Vor genau einem Jahr endete die 50-jährige Herrschaft von Bashar al-Assad, als Rebellen unter Führung der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) die Hauptstadt Damaskus einnahmen. Am Montag feierten Zehntausende Syrerinnen und Syrer diesen Umbruch. Doch das Land bleibt tief gespalten und der Wiederaufbau stockt.
Syrien: Hoffnung und Euphorie auf den Straßen
In Damaskus und anderen Städten wie Aleppo zogen Menschenmengen auf die Straße: Sie schwenkten Flaggen, zündeten Feuerwerk, sangen Revolutionslieder und nahmen an öffentlichen Gebeten teil. Der neue Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa kündigte eine „dauerhafte Abkehr von der Ära der Tyrannei“ an und sprach von einem Neubeginn auf Basis von Gerechtigkeit und friedlicher Koexistenz. Viele sehen in dem Tag ein Symbol der Freiheit nach endlosen Jahren der Unterdrückung.
Tausende Menschen versammelten sich auf dem Umayyadenplatz, um den ersten Jahrestag des Sturzes des Regimes von Baschar al-Assad in Damaskus zu feiern.
© Bakr Al Kasem/imago
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Doch der Optimismus ist zerbrechlich
Trotz der weithin geäußerten Freude über die Machtübernahme bleiben viele Syrer traumatisiert und viele Gebiete zerstört. Infrastruktur, Wohnraum und öffentliche Dienste sind vielerorts in Trümmern, der Wiederaufbau kommt kaum voran. Laut Berichten der AP und der Times of Israel finanzieren viele Rückkehrer ihre Reparaturen selbst, denn staatliche Hilfe fehlt. Arbeitsplätze sind rar, wirtschaftliche Perspektiven dürftig.
Zudem herrscht weiterhin Unsicherheit: In Regionen, in denen Minderheiten leben - etwa Alawiten, Drusen oder Kurden - blieb es am Jahrestag weitgehend ruhig. Viele Geschäfte blieben geschlossen, aus Angst vor Gewalt oder neuen Konflikten.
Trotz der politischen Veränderungen bleibt Syriens Alltag von Gewalt, Zerstörung und tiefgreifender Spaltung geprägt: Eine unabhängige Untersuchung ergab laut Reuters, dass zwischen dem 7. und 9. März 2025 rund 1479 Menschen der religiösen Minderheit der Alawiten bei Massakern getötet wurden. Häuser wurden ausgeplündert, Dörfer niedergebrannt - die Angreifer oft schlecht zu unterscheiden von regierungstreuen Kräften. Es war die schlimmste Gewaltwelle seit dem Sturz Assads. Jüngste Berichte zufolge laufen jetzt die ersten Gerichtsprozesse gegen Verdächtige.
Auch in der südlichen Provinz Suwaida kam es in den letzten Monaten zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Drusen-Gemeinschaften und sunnitischen Beduinen - ein Zeichen dafür, wie fragil der gesellschaftliche Frieden ist.
Damaskus: Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa spricht während der offiziellen Feierlichkeiten zum Tag des Sieges im Konferenzpalast.
© Moawia Atrash/dpa
Al-Scharaas Versprechen trifft auf Syriens Realität
Al-Scharaa erreichte zwar eine weitgehende Aufhebung westlicher Sanktionen und kündigte einen vierjährigen Übergangszeitraum für Verfassungsreform und nationale Neuordnung an. Doch während einige Vertriebene zurückkehrten, bleibt der Wiederaufbau vielerorts aus. Stromversorgung, Infrastruktur und Arbeitsplätze sind internationalen Berichten zufolge Mangelware.
Nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen bleibt die Lage für Minderheiten in Syrien angespannt, Gewaltvorfälle und mangelnder Schutz sorgen weiter für Angst. Ein Bericht der Nachrichtenagentur AP beschreibt zudem, wie ehemalige Gefangene trotz ihrer Freilassung unter den körperlichen und psychischen Folgen der Haft leiden.
Forderung nach Gerechtigkeit - aber gefährliche Spaltung
Übergangspräsident al-Scharaa versprach auch am Jahrestag von Assads Sturz, Verantwortliche für Verbrechen gegen das syrische Volk zur Rechenschaft zu ziehen. Doch die Versprechen stehen vor Gewaltakten und langwieriger, sektiererischer Gewalt - insbesondere gegen Minderheiten. Menschenrechtsorganisationen warnen: Ohne echte Justiz und Versöhnung droht Zwangsfrieden statt echter Stabilität.
Die neue Übergangsregierung um al-Scharaa sucht seit Monaten international Anerkennung und knüpft diplomatische Kontakte. Doch die Befürchtungen bleiben groß: Viele Syrer sehen in dem neuen Regime nur eine andere Form der Macht, diesmal geführt von früheren Rebellen.
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© Sally Hayden/imago
Syrien bleibt ein Land im Übergang
Ein Jahr nach dem Sturz Assads ist Syrien ein Land voller Gegensätze: Hoffnung, Jubel und Sehnsucht nach Neubeginn stehen neben Zerstörung, Misstrauen und existenziellen Sorgen. Für viele bleibt unklar, ob der politische Umbruch wirklich eine neue Ära einläutet oder ob alte Konflikte und ungelöste Traumata die Zukunft belasten.
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