AFGHANISTAN - Mit Bomben wollen die Taliban die Entscheidung über einen neuen Präsidenten stören. Viele Menschen orientieren sich bei ihrer Entscheidung mehr an der Herkunft der Kandidaten als an deren Programm.

"Mehr ziviler Einsatz nötig"

Holger Schmale
4 Min

Herr Koenigs, wäre die Wiederwahl Karsais eine gute Nachricht?Es wäre eine gute Nachricht, wenn es ein Ergebnis gäbe, das von niemandem angezweifelt werden muss. Wer immer neuer Präsident von Afghanistan wird - er wird die gleichen Probleme haben wie Karsai.Aber Karsai hat wohl die besten Aussichten. Ist er noch der Hoffnungsträger des Westens, der er einst war - oder selber ein Teil des Problems ?Ihn zu so einem Hoffnungsträger zu machen, war offenkundig falsch. Er hat zwar versucht, mit demokratischen Mitteln zu regieren. Aber er hat auch schnell die Grenzen akzeptiert, die die Demokratie in Afghanistan im Augenblick hat - auf der Ebene der Sicherheit, der Korruption, der Drogenwirtschaft.Sind Wahlen nach westlichem Muster überhaupt ein geeignetes Mittel zur Zivilisierung des Landes?Ich halte Wahlen generell für ein erfolgversprechendes Mittel, auch wenn es natürlich Mängel gibt, die man abstellen muss. Dies ist die erste Wahl, die von den Afghanen stark selber organisiert wird. Das kann kein Rolls Royce sein, das wird eher ein Trabi.Die internationale Gemeinschaft unterstützt in Afghanistan eine Wahl, bei der - nach allem, was man weiß - mehr getrickst wird als bei der im Iran, die international verurteilt wurde. Was sagen Sie dazu?Natürlich ist das ein Problem. Trotzdem gibt es zu Wahlen keine Alternative. Das größte Problem sehe ich in der Sicherheit. Die Taliban haben erklärt, sie wollten die Wahl nicht nur boykottieren, sondern auch verhindern. Das zeigt, was für ein Sprengsatz demokratische Wahlen sind. Die Taliban greifen ja nicht etwas an, das irrelevant ist.Es heißt immer, Karsais Macht reiche kaum über die Grenzen der Hauptstadt hinaus.Würde sich das durch eine Wiederwahl ändern?Die Behauptung stimmt nicht. Karsai hat Gouverneure in allen Provinzen ernannt und entlassen, und dem ist auch gefolgt worden. Sein Arm reicht schon so weit. Die Hauptmacht des Präsidenten besteht darin, dass er etwa 3 000 Amtspersonen ernennen kann, diesen Durchgriff hat er bewiesen. Was er nicht durchsetzen konnte, sind rechtsstaatliche Verhältnisse in allen Provinzen. Da hat er Kompromisse gemacht, die man nicht immer gutheißen kann.Die Lage hat sich seit Ihrer Zeit dort verschlechtert. Woran liegt das?Die jetzt langsam erkennbare Korrektur des internationalen Herangehens kommt viel zu spät. Man hat viel zu spät erkannt, dass das Verhältnis zu Pakistan und den paschtunischen Stämmen dort und das Verhältnis zu Iran entscheidend ist für die Stabilität in Afghanistan. Außerdem ist der Konflikt - oder Krieg - unter dem klassischen Gesichtspunkt geführt worden, den Gegner zu vernichten, nicht aber, mit allen Mitteln die Zivilbevölkerung zu schützen. Das hätte das eigentliche Kriegsziel sein müssen. Die Siegesberichte in den Zeitungen, grausen mich: Leider seien drei englische Soldaten gefallen, dafür habe man 22 Aufständische getötet. Damit kommt man dem Frieden nicht näher, sondern entfernt sich von diesem Ziel.Was müsste stattdessen geschehen?Nötig ist viel mehr ziviler Einsatz, viel mehr Polizeiaufbau, viel mehr Unterstützung der demokratischen Kräfte. Und Verhandlungen mit den Taliban. Ich finde es zum Beispiel gut, dass jetzt darüber geredet wird, nach der Wahl eine weitere Loya Jirga für den Frieden einzuberufen. Das sind wichtige Mechanismen an der Schnittstelle zwischen Stammeskultur und demokratischer Kultur. Auf diese Weise ist 2001/2002 die liberalste muslimische Verfassung entstanden, die es auf der Welt gibt.Peter Struck sagte, die Bundeswehr müsse wohl noch zehn Jahre in Afghanistan bleiben. Was meinen Sie?Der britische Stabschef David Richards sagt sogar 40 Jahre. Das sind pure Spekulationen. Die internationale Schutztruppe muss so lange dort bleiben, bis sich die Afghanen nach innen und nach außen selber verteidigen können. Wie lange das dauert, hängt sehr davon ab, was wir dort tun. Wenn wir weiter nur ein paar Dutzend Polizisten aus Deutschland schicken, wird es noch sehr lange dauern.Das Gespräch führte Holger Schmale.------------------------------Foto: Tom Koenigs, 65, war 2006 und 2007 Sonderbeauftragter der UN für Afghanistan.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner