Berlin hat einen neuen Platz bekommen, den man nicht genug rühmen kann. Seit einigen Jahren schon erstreckt sich das "Band des Bundes" neben dem Reichstag über die Spree, vereinen sich Stephan Braunfels' strenge Bauten für die Abgeordneten und ihre Bibliothek über den Fluss hinweg zu einem monumentalen Ensemble aus Beton und Glas. Als dann im Herbst endlich die Ufergestaltung fertig wurde, trat auf einmal ein kostbarer öffentlicher Raum zu Tage. Neben der Reichstagskuppel und dem jüdischen Museum ist es einer der schönsten Erfolge der von Kompromissen und Lochfassaden so gebeutelten neuen Architektur im wiedervereinigten Berlin.Wer von Baukunst Geborgenheit und menschlichen Maßstab verlangt, der mag sich in Braunfels' Paul-Löbe-Haus verlieren, diesem strengen Riesenkamm mit seiner unendlich langen Halle, in der ausschwellende, runde Ausschuss-Säle wie die Zylinder eines Turbo-Motors für Dynamik sorgen. Auch das raffinierter angelegte Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, dessen Bibliotheksrotunde so herrliche Ausblicke auf den Reichstag und die Spreekrümmung bietet, mag manchen trotz aller Transparenz als Betonburg abschrecken. Draußen aber, zu beiden Seiten der Spree, wo beide Bauten mit dramatisch vorgeschobenen Dächern aufeinander treffen, da findet diese Architektur ihre schönste Erfüllung.Noch Wochen nach der offiziellen Einweihung streift man um die Bauten, um immer wieder neue Aussichten zu entdecken. Man wandert über die schmale Brücke, schaut auf der Westseite ins Abgeordnetenhaus oder steigt am Ostufer hinauf zu Marino Marinis Bronzeskulptur "Miracolo". Von hier oben, wo sich die Freitreppe in breiten Kaskaden zum Wasser ergießt, ist die Aussicht so theatralisch, als hätte sie ein Barockkünstler entworfen. Riesige Panoramascheiben fassen den "Spreeplatz", wie ihn Braunfels voller Künstlerstolz selbst taufte, gerahmt von steilen, fragilen Betonformationen.Innen und Außen, Architektur und Natur, Politik und Volk durchdringen sich. Es scheint, als flösse die Spree mitten durch die parlamentarischen Hallen, die uns Bürgern freimütig Einblick gewähren. Kreisförmige Riesenbullaugen und die Glaszylinder der Anhörungssäle wie der Bibliothek bilden die plastischen Akzente. Tritt man zum Fluss, stören keine Brüstungen den Blick. Stattdessen vereinen sich die Wasseroberfläche und die grauen Platten des italienischen Serpentino-Verde-Belags zu einem Ganzen, zu dem auch der Prospekt des benachbarten Reichstages gehört. An diesem Ort, wo einst die Mauer stand und Flüchtlinge im Wasser starben, hat die flussüberschreitende Architektur der Überwindung menschenverachtender Teilung eine symbolhafte Form gegeben.Braunfels und seine parlamentarischen Auftraggeber sind oft kritisiert worden, dass das Band des Bundes zu wuchtig geraten sei und das historische Parlamentsgebäude arg bedränge. Schaut man jedoch vom etwas tiefer gelegenen Spreeplatz hinüber, dann ist das Gegenteil der Fall. Selbstbewusst erhebt sich der Reichstag aus seiner Umgebung der modernen Neubauten. Aus seiner Isolation während des Kalten Krieges kehrte das Herz des deutschen Parlamentarismus in den Stadtraum zurück.Doch hat Berlin hier nicht nur einen der seltenen gelungen Plätze der Moderne gewonnen, sondern auch einen neuen Ausstellungsraum. Unter der Freitreppe des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses schuf Braunfels eine großzügige Galerie, in der Andreas Kaernbach, der Kurator der Bundestags-Kunstsammlung, künftig das Verhältnis von Kunst und Politik umkreisen will.Passend zur großen Bernhard-Heiliger-Retrospektive im Gropius-Bau zeigt er in einer schönen, stillen Ausstellung jetzt dessen plastisches Werk im Spiegel der Fotografie. Heiliger war wie kein zweiter der Bildhauer-Repräsentant der frühen Bundesrepublik. In dramatischen Schwarzweiß-Effekten leuchtete der Fotograf Edmund Kesting in den späten Vierzigern seine abstrahierten Figuren und Köpfe aus, ganz in der Tradition des Neuen Sehens der zwanziger Jahre. Die organischen Formen trafen den Nerv der Nachkriegszeit. Der bescheidene Schick der Fünfziger, der verhaltene Ernst der Politiker in Heiligers Ausstellungen, die Wirtschaftswunderkleidung des Publikums, in den späten Sechzigern die Installation des "Kosmos" im Westfoyer des wiederaufgebauten Reichstages - die Fotografien erhellen beinahe mehr als die Retrospektive Heiligers Ruhm und öffentliche Allgegenwart, die einer jüngeren Generation heute schon fern erscheint.Womöglich wird sich der Kreis von Heiliger zum neuen Spreeplatz schließen: Seitdem er aus dem Reichstag verbannt wurde, dämmert der "Kosmos" in Kisten. Jetzt deutet sich an, dass die Skulptur in der geplanten Erweiterung des Lüders-Hauses einen neuen Ort finden könnte.Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Zugang Schiffbauerdamm. "Licht Bild Skulptur" bis 29. Januar. Di-So 11-17 Uhr.------------------------------Foto: Wo einst die Mauer stand, vereint jetzt der Spreeplatz die beiden Ufer.------------------------------Foto: Heiliger-Plastik, fotografiert von Edmund Kesting, 1949.
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