Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein für die Bauarbeiter: Etwa zwei Jahre lang stand auf der großen Tropenhaus-Baustelle zwischen Staub, Stahl und Gerüsten ein kleines Zelt. Unter den dicken, weißen Planen war es stets warm und trocken und eine helle Lampe sorgte für ausreichend Licht. - Das Zelt, das so manchen Bauarbeiter neugierig machte und die Planen beiseite schieben ließ, beherbergte eine besonders ungewöhnliche Pflanze: die Welwitschia. Während vor Beginn der Sanierung alle 4 000 Gewächse das Tropenhaus verlassen mussten, wurden die fünf Exemplare der Welwitschia nicht ausgegraben. Zu groß war die Gefahr, dass die Wurzeln der ungewöhnlichen Pflanze beschädigt werden.Die Welwitschia ist eine jener Pflanzen, die wenig ansehnlich, aber enorm auffällig sind: Aus einem knolligen Mittelstück wachsen lediglich zwei ledrige Blätter, die mehrere Meter lang werden können und sich in Wellen über den Boden winden. Einzelne Exemplare können bis 2 000 Jahre alt werden. Doch damit nicht genug: Die Welwitschia existiert bereits seit geschätzten 13,5 Millionen Jahren und ist damit in der Pflanzenwelt das, was der Quastenflosser im Tierreich ist. Die ungewöhnliche Pflanze, deren Zuhause die Namib-Wüste in Afrika ist und die vor 150 Jahren erstmals von einem europäischen Botaniker entdeckt und beschrieben wurde, bringt außerdem männliche und weibliche Exemplare hervor - was selten ist bei Pflanzen. Seit Ende der 1940er-Jahre wird die Welwitschia erfolgreich im Botanischen Garten gezüchtet; Ableger gibt es heute in den USA ebenso wie in Südkorea und Pakistan.Trotz der Zuchterfolge ist bis heute wenig bekannt über die Wüstenpflanze: Unklar ist beispielsweise, wie sie Wasser aufnimmt und wie sie bestäubt wird. Lange Zeit waren Wissenschaftler der Meinung, dass das Wanzen übernehmen, dann gingen sie vom Wind als Transporteur aus, jetzt ist die Rede von Bienen und Wespen.In Berlin ist die Befruchtung der Welwitschia Sache der Gärtner. Sie züchten und vermehren die kleinen Exemplare in speziellen Anzucht-Gewächshäusern. Allerdings dauert es stets Jahrzehnte, bis es neue Nachkommen geben kann: Erst im stattlichen Alter von 50 Jahren offenbart die Pflanze ihr Geschlecht.Der Aufwand, den Gärtner und Gartenwissenschaftler um die fünf Welwitschia-Exemplare im Großen Tropenhaus betrieben haben, hat sich gelohnt: Alle fünf haben das zweijährige Leben im Zelt und unter Kunstlicht überstanden, eine von ihnen blüht sogar schon wieder. Nur eine Pflanze sieht noch etwas mitgenommen aus, doch auch ihre Blätter wachsen inzwischen in hellem Grün weiter.Wie die Welwitschia haben auch die anderen 1 357 Pflanzenarten des Tropenhauses die Sanierung ihrer "Heimat" gut überstanden. Selbst die alten Palmfarne, die mit bis zu 200 Jahren die ältesten Pflanzen im Botanischen Garten sind, haben bis auf einen alle überlebt. Er wurde Opfer des Umtopfens beim Auszug, wie etwa 120 weitere Pflanzen.Aber auch die größten Bewohner des Tropenhauses sind nicht zurückgekehrt: Die fünf hohen Palmen, unter ihnen eine fast 20 Meter hohe Königspalme aus Kuba, passten nicht in die Ausweichorte im Botanischen Garten. Sie stehen jetzt in einem größeren Haus: im Freizeitpark Tropical Islands in Brandenburg.------------------------------Foto: Seit den 1940er-Jahren wird die Welwitschia in Berlin gezüchtet.
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