Ich schüttle meine Hände und blinzle zum Fernseher als auch zu meinem eigenen Bild. Es ist ein alter Fernseher mit einer riesigen Röhre dahinter, der schon im Wohnzimmer stand, bevor ich das Wort Fernsehen kannte. Es ist Sommer 1998, das alte Gerät ist zum ersten Mal an eine Videokamera angeschlossen, die mich aufnimmt. Ich klammere mich an die Rückenlehne des Wohnzimmersessels, ich lächle, ich strecke meine Zunge heraus, lasse sie aus dem Mundwinkel hängen.
Ich bin fünf Jahre alt, und das ist das erste Mal, dass ich eine Videokamera sehe. Es ist auch das erste Mal, dass ich mein Abbild außerhalb eines Spiegels oder eines Fotos sehe. Und dann gleich auf einem Fernsehbildschirm! Ich winke mit Füßen und Händen, um ganz sicher zu sein: Diese Person da bin ich. Ich gebe keinen Ton von mir. Dafür bewege ich mich ständig und versuche, in meine Augen zu blicken, aber das funktioniert nicht. Wenn ich in den Fernseher schaue, verliere ich meinen Blick, und wenn ich in die Kamera schaue, habe ich das Gefühl, mich ganz darin zu verlieren.
Es ist die Kamera meines Onkels, der aus Holland zu Besuch ist, wo er seit ein paar Jahren lebt und arbeitet. Für die Sommerferien ist er bei uns in Bukarest zu Besuch. Die Erwachsenen, der Onkel, seine Freundin und meine Mutter, gehen an mir vorbei, ohne dem Bild auf dem Bildschirm Beachtung zu schenken. Aber Papa setzt sich neben mich, unterbricht mich beim Spielen und sagt mir in einem leicht aufgeregten und besorgten Ton: „Hör auf dich so zu bewegen, das ist ein Zeichen für einen Minderwertigkeitskomplex.“ Ich weiß natürlich nicht, was das ist, ein Minderwertigkeitskomplex.
Ferienerinnerung: Wie ich im Sommer 1990 zum Dieb wurde
Ein Berliner Abiball: 80 Euro Eintritt, Mädchen im Anzug und das Ende einer Kindheit
Es ist jetzt digitalisiert – in der Cloud
Wir stehen nun beide schweigend vor einer Kamera, die mein schlaffes Gesicht und meine herunterhängenden Mundwinkel aufnimmt. Dann gehe ich weg. Was bleibt, ist das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt mit dem, was ich tue. Die Kamera verfolgt weiter die Bewegungen der Menschen im Haus.
Die Szene bleibt nicht nur in meinem Gedächtnis haften. Mein Onkel schickte uns das Video, und ich sah es erst, als ich etwa 27 Jahre alt war, zu einer Zeit, als ich in der Therapie versuchte, meine Ängste und Komplexe zu bewältigen. Als ich mich sah, habe ich laut gelacht – und die Aufnahme auf meinen Computer überspielt. Ich habe sie mir nie wieder angesehen.
Denisa Nita ist eine freie Journalistin aus Bukarest, Rumänien. Sie arbeitet im Rahmen der Internationalen Journalismus-Programme (IJP) für sechs Wochen bei der Berliner Zeitung.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]