Das größte Atomkraftwerk Westeuropas im nordfranzösischen Gravelines ist erneut durch massenhaft auftretende Quallen beeinträchtigt. In der Nacht zum Donnerstag schaltete der Betreiber EDF Reaktor 6 vorsorglich ab, nachdem zahlreiche Tiere die Filtersysteme der Meerwasser-Pumpstation erreicht hatten, wie EDF mitteilte.
Die Quallen gelangten demnach an die Vorfilter und Filtertrommeln, die das Meerwasser vor dem Eintritt in die Kühlsysteme der Anlage reinigen. EDF hat nach eigenen Angaben seit dem 8. August zusätzliche Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen eingerichtet, um größere Ansammlungen der Tiere frühzeitig zu erkennen.
Kein Reaktor mit voller Leistung
Nach der aktuellen Mitteilung von EDF sind die sechs Reaktoren des Kraftwerks derzeit unterschiedlich stark beeinträchtigt. Die Einheiten 1 und 2 werden mit reduzierter Leistung betrieben. Die Einheiten 3 und 6 stehen wegen der massiven Quallenansammlungen still. Reaktor 4 ist wegen eines technischen Problems außer Betrieb, während Reaktor 5 planmäßig für seine Zehnjahreswartung abgeschaltet ist. Damit steht derzeit kein Reaktor des Standorts mit voller Leistung zur Verfügung.
Bereits Anfang August hatte eine Quallenansammlung zu erheblichen Einschränkungen geführt. Die Einheiten 3 und 4 wurden am 10. August automatisch abgeschaltet, nachdem die Tiere die Filtersysteme der Meerwasserzufuhr erreicht hatten. Reaktor 2 wurde vorsorglich ebenfalls heruntergefahren. Reaktor 3 konnte am 18. August wieder an das Stromnetz angeschlossen werden. Neun Tage später wurde er erneut abgeschaltet.
Eine Qualle Mitte August vor dem AKW Gravelines
© Marc Demeure/AFP
Hitze belastet französische Kernkraft
Die Probleme in Gravelines fallen in eine Phase, in der die französische Atomstromproduktion ohnehin durch die hohen Temperaturen und die Trockenheit belastet wird.
Mitte August waren nach Angaben der AFP zeitweise 13 der 57 französischen Reaktoren vollständig oder teilweise wegen umweltbedingter Einschränkungen nicht verfügbar. Das entsprach rund einem Fünftel der installierten französischen Kernkraftleistung.
Bei hohen Wassertemperaturen müssen Betreiber die Leistung von Reaktoren teilweise reduzieren, um die Temperatur der Gewässer durch die Einleitung erwärmten Kühlwassers nicht weiter zu erhöhen. Das betrifft insbesondere Anlagen, die Flüsse zur Kühlung nutzen. In Gravelines wird dagegen Meerwasser aus der Nordsee eingesetzt.
Die Quallenansammlungen an der nordfranzösischen Küste sind ein saisonal wiederkehrendes Phänomen. In diesem Sommer haben sie jedoch wiederholt die Kühlwasserzufuhr des Kraftwerks beeinträchtigt. Nach Einschätzung von Fachleuten können steigende Meerestemperaturen und weitere Umweltveränderungen die Bedingungen für das Auftreten großer Quallenbestände beeinflussen.
Ähnliche Probleme an der Donau
Auch in anderen europäischen Ländern hat der trockene und heiße Sommer die Kühlung von Atomkraftwerken erschwert. In Rumänien wurde das Kernkraftwerk Cernavodă wegen des niedrigen Wasserstands der Donau vollständig abgeschaltet. Die Regierung versucht mit Baggerarbeiten, Eingriffen im Flussbett und zusätzlicher Wasserzufuhr aus Stauseen, den für die Kühlung erforderlichen Wasserfluss zu sichern.
Im ungarischen Atomkraftwerk Paks läuft die Stromproduktion wegen des niedrigen Donaupegels ebenfalls nur eingeschränkt. Nach Angaben von Reuters wurde dort versucht, den Wasserstand an der Kühlwasserentnahme durch das Versenken von Lastkähnen anzuheben. Eine Unterwasserbarriere soll zusätzlich die Strömung verlangsamen. Das Kraftwerk liefert normalerweise einen erheblichen Anteil des ungarischen Stroms.
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