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Die Berliner Kriminalstatistik ist eine Lektüre des Grauens, damals – 1912 betrug die Zahl der aufgefundenen Leichen Erwachsener 226 – wie heute: 2024 mussten insgesamt 117 Menschen ihr Leben lassen. Nicht ablesbar war 1912, dass jemand in Serie gemordet oder aber gleich drei Menschen auf einmal erschlagen hatte – und das innerhalb einer Stunde. Bis Oswald Trenkler, der schwindsüchtige Schlossergeselle aus Klein-Schönau in Sachsen, die Berliner eines Besseren belehrte. Ein Täter, der – so die einhellige Meinung der Presse – „weit über die Reichshauptstadt Berlin hinaus allgemeines Aufsehen“ erregte. Denn Oswald Trenkler, dieser geistig nicht gesunde Täter, hatte 1912 tatsächlich innerhalb einer Stunde die gesamte Familie Schulze aus der Alten Jakobstraße 94/95 mit einem Schlageisen dahingemetzelt. Wie hatte es zu diesem Dreifachmord der von der Presse so viel zitierten „Bestie in Menschengestalt“ kommen können?
Oswald Trenkler, Sohn eines „braven und in seinem Heimatort sehr geachteten Mannes“, ist ein schmächtiger und blasser kleiner Mann. Ein Entlassungsschein aus dem Gefängnis – auch enthalten in einer Kriminalakte des Polizeiamtes der Stadt Leipzig – zeugt von seinem ungesunden Äußeren. Der ledige 1883 in Klein-Schönau in Sachsen geborene Schlossergeselle ist demnach bereits Anfang 1899 wegen schweren Diebstahls vom Landgericht Bautzen zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, und das im Alter von 15 Jahren. Noch im selben Jahr ist er rückfällig geworden, ebenso 1901 und 1904.
In Bautzen saß Trenkler bereits im Strafvollzug, bevor er nach Berlin kam.
© piemags/imago
Doch die Strafen werden nie von einer Läuterung gekrönt, im Gegenteil. Was genau er sich 1904 hat zuschulden kommen lassen, geht aus der Akte nicht hervor. Es muss jedoch gravierend gewesen sein, weil er für diese Straftat vom Königlichen Landgericht Dresden zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde, die Strafe aber nicht im Gefängnis absitzen musste, sondern in einem für die Gefangenen von den Bedingungen her noch strengeren Zuchthaus.
Ziellos, verarmt und todkrank
30. Dezember 1910. Während viele Menschen gut gelaunt dem Jahresausklang entgegensehen, wird Trenkler aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen. Da steht er nun mit seinen wenigen Habseligkeiten und weiß nicht so recht, wohin mit sich. Er ist mittlerweile nicht „nur“ ein Dieb, sondern auch ein Betrüger, so viel weiß man bereits. Aber er ist auch schwer krank, weil er sich in Waldheim die Tuberkulose eingefangen hat. Und die ist gnadenlos und wird aus ihm schnell ein blutspuckendes Wrack machen, dessen Lebenszeit in der Folge rasant abnimmt. Der Mann hat nichts mehr zu verlieren. Das rechtfertigt jedoch nicht im Geringsten, was sich über ein Jahr später ereignen wird, als Trenkler sich entschließt, nach Berlin zu gehen.
Man weiß nicht, wie Trenkler seine Zeit bis zu jenem schicksalsträchtigen Januartag des Jahres 1912 verbracht hat. Wann er sich letzten Endes dazu entschied, einen Raub zu begehen, angeblich, um eine teure, aber eigentlich sinnlose Kur zu finanzieren. Die Morde will er nicht geplant haben. Und auch sonst war später vor Gericht von Demut im Schatten des Damoklesschwertes Tuberkulose bei ihm rein gar nichts zu erkennen.
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Seine Wahl fällt auf die Familie Schulze in der Alten Jakobstraße. August Schulze, das Oberhaupt der Familie, kennt er flüchtig. Der 50-jährige Schulze hat dort einen kleinen Laden, an den sich eine kleine Wohnung anschließt, der ihm, seiner Frau Anna und der 18-jährigen Tochter Margarete ein Zuhause bietet, das in Wirklichkeit aber schon lange keins mehr ist. Immer öfter bekommen Nachbarn Streitigkeiten des Ehepaars mit und wissen auch, dass Schulze „Damenbekanntschaften zweideutiger Art“ pflegt.
17. Januar 1912. Es ist ein Mittwoch, an dem es bei Schulzes mal wieder laut wird. Die Nachbarn kennen das und kümmern sich nicht weiter darum. Sie ahnen nicht, dass es sich bei dem Lärm diesmal um einen Kampf um Leben und Tod handelt.
Trenkler hat sich durch eine Seitentür in die Wohnung geschlichen und als erstes die Tochter attackiert. Im Todeskampf reißt sie noch den Ofen von der Wand. Als nächstes erschlägt er die Mutter und zieht dann die beiden Frauenkörper in die Eckwinkel der Stube.
Als der ahnungslose August Schulze aus dem Schwimmbad nach Hause kommt, lauert sein Mörder bereits im Schrank auf ihn. In dem Moment, in dem der Hausherr die Stube betritt, weicht er entsetzt zurück. Überall Blut, und da! Frau und Tochter liegen regungslos auf der Erde. Er wird vielleicht noch kurz einen eisigen Windhauch in seinem Rücken verspürt haben, mit Sicherheit aber einen wahnsinnigen Schmerz, als Trenkler hinter ihm aus dem Schrank stürzt und ihm ohne zu zögern mit dem schon blutbefleckten Eisen auf den Schädel schlägt. Schulze ist längst bewusstlos zu Boden gesunken, da drischt Trenkler wie ein Wahnsinniger immer noch auf ihn ein.
Im Berlin der Vorkiregsjahre fand Trenkler seine Opfer in Form des Ladenbesitzers August Schulze und Familie.
© Arkivi/imago
„Schreckenstat eines geisteskranken Juweliers“?
Außerhalb des Ladens geht das Leben in Berlin seinen Gang. Es ist erst Mittagszeit, Trenkler hat tatsächlich am helllichten Tag gemordet. Mindestens eine Stunde lang hat er regelrecht gemetzelt und die Wohnung durchwühlt. Und das alles ungeachtet der Tatsache, dass jeden Augenblick jemand den Juwelierladen hätte betreten können. Dann verlässt Trenkler mit seiner Beute den Laden und schaut nicht mehr zurück.
Der Berliner Kriminalpolizei bietet sich ein grauenhaftes Bild. Zunächst vermuten die Beamten eine Familientragödie, sodass das Berliner Tageblatt noch am selben Tag in der Abendausgabe fälschlicherweise von der „Familientragödie in der Alten Jakobstraße“ berichtet, die die „Schreckenstat eines geisteskranken Juweliers“ gewesen sei. Die aufgebrachte und zugleich verängstigte Bevölkerung wähnt sich erleichtert in Sicherheit, doch die ist nur von sehr kurzer Dauer, als bekannt wird, dass die gesamte Familie Schulze Opfer eines noch unbekannten Raubmörders geworden ist.
Am 23. Januar 1912 werden die drei Toten unter großem Andrang auf dem alten Luisenstadtkirchhof in der Bergmannstraße beerdigt. Der Friedhof wird sogar von 10 bis 12 Uhr geschlossen, damit Angehörige und Freunde sich in aller Ruhe von den Toten verabschieden können. Die Verunsicherung ist riesig, der Druck auf die Kriminalpolizei zunehmend. Trenkler ist derweil mit seiner Beute nach Sachsen geflohen. Die Liste der gestohlenen Preziosen ist ellenlang – doch Trenkler denkt wohlweislich zunächst gar nicht daran, die Sachen zu verhökern, um sich nicht in Gefahr zu bringen.
Ein Händler kommt Trenkler auf die Schliche
Schließlich geraten drei junge Männer in den Fokus der Ermittlungen. Sie sind einem Omnibusschaffner aufgefallen, weil sie ihre Fahrkarten am Tattag mit blutigen Geldstücken bezahlt haben und zudem Blutflecken auf Hosen und Stiefeln hatten. Doch die Verdächtigen entpuppen sich als unbescholtene Fahrstuhlführer und der Schaffner als ein Mann mit zu viel Fantasie.
Vier lange Wochen arbeitet die Polizei auf Hochtouren und das ohne Erfolg. Bis Trenkler einen Fehler begeht, der der letzte in seinem Leben wird. Als er in Dresden den Versuch macht, einem Althändler einige wenige Schmuckstücke zu verhökern, vergleicht der sie sofort mit einer Liste, die er – und andere Trödler im ganzen Land – von der Berliner Kriminalpolizei bekommen hat. Das Spiel ist aus für Oswald Trenkler! Für diesen merkwürdig gleichgültigen Täter, dem es, so der Eindruck von Prozessbeobachtern, offenbar völlig egal war, was er getan hatte.
Ein kurzes Leugnen im Verhörraum, dann sieht der Mörder ein, dass es keinen Zweck hat: Er gesteht. Schließlich legt er auch vor Gericht Rechenschaft über sein verpfuschtes Leben ab, an dem ausschließlich er Schuld hat, niemand anders sonst. Er erzählt, dass er von Schwindsucht geplagt wird, die ihn bald dahinraffen wird, weil er bereits im Endstadium ist. Doch drei Leben für eins, diese Rechnung darf für die Justiz nicht aufgehen. Der Prozess wird für Trenkler zur Qual. Er ist so gut wie tot, spuckt ganze Näpfe mit Blut voll, die Verhandlung muss mehrmals vertagt werden und kann schließlich gar nicht mehr zu Ende gebracht werden. Am 26. Februar 1913 verstirbt Oswald Trenkler in seiner Zelle in Alt-Moabit.
In Dresden unterlief Oswald Trenkler ein folgenschwerer Fehler, als er versuchte, geraubten Schmuck zu verkaufen.
© Artokoloro/imago
„Drum stopfe dir die Ohren zu wie ich. Und laß dein innerstes Gelüsten los, Das ist der Todgeweihten letztes Recht“, hieß es im Nibelungenlied aus dem Mund des Mörders Hagen von Tronje, der mit einem ähnlichen Mordrausch wie Trenkler endete. Doch Letzterer war keine Sagengestalt. Er war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und dieser Mann, der in seinen Träumen stets „furchtbare Bilder“ vor sich gehabt hatte, der von Mord, Stechen, Schießen fantasierte, was „in seinen Gedanken lebte und ihn nicht schlafen ließ“, hatte sich ab einem gewissen Punkt unwiderruflich für seinen ganz persönlichen Weg in die Hölle entschieden. Und dabei wollte er andere mitnehmen, sich auch an der Gesellschaft rächen, die ihm in seinen Augen übel mitgespielt hatte.
Es war in gewisser Weise für den Täter auch eine gefährliche Gemengelage. Eine ungünstige genetische Veranlagung, Folgen einer möglichen Haftpsychose und das Damoklesschwert der Tuberkulose – all das hatte den bereits angeschlagenen geistigen Zustand dieses Täters verschlimmert und ihn in der Folge noch gnadenloser werden lassen. Aus einem Dieb war so ein Dreifachmörder geworden.
Hätte man damit rechnen können? Wohl kaum. Zumindest gab es nach seinem Aufenthalt in Waldheim erste Anzeichen für eine bevorstehende Krise, die dann aber zum Amoklauf mit Blutrausch eskalierte – zum Beispiel heftige Erregungs- und Rauschzustände mit Schaum vor dem Mund. Doch ohne Intervention von Polizei, Justiz und Ärzten konnte nichts und niemand mehr diesen Täter, der „immer wilder“ geworden war, aufhalten. Schon gar nicht die Rechtsprechung. August, Margarete und Anna Schulze hatten das mit ihrem Leben bezahlen müssen.
Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, vor allem historisches True Crime, über Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Reise und Genealogie. Im Herbst erscheint im Berliner Ammian-Verlag ihr Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche“ (Zwölf historische Kriminalfälle aus Berlin und Umgebung).
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