braucht es viel Geld, Zeit, Geduld - aber keine Soldaten.------------------------------Was Afghanistan benötigt, sind Düngemittel und Saatgut, Stromwerke, Straßen, Fabriken und Rechtsstaatlichkeit. Dafür braucht es viel Geld, Zeit und Geduld - aber keine Soldaten.
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