„Einen Tisch für eine Person, bitte“: Wer diesen Satz in der Osteria Romana in Brüssel sagt, bekommt seit September ein Glas Champagner aufs Haus.
Darüber berichtete zuerst die belgische Zeitung Gazet van Antwerpen. Chef und Gründer Filippo La Vecchia sagte dem Blatt, ein Abendessen allein solle man als kleines Fest mit sich selbst sehen.
Warum der Wirt Solo-Gästen Champagner schenkt
Vor der Corona-Zeit sei Alleinessen noch ein kleines Tabu gewesen, sagte La Vecchia. Seitdem sähen viele Gäste darin einen Abend nur für sich.
Mit der Geste wolle er keine Kundschaft anlocken. Ein Einzelgast belege meist einen Zweiertisch, reicher werde er dadurch nicht.
Der Chef kennt die Lage aus eigener Erfahrung. Sonntagabends habe er oft keine Lust, für sich allein zu kochen, erzählte er. Der Lieferdienst sei inzwischen auch teuer, und man sitze trotzdem zu Hause. Also gehe er allein essen.
Paare am Handy: Die spitze Beobachtung des Chefs
Einsam wirken in seinem Lokal manchmal nicht die Alleinesser, sondern die Pärchen, sagte La Vecchia. Die beiden tippten auf ihren Handys herum und hätten kaum einen Blick füreinander.
Mit Solo-Gästen komme er dagegen oft ins Plaudern. Wer mag, liest ein Buch oder unterhält sich mit einem anderen Alleinesser.
Carbonara nach Gewicht, Menü für 99 Euro
Billig ist die Osteria Romana nicht. Das Restaurant nahe dem Stadtwald Bois de la Cambre wird im Guide Michelin geführt. Der Reiseführer Petit Futé nennt 99 Euro für das Menü.
Das Aushängeschild ist eine Carbonara, die man nach Gewicht bestellt: 50 bis 250 Gramm, je nach Hunger.
La Vecchia stammt laut Restaurant-Website aus einer Ärztefamilie, ist über und über tätowiert und eröffnete das Lokal im November 2012. Vorher kochte er in Japan. Geöffnet ist dienstags bis samstags ab 18.30 Uhr.
Solo-Dining: Deutsche essen öfter allein als Belgier
Laut einer internationalen Studie, über die das Branchenportal Hogapage berichtete, gehen 52 Prozent der Deutschen hin und wieder allein essen. In Belgien sind es 48 Prozent, in Großbritannien 31 Prozent.
Die Plattform OpenTable zählte in Deutschland von August 2023 bis Juli 2024 18 Prozent mehr Einzelbuchungen als im Vorjahreszeitraum. Solo-Gäste geben dort im Schnitt 72 Prozent mehr pro Person aus als andere Gäste.
Die Rechnung des Brüsseler Wirts, er werde nicht reicher, geht also womöglich nicht ganz auf.
Mischtische gegen Einsamkeit in Bayern und Sachsen
Auch deutsche Wirte stellen sich auf Alleinesser ein. Beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Bayern weisen teilnehmende Cafés, Restaurants und Bars mindestens einen Mischtisch aus, an dem Fremde zusammensitzen können. Sachsen hat das Projekt übernommen, auch um ältere Menschen vor Vereinsamung zu schützen.
Warum vielen Berlinern die Lust am Restaurantbesuch vergangen ist, haben wir in fünf Erfahrungsberichten aufgeschrieben. Berliner Wirte könnten sich die Brüsseler Idee notieren. Ein Glas Sekt kostet weniger als ein leerer Tisch.
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