Am Montag wählt die PDS-Bundestagsfraktion Roland Claus zum neuen Vorsitzenden. Er wird es schwer haben

Der Stratege und Tabubrecher

Christoph Seils
4 Min

BERLIN, im September. Der junge Genosse, der am 3. Dezember 1989 als Gast erstmals an einer Sitzung des Zentralrats der SED teilnehmen durfte, hatte den Zorn der alten Parteielite auf sich gezogen. Gerade erst war der 34-Jährige von der aufbegehrenden Basis kommissarisch zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung in Halle gewählt worden, da forderte er über die verhassten Westmedien den Rücktritt des frisch gekürten Generalsekretärs Egon Krenz. Seinen Genossen von der Bezirksleitung riet er nicht nur zur "Aufdeckung des Wesens und aller Erscheinungsformen der Fehlentwicklung", sondern auch zur Einrichtung von "Ämtern der Arbeit". Seinem Amtsvorgänger schickte er den Staatsanwalt ins Haus. So etwas hatte sich die Junge Garde der Partei noch nie erlaubt. Es war die letzte Sitzung des einst mächtigen Zentralkomitees. Weinend trat der bereits 86-jährige ZK-Genosse Bernhard Quandt ans Rednerpult und forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe. Seinen Zorn richtete er gegen die "Verbrecherbande des alten Politbüros" genauso wie gegen die "Konterrevolutionäre" in der Partei. Die Unruhe im Saal war groß. Der junge Genosse versuchte, sich zu rechtfertigen. Bernhard Quandt kannte nicht einmal dessen Namen und zeigte deshalb mit dem ausgestreckten Arm auf ihn: "Honecker erschießen und den erschießen". Es war Roland Claus. Auch elf Jahre später will er nicht über seine Empfindungen reden. Er will das Andenken des verstorbenen Quandt bewahren. Schließlich saß der Kommunist von 1939 bis 1945 im KZ und gehörte nach 1945 zu den Vätern der DDR-Bodenreform. Claus schluckt und schweigt. Fest ist er in den Traditionen der einstigen Staatspartei verwurzelt, auch wenn er seit elf Jahren zu den führenden Reformern der PDS gehört. Claus geht auch heute keinen Streit mit Dogmatikern und Nostalgikern aus dem Weg. Der 45-Jährige will, dass seine Partei auch in der Bundespolitik politische Verantwortung übernimmt. "Die Phase der Selbstbewahrung der PDS ist abgeschlossen", sagt er selbstbewusst. Jetzt müsse die PDS ihren "Gebrauchswert nachweisen" und sich "in der Parteienkonkurrenz behaupten".An diesem Anspruch wird sich Claus nun selber messen lassen müssen. Am kommenden Montag wird die PDS-Bundestagsfraktion ihn zu ihrem neuen Fraktionsvorsitzenden wählen, zum Nachfolger von Gregor Gysi. Claus weiß, welche Verantwortung er sich aufbürdet. "Es wäre leichter, einer Pfeife im Amt zu folgen", sagt er, "aber es wäre auch nicht so reizvoll." Bislang wirkte Claus vor allem hinter der Bühne. Längst hat er als parlamentarischer Geschäftsführer der PDS-Bundestagsfraktion Kontakte zur Bundesregierung geknüpft. "Nicht öffentliche Kooperationsbeziehungen" nennt er sie. Sie sollen Vertrauen schaffen, "um mit kleinen Kooperationsschritten den Weg für die großen zu öffnen". Es wird Claus schwer fallen, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Bühnen gehören Gysi. Wo dieser plaudert, bleibt Claus nachdenklich. Er redet leise und mit feiner Ironie, die nicht jeder sofort versteht. Claus ist ein politischer Stratege. Als PDS-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt dachte er 1993 als Erster darüber nach, eine SPD-Minderheitsregierung zu tolerieren. Claus gefiel die Idee. "Das kann ich mir nicht vorstellen", habe der heutigen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner zuerst geantwortet, erzählt Claus. 1994 wurde das Magdeburger Modell Realität. Nichts reizt Claus mehr als die "unmöglichen Aufgaben". Sein nächstes Projekt heißt "Mitte-Links-Bündnis", die Regierungsbeteiligung der PDS. Zwar sei es unrealistisch, dies schon nach den Bundestagswahlen 2002 anzustreben, aber spätestens 2006 sollte es "Konturen annehmen". Dafür aber muss sich die Partei öffnen. Unermüdlich mahnt Claus deshalb seine Genossen, "eine gute Idee wird erst dann zu Politik, wenn sie den Kreis Gleichgesinnter verlässt". Man müsse, "nicht nur über Umverteilung reden, Wertschöpfung und neue Entwicklungen nicht nur aus der Sicht der Risiken betrachten, sondern auch aus Sicht der Chancen". Es bedeute, nicht nur mit Gewerkschaftern zu reden, "sondern auch mit Unternehmern". Selbst "modernes konservatives Denken" will Claus "kritisch aufnehmen, statt es zur Tabuzone zu erklären". Roland Claus gefallen die Tabus. Das war schon in der DDR so. Als Sekretär des FDJ-Zentralrates holte er Ende der 80er-Jahre Bob Dylan in den Treptower Park, Bruce Springsteen auf einen Sportplatz in Weißensee. Als im Sommer 1989 die DDR-Bürger über Ungarn in Massen flohen, war Roland Claus entsetzt. Er beschloss, ein Konzert zu organisieren, dass gleichzeitig in Ostberlin und Westberlin stattfinden sollte. Im Sommer 1989 wäre dies einer politischen Sensation gleichgekommen. Die Rockgruppe U2 hatte zugesagt, auch der Westberliner Konzertveranstalter Peter Schwenkow wollte mitmachen. Honecker habe "Nein" gesagt, hieß die Antwort von Egon Krenz. Aber wahrscheinlich hat er sich nicht mal getraut, ihn zu fragen, kommentiert Claus heute verächtlich."Es wäre leichter, einer Pfeife im Amt zu folgen, aber es wäre auch nicht so reizvoll. " Roland Claus

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