Wenn am kommenden Freitag in Berlins Schulen die Zeugnisse zum Halbjahr verteilt werden, enthalten wahrscheinlich wieder mehrere tausend den Vermerk "versetzungsgefährdet". Wie in den letzten Jahren. Für den Schüler bedeutet das, dass er das ganze Schuljahr wiederholen muss, wenn er seine Leistungen im nächsten Halbjahr nicht verbessern kann. Im Jahr 2004 gab es allein in Berlin 12 000 Sitzenbleiber.Aber ist das Sitzenbleiben eine gute Lösung? Gegner meinen, Kinder würden durch das Wiederholen demotiviert und wären in der neuen Klasse stark verunsichert. Gundel Schümer, Forscherin am Max-Planck-Institut, weiß außerdem, dass das Sitzenbleiben für jeden Schüler prinzipiell sehr schwer zu verkraften sei. Die im letzten September veröffentlichte Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) wies auch erstmals positive Auswirkungen der Ehrenrunde auf. Sie untersuchte die Laufbahnen von 2 500 Personen aus den Jahrgängen 1961 bis 1973. Es stellte sich heraus, dass jeder zweite Sitzenbleiber "einen besseren Abschluss als ein vergleichbarer Nicht-Sitzenbleiber" schaffte, so Michael Fertig, Autor der Studie. Über mögliche Ursachen weiß die Studie jedoch nichts zu sagen.Woran könnte es liegen? Der Effekt von Nachhilfeunterricht, den sitzengebliebene Schüler oft in Anspruch nehmen, ist ein wichtiger Punkt. Zudem vermutet man einen Warnschusseffekt, aus dem ein Leistungsimpuls resultieren kann: Der Schüler möchte auf keinen Fall noch ein Schuljahr extra absolvieren. Und außerdem möchte er auch nicht dumm vor den Jüngeren der neuen Klasse dastehen.Sitzenbleiben - das kann Strafe oder Chance sein. In Bayern hat man einen interessanten Kompromiss zum Thema gefunden: Die Versetzung auf Probe. Der Schüler wird zunächst trotz schlechter Noten versetzt. Bewährt er sich im höheren Jahrgang, darf er bleiben. Und was kann man von PISA-Spitzenreitern lernen? In Finnland wird auf Ehrenrunden ganz verzichtet, oder erst in oberen Sekundarstufen darauf zurückgegriffen. In Schweden setzt man auf individuelle Förderung. Der Lehrer notiert regelmäßig Lernfortschritte und kann so jeden Schüler genau einschätzen. Die Ferien nutzt man in diesen Ländern für tägliche Übungen. Auch in Deutschland gibt es schon Sommerschulen. Bundesweit scheitert die Ferien- und Einzelförderung jedoch am Lehrermangel und an der Finanzierung.------------------------------Raus aus dem Tief // Versagen in der Schule ist für jeden Schüler schlimm, auch wenn das Leiden oft hinter trotzigem Verhalten verborgen wird. Vorwürfe und Streit helfen keinem weiter. Dagegen ist ein offenes Gespräch sinnvoll.Schlechte Noten sollten Eltern motivieren, die Kinder beim Lernen zu unterstützen. Sie können einen Zeitplan für Hausaufgaben erstellen oder zeigen, wie man mit Nachschlagewerken umgeht.Professionelle Hilfe gibt es bei der Schülerhilfe unter der Telefonnummer 0 800-19 4 18 02.Weitere Informationen und alle Standorte gibt es unter www.schuelerhilfe.de
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