BURG. Die Welt von Aliou S. ist 2,50 Meter breit und sechs Meter lang. Sie hat nackte Steinwände, die weiß getüncht sind, ein Fenster, einen zerkratzten Schrank, ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, ein zerschlissenes Ecksofa und einen angerosteten Kühlschrank. Es gibt auch eine braune Tür, auf der außen die Zahl 306 steht. "Ich bin hier drin die meiste Zeit", sagt Aliou S.. "Hier ich habe wenig Angst, nicht so viel wie da draußen." Draußen ist Deutschland."Hier drin", das ist Alious Zimmer im Asylbewerberheim am Rande von Burg, einer Kreisstadt in Sachsen-Anhalt. Seit acht Jahren lebt der Schwarzafrikaner aus Burkina Faso hier, in den fünfzehn Quadratmetern seines Zimmers. "Ich kann nicht von hier zum Bahnhof gehen ohne Angriff", sagt er in gebrochenem Deutsch. "Verbale Aggression immer, manchmal auch körperlich." Mehrmals war er bei der Polizei. "Ich sage, ich habe Angst. Die Polizei sagt, bleib doch im Heim, dann passiert dir nichts."Im Mai letzten Jahres ist ihm etwas passiert da draußen, mal wieder. Diesmal aber waren es nicht nur böse Worte oder ein Rempler. Diesmal wurden er und ein Freund von einer Horde rechter Jugendlicher umringt und zusammengeschlagen. Vor einer Diskothek ist das passiert, mitten in Burg.Polizeibeamte waren erst zehn Minuten nach dem Notruf aus ihrem nur einhundert Meter entfernten Revier am Tatort eingetroffen und hatten die beiden Opfer aus der Mitte der Schläger geholt - ohne aber die Personalien der Tatverdächtigen festzustellen. Auf dem Revier weigerten sich die Polizisten zunächst, eine Anzeige aufzunehmen. "Was wollt ihr denn noch, wir haben euch doch den Arsch gerettet", hatte einer der Beamten zu Aliou und seinem Freund gesagt.Der Fall ist typisch für Sachsen-Anhalt. Seit drei Jahren hat das Bundesland die höchste Quote rechter Gewalttaten bundesweit, bezogen auf die Einwohnerzahl. Immer wieder sorgen hier schlampige Polizeiarbeit und schleppende Ermittlungen bei rechtsradikalen Straftaten für Schlagzeilen. In Städten wie Burg und Halberstadt haben sich feste Strukturen rechtsradikaler Jugendlicher gebildet, die Ausländer und Linke anpöbeln, jagen und zusammenschlagen. "Rechte und rassistische Täter können sich relativ sicher fühlen in Sachsen-Anhalt, weil Polizei und Justiz nicht immer konsequent durchgreifen", beklagt Heike Kleffner von der Organisation "Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt".Dennoch hat Aliou S. in seinem Unglück auch ein bisschen Glück gehabt. Nicht nur, weil er bei der Attacke keine lebensbedrohlichen Verletzungen erlitten hat. Sondern weil nun ein paar nicht ganz unwichtige Menschen auf ihn aufmerksam geworden sind. Wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann, der sich vergangene Woche höchstpersönlich einschaltete und die drohende Abschiebung von Aliou S. stoppte. Wegen seines abgelehnten Asylantrages ist der Afrikaner seit Jahren - wie es im Amtsdeutsch heißt - "vollziehbar ausreisepflichtig". Nun darf Aliou S. in Deutschland bleiben, verfügte der Minister, vorerst jedenfalls. So lange er als Zeuge für die seit 13 Monaten laufenden Ermittlungen sowie für eine mögliche Gerichtsverhandlung benötigt wird.Ganz freiwillig hat Innenminister Hövelmann diese Ausnahmegenehmigung aber nicht erteilt. Die "Mobile Opferberatung" in Magdeburg hatte an ihn appelliert, Aliou S. als Opfer eines rassistischen Angriffs ein humanitäres Bleiberecht zu gewähren. Käme es zu einer Abschiebung des Afrikaners - so heißt es in dem von Gewerkschaftlern, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern unterzeichneten Appell - könnten sich die Rechten in Sachsen-Anhalt "in ihrer gewaltsamen Forderung 'Ausländer raus' durch das Vorgehen der Ausländerbehörden legitimiert und zum Weitermachen ermutigt fühlen".Zusammengesunken sitzt Aliou S., ein schmächtiger junger Mann mit sanftem Blick, in seinem Zimmer. In der Ecke flimmert unbeachtet ein kleiner Fernseher, der Ton ist abgestellt. An der Wand gegenüber hängt ein Kalender, das Juni-Bild zeigt eine paradiesische Küste irgendwo auf der Welt. Auf dem Nachttischchen neben dem ordentlich gemachten Bett liegt ein zerfleddertes Wörterbuch, "Deutsch Rapid" steht darauf. Ein Tischchen am Schrank wird von einem Kunstblumenstrauß geschmückt, darüber hängt eine kleine Goldmedaille. "Ein Fußballturnier vor zwei Jahren", sagt Aliou S., und endlich verliert sein Lächeln für einen Moment seine Traurigkeit. "Das war ein schöner Tag."Im Juni 2001, so erzählt er, ist er nach Deutschland gekommen. Eine deutsche Frau, die seine Mutter kannte, hatte ihn mitgenommen. Ohne sie hätte er das wohl nicht geschafft. "Sie hat gesehen, wie wir leben zu Hause, und sie hat meiner Mutter gesagt, es wird mir gut gehen in Deutschland." Daheim in Afrika hätten sie gehungert, erzählt er, die Familie sei sehr arm gewesen. Die Mutter ist inzwischen tot, auch der Opa, bei dem er eine Zeitlang lebte, sei gestorben. Nur eine Schwester lebe noch in Burkina Faso, aber zu der habe er keinen Kontakt. "Ich habe keine Familie mehr", sagt Aliou. "Niemanden."Er ist noch ein Teenager, als er im Juni 2001 mit dem Schiff in Hamburg ankommt. Die deutsche Frau, die ihm die Reise ermöglicht hat, rät ihm, einen Asylantrag zu stellen. Papiere hat er wie viele Flüchtlinge aus Afrika nicht dabei. "Ich hab gehofft, dass mein Leben besser wird hier. Ich wollte lernen, arbeiten."Die Behörden überstellen ihn zunächst nach Halberstadt, ins Zentrale Aufnahmelager von Sachsen-Anhalt. Zwei Monate später, im August 2001, kommt er nach Burg. Und bleibt dort acht Jahre lang.Zuerst wohnt er mit drei anderen Ausländern in einem Zimmer. Dann kann er umziehen, nun sind sie nur noch zu zweit auf fünfzehn Quadratmetern. Erst seit diesem Jahr hat er das Zimmer für sich allein.Das Wohnheim am Stadtrand von Burg ist eine alte Militärkaserne. Es gibt lange Flure und Wände, die lange nicht renoviert wurden. Auf jeder Etage sind getrennte Duschräume für Männer und Frauen. Das halbe Dutzend Kabinen ist zwar sauber gefliest, doch keine hat einen Vorhang. Die schäbigen Toilettenverschläge haben immerhin Holztüren. In der Mitte des Etagenflurs gibt es eine Gemeinschaftsküche. Hier stehen sechs Herde. Nur bei einem funktioniert der Ofen, viele Herdplatten sind kaputt. "Wer kochen will, muss anstehen", sagt Aliou S.Weil sein Asylantrag abgelehnt worden ist, darf er weder arbeiten noch einen Beruf erlernen. "Ich gesagt, ich will zur Schule. Geht nicht. Ich will arbeiten. Geht nicht. Immer die gleiche Antwort bei Ausländerbehörde: Duldung, Abschiebung, du darfst nicht."Auch Sprachkurse darf Aliou nicht belegen. Und so hat er sich in seinem Zimmer selbst Deutsch beigebracht, mit der Hilfe von Büchern und dem Fernsehen, wie er sagt. Auch englisch hat er so gelernt.Geld bekommt er von der Behörde, 143 Euro jeden Monat. Für die Unterbringungskosten muss er davon nicht aufkommen, aber auch so reicht das Geld gerade mal, um sich Lebensmittel zu kaufen, sagt Aliou.Ab und zu ist aber auch mal ein Ausflug drin, ins nahe Magdeburg. Bis vor drei, vier Jahren noch durfte Aliou den Landkreis nicht verlassen. Inzwischen hat die Landesregierung die sogenannte Residenzpflicht für Asylbewerber aber auf ganz Sachsen-Anhalt ausgedehnt.Doch Aliou S. verlässt sowieso nur selten das Haus. Jeder Schritt vor dem umzäunten Grundstück des Asylbewerberheims ist für ihn mit Gefahr und Angst verbunden. "Wenn du gehst, alle schauen dich an, wie einen Feind", sagt er. Und irgendeiner sagt immer was. "Nigger, oder Affe." Wenn es gut läuft, bleibt es bei Beleidigungen. Er hat gelernt, vorsichtig zu sein. Er weiß, dass es viele Rechte gibt in Burg. "Wenn ich auf die Straße komme und da stehen zwei, drei Jugendliche, die gucken mich an, dann drehe ich um und gehe zurück ins Heim."Doch Aliou S. hat auch andere Erfahrungen gemacht in der Stadt. "Nicht alle Menschen sind hier nicht gut", sagt er. Manche besuchen ihn im Heim, andere begleiten ihn auf die Ämter, wenn es etwas Kompliziertes zu regeln gibt. Ein paar Mal traf er sich auch mit einem jungen Mann aus Burg, den er kennengelernt hatte, in der Stadt. "Aber dann rief er an, sie haben ihn geschlagen, warum gehst du mit Nigger, haben sie gesagt", erzählt Aliou. Der Junge sei zur Polizei gegangen, aber dort habe man ihm nicht geholfen. "Er hat gesagt, wir können uns nicht mehr treffen."Aliou versteht das. "Manche Menschen hier okay, aber sie haben Angst." Wie der Kellner im Café in der Stadt. Einmal war Aliou mit zwei Freunden dort. Der Kellner kam und bat sie, den Tisch zu verlassen. "Er sagte, andere Gäste gehen, wenn wir bleiben. Wir können gern ein anderes Mal wiederkommen, sagt er. Also sind wir gegangen."Seit acht Jahren hat Aliou S. Angst vor Beleidigungen, Drohungen, Gewalt. Selbst wenn er sich wöchentlich in der Ausländerbehörde meldet, um seinen Status als geduldeter Flüchtling um weitere sieben Tage verlängern zu lassen, sitzt ihm die Furcht im Nacken. "Wenn ich hingehe, ich weiß nicht, ob ich Stempel bekomme oder nicht", sagt er. "Ich sitze dann eine Stunde, zwei, drei und habe immer Angst, dass es nicht mehr geht."Wenn Aliou S. zum Arzt will, muss er erst zum Sozialamt, um sich einen Krankenschein zu holen. Manchmal schickt ihn der Arzt weg, weil es der falsche Schein ist. Dann muss er wieder stundenlang in der Behörde warten, bis er dran ist und das richtige Formular bekommt. Verschreibt ihm der Arzt ein Rezept, muss Aliou wieder ins Sozialamt, bevor er es in der Apotheke einlösen darf. Manchmal sagt man ihm dann auf dem Amt, dass das Rezept nicht anerkannt wird. "Hier ist es nicht gut, krank zu sein", sagt er.Doch Aliou S. ist krank geworden. Seit dem Angriff der Rechten hat er Angstattacken, ist depressiv. Posttraumatische Belastungsstörung nennen das die Ärzte. Eine Behandlung sei dringend notwendig, schreiben sie in ihren Gutachten. Sie könne aber nur in einer sicheren Umgebung erfolgen, in einer Stadt also, in der Aliou S. nicht ständig damit rechnen muss, seinen Schlägern über den Weg zu laufen.Die "Mobile Opferberatung" versucht seit Monaten, ihn aus Burg herauszuholen. Jetzt endlich hatten sie Erfolg. Diese Woche soll er umziehen. Seine neue Unterkunft wird ein Vier-Mann-Zimmer in einem Heim an Rande von Magdeburg sein. Aliou S. würde gerne einen Beruf lernen. Von einer Schule für Mechatronik hat er gehört, das würde ihn interessieren. "Alles besser als Burg", sagt er. "Da acht Jahre weg. Für nichts."------------------------------"Der Kellner sagte, andere Gäste im Café gehen, wenn wir bleiben. Wir können gern ein anderes Mal wiederkommen.""Ich habe gehofft, dass mein Leben besser wird hier. Ich wollte lernen, arbeiten."------------------------------Foto: "Hier ich habe wenig Angst" - Aliou S. in seinem Zimmer im Asylbewerberheim in Burg.
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