Ein Haus als Gefährte: Es ist ein inniges Gespräch, das die Ich-Erzählerin mit jenem Ort führt, der sich einst „Pixelzeile für Pixelzeile“ auf dem Computerbildschirm vor ihr aufgebaut hatte; damals, als die glückliche Patchworkfamilie einen Platz für sich auf dem Land suchte. „Das Haus hielt sein Schild für uns hoch, Waldschänke, romantisch und peinlich zugleich. Das Haus schaute uns zum ersten Mal an, missgelaunt und stolz, wie es mir seither meistens schien. Das lag wohl an den beiden Fenstern im ersten Stock, die breiter als hoch waren, wie zusammengekniffene Augen.“
Vielleicht hatte sie damals schon geahnt, dass die ehemalige Kneipe im mecklenburgischen Wald zu einem Begleiter gleich mehrerer Lebensphasen werden würde; einer, mit dem man Zwiesprache halten und der einem den Spiegel vorhalten könnte. „Haus: Du bist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, meinen Versuchen, dich loszuwerden, meinen Versuchen, dich zu verschönern...“
Im Osten? Sie trauen sich ja was!
Zeuge natürlich auch von vielem, was die österreichische Erzählerin zehn Jahre nach der Wende nur ungefähr und nur aus der Perspektive der Zugereisten erfassen kann: „Für den Osten war es eine finstere, gewalttätige Zeit, in der man zuließ, dass bergeweise Hoffnungen zertrümmert wurden, Weltvertrauen, Lebensläufe. Die Folgen hängen dem Land bis heute nach… Für abenteuerlustige Wessis mit Geld war es eine Goldgräberzeit, gleichzeitig begegnete mir auf meinen beruflichen Reisen nach Westdeutschland viel öfter eine Mischung aus Unkenntnis, Scham und schlechtem Gewissen: ‚Ach wirklich, im Osten? Sie trauen sich ja was. Aber klar, man sollte sich das auch endlich einmal anschauen, diese neuen Bundesländer.‘“
„Wer möchte nicht im Leben bleiben“: Ein Kinderlied aus der DDR und ein Roman von heute
Menasse erzählt nicht linear, nicht chronologisch – so wie auch Erinnerung nicht linear und chronologisch ist. Sondern assoziativ, sprunghaft, lebendig. Da sind die Ehe und die Kinder. Da ist, später, die heftige Liebe zu einem, den sie Habibi nennt, und das heftige Zerbrechen dieser Liebe. Da ist das fremde Land DDR – vergangen, untergegangen einerseits, andererseits in Figuren wie dem hilfsbereiten, älteren Paul Woitek, dessen Rolle im alten Regime undurchsichtig bleibt, oder in den kontrollsüchtigen „Sch’tis“ in den Datschen ringsum noch höchst lebendig. „Sch’tis“ nennt sie die Leute nach der französischen Provinzkomödie von 2008.
Das vergangene Kindheitsglück
Wie die Vergangenheit ja sowieso immer mitlebt. Schon im zweiten Kapitel rutscht die Geschichte zurück in die Kindheit der Ich-Erzählerin: zu ihrer Mutter, die auch gern ein Ferienhaus auf dem Land gehabt hätte, aber das Freizeitglück im Tennisklub – dem „Paradies des Vaters“ – finden musste. Wobei es ja noch die wohlhabenden Freunde der Eltern gab, Onkel Walter und Tante Hupfi, mit denen es im Sommer nach Italien ging und Weihnachten in deren Ferienhaus in Niederösterreich.
Anschaulich beschreibt die Erzählerin, wie der Christbaum dort schöner, das Essen leckerer, kurzum, das Gras einfach grüner war als bei den Eltern. „Meine Mutter machte keine Braten, keine Knödel und keine Weihnachtsbäckerei. Das, was ich nur wenig später als Versklavung der Frauen ansah, gehörte für mich damals noch zum vollständigen Kinderglück, das man mir schuldig war.“
Ein Kinderglück, das verlässlich anhielt bis zum dreizehnten Lebensjahr, als die Mutter kurz angebunden mitteilte, dass es in diesem Jahr keinen Weihnachtsbesuch bei Walter und Hupfi geben würde: Walter, der geizige Millionär, der den Besuch irgendeines „Herrn Wichtig“ den alten Freunden vorzog, hatte den Bogen überspannt. Die Mutter streikte. Für die 13-Jährige aber war „eine Selbstverständlichkeit zerbrochen, ein Ritual, eine Gewohnheit, alles, was Kinder lieben, worauf sie ihre Welt bauen.“
Eva Menasse hat „Alleinruhelage“ klug komponiert
Und so wickelt Eva Menasse um das Haus – ihr zentrales Thema und Motiv – nicht wenige der großen Themen des Lebens. Wie gute Bücher oft, handelt „Alleinruhelage“ deshalb von vielem zugleich. Dass der Preis dafür nicht Verzettelung ist, sondern die vielen Verästelungen ganz im Gegenteil ein organisches Ganzes ergeben, liegt an der klugen und gekonnten Komposition. Denn gehen nicht wirklich im Leben oft die Dinge auseinander hervor, oder liegen direkt nebeneinander? Spiegelt die eigene Wohnsituation nicht oft jene wider, in der man aufgewachsen war?
Ganz zu schweigen von den verwickelten Beziehungsdynamiken und Kommunikationsmustern der Kindheit, die man oft erst im Älterwerden durchschaut, nicht selten erst dann, wenn man das, was man doch auf keinen Fall wiederholen wollte, an den eigenen Kindern praktiziert. Ja, sagt das Buch – es lohnt sich, die Walter-und-Hupfi-Geschichte in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zu durchleuchten, denn an ihr lässt sich die Spur von der Kindheit ins Elternsein gut zeigen.
„Wenn ich an meine Wut und meine Enttäuschung von damals denke, an die Ungläubigkeit, an das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, und dabei noch meine Schwester trösten zu wollen, bleibt mir vor Schuld und Scham die Luft weg. Denn genau das, aber in unvergleichlich größerem Maßstab, habe ich in verschiedenen Wir-Konstellationen meinen Kindern angetan, auch dem Jungen, den ich lange mit großgezogen habe. Unverständliche Erwachsenenverwicklungen, die Kindern ihre Welt zerschmettern. Man muss sich das klarmachen, es ist eigentlich unverzeihlich. Und dennoch verzeihen Kinder jeden Tag.“
In treffender und zärtlicher Sprache, mit souveränem Witz, adressiert Eva Menasse durch den Ort hindurch, der ein Gehäuse für so viel persönliche Vergangenheit war, natürlich die Lebenszeit selbst, die sie mit wachem, auch wehmütigem Blick im Roman verdichtet.
Und dann kommt er, jener Moment, den der erste Satz des Buches schon angekündigt hatte: „Haus, ich verkaufe dich.“
Denn davon handelt dieses starke, in so schöne Sprache gekleidete Buch ja vor allem: von Entwicklung. Vom Trennen, Loslassen, Neuanfangen, von Lebensphasen, die verabschiedet, aber vorher ganz und gar gründlich verstanden werden wollen. Wie ein Haus, das man bis in den Keller und die hintersten Winkel des Dachbodens ausleuchtet und aufräumt, um erst dann den Schlüssel abzugeben und weiterzugehen.
Eva Menasse: Alleinruhelage. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 213 Seiten, 23 Euro
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