Am kommenden Wochenende ist Tag des offenen Denkmals. Unser Tipp: eine Tour entlang der Spree

Nah am Wasser gebaut

Clemens Niedenthal
4 Min

Die Welt ist im Fluss, auch davon erzählen uns die Häuser. Gestern noch aufgegebene Fabrikbrache, werden heute einer neuen Nutzung zugeführt. Manch ein Schandfleck ist so schon zum Schmuckstück geworden - und hat es bis in das Programm vom diesjährigen Tag des offenen Denkmals geschafft, der am kommenden Wochenende stattfindet.Von jeher bauen die Menschen am Fluss. An ihren Ufern sind im Mittelalter die Städte entstanden. Später wurden die Fabrikareale der Industrialisierung dort errichtet, aber auch die Segelhäfen und Ausflugslokale einer bürgerlichen Vergnügungskultur. Anlässlich des Tages des offenen Denkmals führt unsere Route spreeaufwärts von Köpenick nach Charlottenburg. Wir präsentieren Baudenkmäler entlang des Ufers, Orte der Arbeit und der Freizeit, kühne Industriebauten und ein repräsentatives Bootshaus - alle normalerweise nicht frei zugänglich und nur an diesem Wochenende zu besichtigen.------------------------------Bootshaus Nixenstraße: Erst relativ spät, in der Bürgergesellschaft des 19. Jahrhunderts, begann die Stadtbevölkerung ihre Wasserwege auch als Orte der Erholung zu erschließen. Der Rudersport wurde zu einem Inbegriff bürgerlicher Freizeitkultur. Und die Bootshäuser zu Orten, in denen sich das Vergnügliche mit dem Nützlichen verbinden ließ. In repräsentativen Räumen wurden gesellschaftliche Kontakte gepflegt und Geschäftsbeziehungen vertieft - so auch in der Nixenstraße in Köpenick. 1910 gestaltete der Berliner Architekt Emil Frey dort ein großes Bootshaus für die "Berliner Rudergesellschaft 1884". Gemäß den Moden der Zeit ist das Gebäude im sogenannten Heimatstil gehalten. Aus heutiger Sicht ist das Baudenkmal vor allem von sozialgeschichtlicher Bedeutung, als "typischer Vertreter der Vereinskultur am Anfang des 20. Jahrhunderts", so Architektin Sandra Seifert. Am Sonnabend führt sie interessierte Besucher durch das Gebäude, das auch heute noch von einem Ruderclub genutzt wird.Bootshaus Nixenstraße 2, Köpenick, Sonnabend 11 bis 17 [email protected] Industrielandschaft Oberschöneweide: Entlang des östlichen Spreeufers entwickelte sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eines der interessantesten Industrieareale Berlins. Stellvertretend dafür mag - einem lokalen Wahrzeichen gleich - der neoklassizistische Turmbau der ehemaligen Nationalen Automobilgesellschaft gelten. Entworfen wurde er von Peter Behrens (1915), der ein paar Jahre zuvor auch die epochale AEG-Turbinenhalle in der Huttenstraße 12-16 in Tiergarten gestaltet hatte. Gegenwärtig finden sich die Fabrikanlagen rund um die Wilhelminenhofstraße in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Leerstand, kreative Zwischennutzungen und neue Investitionen prägen ein Quartier, das längst nicht mehr von der industriellen Produktion, wohl aber von industrieller Architektur geprägt ist. Gerade erst hat der Elektronikkonzern Samsung seinen dortigen Standort aufgegeben. Gleichzeitig entstehen Galerien und Ateliers, etwa in der ehemaligen Batteriefabrik BAE. Auch die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) öffnet ihren künftigen Campus im ehemaligen Kabelwerk Oberspree am Tag des offenen Denkmals. Besonders übersichtlich zeigt sich das Industriequartier Oberschöneweide, wenn man es von der Spree aus erkundet - in halbstündigen, fachkundig moderierten Bootstouren.Die Rundfahrten starten am Sonnabend und Sonntag um 14 Uhr, von da an halbstündig. Die Anlegestelle in der Wilhelminenhofstraße in Köpenick ist ausgeschildert. Alle übrigen Termine rund um das Industriequartier Oberschöneweide unter: www.berlin-industriekultur.deHafenkran Wilhelminenhofstraße: Er ist vielleicht das eindrucksvollste Symbol für den Wandel des ehemaligen Industriequartiers: Der 1950 gebaute Hafenkran in der Wilhelminenhofstraße, der von Technik und Konstruktion her Vorbildern aus den 1920er-Jahren nachempfunden ist. Einst gehörte er zum Werkshafen des Kabelwerks Oberspree. Heute befindet er sich im Besitz des Hamburger Möbeldesigners Sven Thomsen, der das 15 Meter hohe Kranhaus wahrscheinlich vor dem Abriss gerettet hat. Nach schwierigen Verhandlungen mit der Stadt Berlin konnte er das eigenwillige Gebäude im Herbst 2002 erwerben. Vier Etagen bieten eine Nutzfläche von insgesamt 400 Quadratmetern. Wohnen, so die Auflage, darf Thomsen in seinem verklinkerten Industriedenkmal allerdings nicht. Zum Tag des offenen Denkmals richtet der Designer ein Café im Erdgeschoss des Kranhauses ein.Das Café im Hafenkran in der Wilhelminenhofstraße 76 ist am Sonnabend von 11 bis 17 Uhr geöffnet.www.berlin-industriekultur.deEhemaliger Müllverladebahnhof: Es ist schon ungewöhnlich, wenn man als Leiter der Bauabteilung der Berliner Müllabfuhr ein epochales Gebäude hinterlässt. Paul Baumgarten ist genau dies mit seinem vom Architekturverständnis der Neuen Sachlichkeit gezeichneten Müllverladebahnhof im Spreebogen gelungen. Die funktionalen Vorgaben an das Gebäude sind schnell umrissen: Auf einer oberen Ebene fuhren die Müllwagen und -kutschen in das Gebäude hinein, auf einer darunter liegenden Ebene nahmen Spreekähne den Berliner Abfall auf und transportierten ihn vor die Tore der Stadt - wo man ihn zur Urbarmachung sumpfiger Flussniederungen verwendete. Seit den 80er-Jahren wird das umgebaute Industriedenkmal vom Architekturbüro Kleihues und Kleihues genutzt.Das Architekturbüro Kleihues und Kleihues öffnet den ehemaligen Müllverladebahnhof in der Helmholtzstraße 42, Charlottenburg, am Sonnabend zwischen 13 und 16 Uhr. Führungen nach Bedarf.------------------------------Foto: Beispiel für die repräsentative Vereinskultur im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts: Bootshaus in der Nixenstraße.------------------------------Foto: Sonnabend geöffnet: Hafenkran im Industriequartier Oberschöneweide.

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