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Die dystopische Literatur des Imperialismus, die mit Jack Londons „Eiserne Ferse“ begann, erfährt seit den 2020er-Jahren ein Comeback und wird zunehmend mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Von Paul Lynchs „Das Lied des Propheten“ (Booker-Preis 2023) bis zu Ali Smiths „Gliff“ (Dubliner Literaturpreis 2026) entwerfen Schreibende Zukunftsvisionen, die der Gegenwart verstörend nahe sind.
Anders als Lynch, dessen Widerstand konspirativ und düster bleibt, verankert Smith ihn in der Struktur von „Gliff“ selbst. Durch die Mutterfigur, zwei Gleichnisse, das Pferd Gliff, den Akt des Benennens und den Wechsel zur zweiten Person zeigt sie Widerstand als fortwährenden Akt des Linderns: Wunden versorgen, Ausgelöschtes erinnern und dem Unverifizierbaren entgegengehen. Zentral ist dabei die Kategorie des „Unverifizierbaren“ – Menschen, denen ihre digitale Identität entzogen wurde, weil sie die Mächtigen mit der Wahrheit konfrontierten. Das Pferd Gliff bewahrt die Erinnerung an das Humane in einer Welt, deren System und dessen Vollstrecker unmenschlich geworden sind.
Dass gerade der basisdemokratische Dublin Literary Award, der die Stimme des Lesepublikums vertritt, „Gliff“ auszeichnet, unterstreicht die Wirkung des Romans: Er verhindert, dass Lesende nur Zuschauer bleiben. In Deutschland wurde der Preis erst in den letzten Jahren stärker wahrgenommen, vor allem durch die Auszeichnung 2023 von Katja Oskamps „Marzahn, mon amour“.
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Die unsichtbare Mutter als verborgener Ausgangspunkt
Der Staat in „Gliff“ erklärt Menschen für „unverifizierbar“ und unterwirft sie Inhaftierung, Folter und „Umschulung“ in Archen (für Erwachsene) und Zirkussen (für Kinder). Die Gründe dafür wirken erschreckend vertraut: „All die Menschen, die hier lebten, inklusive der wilden Kinder, waren jetzt Unverifizierbare. Letztendlich alle wegen Wörtern. Einer Person hier hatte man die Verifikation entzogen, weil sie laut gesagt hatte, dass etwas ein Krieg ist, obwohl man es nicht Krieg nennen durfte. Eine andere wurde als unverifizierbar eingestuft, weil sie das Töten vieler Menschen durch ein anderes Volk im Internet als Genozid bezeichnet hatte. (…) Die Wilden waren einfach deshalb als unverifizierbar eingestuft worden, weil niemand wusste, was mit ihren Erwachsenen passiert war, und sich nicht nachweisen ließ, wer sie waren.“
Zur Strafe für das Aussprechen unerwünschter Wahrheiten unverifizierbar erklärt zu werden: Gerade darin liegt die Verstörungskraft von Smiths Dystopie, die die Feindseligkeit der Gegenwart gegenüber unbequemen Wahrheiten spiegelt.
Die Mutter von Briar und Rose, deren Schicksal im Zentrum des Romans steht, bleibt weitgehend unsichtbar und bildet zugleich dessen verborgenen Ausgangspunkt. Als Whistleblowerin deckte sie die Machenschaften des Konzerns Kindweed auf, wurde entlassen, verklagt und mit einer roten Linie um ihr Haus isoliert. Auf Briars Frage, was ein Whistleblower sei, antwortet sie: „Jemand, der die Wahrheit über irgendetwas sagt, obwohl andere Menschen nicht wollen, dass die Wahrheit darüber gesagt wird.“ Ihre Philosophie „Wir können es nicht lösen. Aber wir können es lindern“ wird zum ethischen Leitmotiv des Romans. Nach ihrem Verschwinden bleiben ihre Werte – Benennen, Erinnern und Fürsorge – als moralischer Kompass der Töchter zurück. Zugleich spiegelt sie die beiden Figuren zweier eingebetteter Gleichnisse: die Mutter, die nie vergisst, und den Gegner, der sich der Auslöschung entzieht.
Ein Dialektwort für plötzlichen Schrecken
Die Gleichnisse schaffen einen mythischen Rahmen, der Widerstand rechtfertigt und in eine lange Geschichte einschreibt. Die Saccobanda-Erzählung berichtet von einem pferdeköpfigen Mädchen, das das Ungesagte hört, für unverifizierbar erklärt und weggebracht wird. Seine Mutter erinnert sich, und alles Misshandelte erhebt sich als grauer Berg aus Lärm. Der Mythos verleiht den Ausgestoßenen eine kollektive Identität und verspricht die Rückkehr des Ausgelöschten als Erinnerung.
Das zweite Gleichnis erzählt von einem Tyrannen, der seinen Gegner vernichten will, dessen Asche jedoch Teil von Luft, Wasser und Universum wird. Der Tyrann atmet seinen Gegner schließlich ein. Die Wahrheit kann nicht ausgelöscht, nur zerstreut werden. Gemeinsam legitimieren die Gleichnisse Widerstand als notwendige Antwort auf eine Welt, die ihn auszulöschen versucht.
Das Pferd Gliff bewegt sich auf prähistorischer, lebendiger und literarischer Ebene. Die Mutter zeigt den Kindern eine steinzeitliche Pferdegravur aus der Robin-Hood-Höhle in Derbyshire, die einen mutmaßlichen Auslöschungsversuch überstanden hat. Dieses Erlebnis bereitet die Begegnung mit dem Pferd vor, das Rose „Gliff“ nennt – ein Dialektwort für plötzlichen Schrecken, kurzen Blick oder ein beliebiges Wort. Das Pferd überschreitet die rote Linie und wird zum Begleiter ihrer Bewegung nach Norden.
Zugleich evoziert Smith die Houyhnhnms aus „Gullivers Reisen“. Wie diese verkörpert Gliff Wahrhaftigkeit, Sanftmut und natürliche Würde. Auf dem Höhepunkt trägt es Rose in die nordwärts gerichtete Flucht, während Briar gefangen genommen wird. Das Pferd steht für die fortdauernde Beziehung zwischen Mensch und Tier, die sowohl die prähistorische Kunst als auch der Roman feiern.
Ali Smith lässt ihre Protagonisten durch die englische Grafschaft Derbyshire ziehen.
© Tom Nicholson/Imago
Ein hart errungenes Bild möglicher Gemeinschaft
Briars Entwicklung führt vom Widerstand über erzwungene Mittäterschaft zu einer Form der Erlösung. Der Roman verfolgt sie auf zwei Zeitebenen: als Kind und fünf Jahre später, als sie nach Gefangennahme und „Umschulung“ zu „Mr Allendale“ geworden ist, einer Aufsichtsperson am Packfließband, in eine männliche Identität gezwungen. Der Wendepunkt kommt, als die verletzte Arbeiterin Ayesha Falcon sie erkennt und ihr von Rose erzählt, die in einer Höhle lebte und „Verwahrlosten“ half. Mit Ayeshas Schicksal konfrontiert, erkennt Briar ihren eigenen Verrat.
Obwohl der Roman überwiegend Briars Perspektive folgt, rückt er am Ende Rose in den Mittelpunkt. Die jüngere Schwester verweigert die Bedingungen der Macht von Anfang an, widersetzt sich ihrer Sprache und bleibt bis zuletzt unverifizierbar. Während Briars Entwicklung eine Rückkehr zu sich selbst ist, besteht Roses darin, nie von sich selbst abgewichen zu sein. Gerade deshalb bildet sie den moralischen Anker des Romans.
Colon verkörpert dagegen den reuigen Kollaborateur. Als Teil des Überwachungssystems markiert er Rose und Briar zunächst als mögliche Unverifizierbare, löst sich jedoch zunehmend von seiner Rolle. Nachdem Oona McCool ihn ermutigt, den roten Kreis zu überschreiten, entscheidet er sich, Rose und Gliff nach Norden zu folgen. Auf seine Frage „Wie machen wir es wieder richtig?“ antwortet Rose: „Wir lösen es (…) Wir lindern es.“ Der Junge folgt dem Mädchen, der Mensch dem Pferd – ein hart errungenes Bild möglicher Gemeinschaft jenseits früherer Mittäterschaft.
Der Norden trägt in „Gliff“ eine tiefgreifende Bedeutung: der grüne Norden der Reise der Mutter, die Höhlenkunst, das Unverifizierbare, die Fluchtrichtung vor dem südlichen Überwachungsstaat. Mit der Mutter war der Norden eine vorübergehende Flucht im Wohnmobil. Für die Kinder ist er anders: Rose und Briar fliehen getrennt nach Norden – ohne Erwachsene, ohne Pass, ohne Sicherheit. Der Norden ist kein Ziel, sondern eine Richtung.
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Die Zukunft definiert sich negativ
Die Robin-Hood-Höhle mit der paläolithischen Pferdegravur liegt auf diesem Weg nach Norden. Die Region Derbyshire ist historisch von Widerstand geprägt – von industriellem und religiösem Dissens bis zur Pentrich-Revolution von 1817 und der Rolle des Peak District als Rückzugsraum vor staatlicher Kontrolle. Für die Schottin Ali Smith endet dieser Norden jedoch nicht historisch, sondern wird räumlich und politisch weitergedacht: als Zone abnehmender Kontrolle, in der die Überwachungslogik des Staates dünner wird und ein Mädchen auf einem Pferd überhaupt noch ankommen kann.
Nach Briars Erzählung in der ersten Person wechselt der Roman auf den letzten Seiten in die zweite Person und berichtet von Roses Widerstand nach Briars Gefangennahme: „Du bist ein Mädchen auf einem Pferd.“ Die Leser werden zu Rose; Widerstand wird nicht mehr beobachtet, sondern vollzogen. Das „Du“ bindet sie direkt ein. Das Ende bleibt offen: Rose, Gliff und Colin gehen nach Norden, Briar folgt später. „Das überlegen wir uns auf dem Weg.“ Es gibt keinen festgelegten Weg, keinen garantierten Sieg. Die Zukunft definiert sich negativ: nicht Autoritarismus, nicht Überwachung, nicht rote Linie, nicht Schlachthof. Sie bleibt improvisiert, kollektiv und offen.
In „Gliff“ benennt Ali Smith zentrale Gegenwartsprobleme: Überwachung, Datenextraktion, Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen und Wahrheitssagenden sowie Unternehmens- und Establishment-Immunität. Zugleich entwirft sie ein Bild des Widerstands: ein Mädchen mit einem Pferd, einen Stein aus ihrem zerstörten Zuhause in der Tasche, unterwegs nach Norden. „Gliff“ erscheint so als einer der bedeutenden dystopischen Romane der 2020er-Jahre – nicht weil er Zukunft vorhersagt, sondern weil er zeigt, wie sie bereits hier ist.
Ali Smith: „Gliff“ , aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, 304 Seiten, 25 Euro.
Jenny Farrell, Publizistin und Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, studierte an der Humboldt-Universität und lebt seit 1985 in Irland.
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