Im Falle des britischen Künstlers Jim Lambie verwundert es schon ein wenig, dass dessen raumgreifende Installationen im kunstverrückten Berlin bislang wenig zu sehen waren. Immerhin zählt er zu den Großen der britischen Kunst und war inzwischen auch schon für den renommierten Turner Prize nominiert. Doch glücklicherweise ändert sich das gerade, denn Lambie hat jetzt in der Galerie c/o - Atle Gerhardsen seine erste Einzelausstellung in der Stadt.Zu Beginn steht hier - wie so oft bei Lambie - eine vollständige Beklebung des Bodens mit schwarz-weißen Klebestreifen, die je nach Beschaffenheit des Raumes realisiert wird: bei Atle Gerhardsen, in dessen Räumlichkeiten man durch die vielen Fenster einen schönen Blick auf das Wasser der Spree hat, gibt es demnach verschlungene runde Formen zu sehen, die das Spiel der Wellen aufnehmen sollen. Das Ganze wirkt fast wie auf den Boden gelegtes flirrendes Op-Art oder wie ein Gemälde von Bridget Riley: Der Effekt ist total, alles beginnt zu verschwimmen, und es fühlt sich an, als ob einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird.In den solchermaßen angeeigneten Raum hat Lambie nun eine Reihe von Objekten gestellt, allen voran sieben angeschrägte Betonquader, aus denen die Rückseiten unzähliger Vinylplatten ragen: eine für die Ewigkeit gegossene Sammelleidenschaft, die den temporären Charakter der Bodenbeklebung konterkariert. Das Referenzspiel mit der Popkultur ist im Übrigen, neben den Bodenmanipulationen, die zweite große Spielwiese des Glasgowers. So beziehen sich die drei gezeigten Collagen auf Poster berühmter Musiker: Ian Curtis, Leadsänger der legendären Band Joy Division, Nick Cave und Mark E. Smith von "The Fall" - auch der seltsame Ausstellungstitel "Rowche Rumble" geht auf einen Song dieser Band zurück. Lambie hat all diese Poster mit floralen Mustern überklebt, die er aus alten Stillleben ausschnitt. Curtis ist dadurch in melancholischer Denkerpose zu sehen, von Cave bleibt nur ein stechendes Auge übrig und Smith ist am Ende ganz verschwunden.Berücksichtigt man dann noch eine an der Galeriedecke angebrachte, an der Struktur eines Sternzeichens orientierte Skulptur, die anstelle eines jeden einzelnen Sterns einen Spiegel zeigt, in dem sich Raum und Betrachter fragmentarisch spiegeln oder die aus T-Shirts zusammengenähten und eindeutig an einen tiefenpsychologischen Rorschachtest erinnernden Wandbehang, der dann doch nur nach den Umrissen einer Collage aus verschiedenen Popstarsilhouetten konzipiert ist, so wird schnell klar, was sich hinter dieser designten Installation versteckt: ein hintergründig reflektierendes Spiel mit den Regeln einer allumfassenden Popkultur, ein ständiges Hin und Her zwischen deren hierarchischem Starsystem und der Möglichkeit zu demokratischer Teilhabe, das Changieren zwischen Oberflächeneffekt und Tiefenwirkung.Doch da Lambies Kunst viel eher als umfassendes Environment denn als Präsentation einzelner Arbeiten zu begreifen ist, muss man sich darauf einlassen und sich an der Tür zur Galerie wie beim Betreten eines Clubs in eine andere Welt entrücken lassen. Erst dann entfaltet diese Ausstellung ihre volle Wirkung.------------------------------Galerie c/o - Atle Gerhardsen, Holzmarktstraße 15-18, bis 2. August. Di-Sa 11-18 Uhr, Sa 12-18 Uhr.------------------------------Foto: Referenzspiel mit der Popkultur und Revival der Op-Art zum Drüberlaufen: Jim Lambies Bodenbeklebung und andere Interventionen im Galerieraum.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]