Alte Remisen zeigen sich in neuem Glanz

KULINARISCHES, KULTUR UND TANZ IN EINSTIGEN SCHUPPEN

Sabine Nöbel Angelika Giorgis
4 Min

Es remist derzeit in den Erzählungen von Kollegen und Bekannten. Die einen schwärmen von der stilvollen Übernachtung in einer Remise in einem Apartmenthotel im Holländerviertel in Potsdam, die anderen besichtigten gerade eine Wohnung in einer sanierten Remise auf dem Hof einer Villa. Die dritten besuchten eine Lesung in einer Remise, die zugleich ein Museum ist am Stammhaus der Familie Mendelssohn in Mitte in der Jägerstraße.Auf dem Krongut Bornstedt, seit der Sanierung vor einigen Jahren eine beliebte Adresse für brandenburgisch-preußische Geschichte, Gastlichkeit und Hofprodukte, ist in der Remise die Brandenburg-Manufaktur untergebracht. Alte Handwerksberufe leben hier wieder auf: vom Kerzenzieher über Hutmacher und Handweber bis zu Korbflechtern und einem Bäcker, der Brot nach altem Rezept in den Ofen schiebt. In Berlin findet man Keramikwerkstätten, Galerien, Antiquitätenläden, Naturheilpraxen in Remisen.Remise hört sich irgendwie schick und "in" an, wie etwa Loft oder Longue oder Club. Auf jeden Fall denkt man dabei nicht an Schuppen, was es ja genau genommen früher war, ein Aufbewahrungsraum für Fahrzeuge oder Geräte. Das Wort stammt vom französischen Verb remettre und bedeutete "wieder hinstellen, versorgen", denn meist waren es im Ursprung Unterstände für Kutschen oder später auch Lokomotiven. Für moderne Garagen oder Carports oder Geräteschuppen ist das Wort heute nicht gebräuchlich. Ihm haftet etwas Nostalgisches, Malerisches an.Viele alte Remisen sind Fachwerk- oder Backsteinbauten und geben so ein urig-gemütliches Ambiente. Das gefiel auch Bodo Friedrich und Stephan Freudenreich, als sie 2001 die Remise No1 mieteten. Allerdings hatten sie mit dem 1996 eröffneten Lokal am Mariendorfer Damm mehr im Sinn als Dorfanger-Schwof, wofür die Lokalität bekannt war. Das einstige Hofgebäude für Pferde und Kutschen wurde in den letzten Monaten innen total umgebaut. Der Remisencharakter sollte erhalten bleiben, aber zugleich der Schick des 21. Jahrhunderts einziehen. "Wegen Auflagen des Denkmalschutzes müssen wir uns bei der Leuchtreklame und mit Werbetafeln einschränken", sagt Stephan Freudenreich. Danke, Denkmalschutz. So sieht's doch auch besser aus.Nun wurde in Mariendorf neu eröffnet. Von außen ein uriger Backstein-Klassiker, innen überraschend modern. Die untere Etage wird "Dancing-Queens" gefallen. Erwachsene ab 25 werden hier erwartet. Bodo Friedrich: "Nice gedresst und nicht mit Turnschuhen!" Hier gibt es eine Tanzfläche mit besonderen Lichteffekten dank Wechsel-LED, auf Bildschirmen laufen je nach Veranstaltung Schrift oder Fotos oder. Daneben laden Stehtische mit Barhockern für eine Tanzpause ein. An der Bar werden zwei Dutzend raffinierte Cocktails und Milchshakes gemixt. Eine breite neue Holztreppe führt nach oben auf die Empore. Da kann man gemütlich in Ledersesseln an runden Tischen sitzen und sich Wein, Champus oder Cocktails servieren lassen. Das ist die Cocktail-Longue - auch ein Modewort für ein beliebtes Element in der zeitgenössischen Gastronomie. Auf der Empore kann auch an weiß gedeckten Tischen richtig gegessen werden: gute deutsche Küche zu bezahlbaren Preisen. Lust auf ein Remisenfest? Karaoke soll es hier auch geben. Und bei gutem Wetter kann in der warmen Jahreszeit im Freien gesessen werden - im Biergarten vor dem gastlichen Haus.Unter dem Stichwort Remise findet man in Berlin und Umgebung viele Gast- und Kulturstätten. Hier ist heute eher ein berühmter Koch als ein Kutscher zu Hause. So zum Beispiel in der Remise im Schloss Glienicke, wo ein Berliner Meisterkoch sein Restaurant hat. Kein Interesse daran, in einen Gourmetführer aufgenommen zu werden, hatten laut Eigenaussage Inhaber eines kleinen Landhotels in Gröben unweit der Abfahrt am südlichen Autobahnring Ludwigsfelde-West. Deutsche Küche der gehobenen Klasse entdeckte hier ein Kollege vor drei Jahren. Deftige Alternative wird in der dazu gehörigen Remise geboten, wo sich der Gast Bratwurst, Fisch oder Fleisch aussuchen und frisch grillen lassen kann. Allerdings nur in der warmen Saison, weil es sich hier um einen überdachten Freisitz handelt. Mit Grill und Steinbackofen. Die Adresse gibt es immer noch, besagt das Internet. Da steht "Wir möchten Sie herzlich einladen, in unserer Remise am Fließ im wunderschönen Gröbener Dorfkern zu schlemmen und zu entspannen." Vielleicht ein Ausflugstipp. Für manchen City-Bewohner wäre ja auch schon Mariendorf ein Ausflugsziel, und es ist besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.In dem gerade wegen umfangreicher Sanierung geschlossenen Jagdschloss Grunewald ist auch schon ein Verwendungszweck für die Remise aus dem 18. Jahrhundert angekündigt: ein Veranstaltungszentrum mit Café und Museumsshop. Das Kulinarische und die Kultur scheinen die Remise für sich entdeckt zu haben. Selbst im Gourmet-Lexikon ArsVivendi kommt sie vor - zwischen dem kubanischen Tabakanbaugebiet Remedios und dem gesetzlich nicht klar definierten Wein-Qualitätsbegriff Reservé. (SN/AG)------------------------------Foto: Einst eine Unterstellmöglichkeit für Kutschen und Wagen - nach denkmalgerechtem Umbau neu eröffnet: Remise No 1.------------------------------Foto: Freitag und Sonnabend verwandelt sich die Remise in ein Tanzlokal.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner