Seit Tagen ist die Piazza San Marco von Venedig ein einziges Desaster. Am Dienstag begannen hier die Aufbauarbeiten für die Freilichtvorführung von "Shark Tale", dem neuen Animationsfilm aus dem Hause Dreamworks. Riesige Gerüste um den Campanile herum haben den zähen Touristenstrom vollends gerinnen lassen; die Leinwand ist gegenüber dem Dom installiert, sieht aus wie ein überdimensioniertes Gummiboot und verdeckt die historischen Fassaden am Platz zu gut einem Viertel. Am Freitagabend soll hier der Junior-Trick-Hai in die Lagune tauchen, der zum Kummer seines mächtigen Hai-Daddys nicht nur Vegetarier, sondern auch Altruist und wahrer Freund eines ehrgeizigen kleines Fisches ist. Zehn Tage lang hat sich die 61. Mostra internazionale d'arte cinematografica nun schon das Wort "Spektakel" an ihr Revers geheftet, und die Stimmung ist gereizter denn je. 500 000 Euro kostet jeder Festivaltag; das Büro des Mostra-Chefs Marco "Super" Müller bestätigt die Zahl auf Nachfrage. Es ist ja nicht so, dass all die Hollywood-Stars nur aus lauter Liebe zur Lagunenstadt einfliegen, um wie gestern Abend Nicole Kidman den roten Teppich vor dem Festivalpalais abzuwetzen. Die Stars lassen sich ihre Auftritte bezahlen, da fallen schon einige Rechnungen an in den exklusiven Hotels "Danieli" oder "Exelsior". Wer immer dem Berlinale-Chef Dieter Kosslick sein Konzept des politischen Arbeitsfestivals vorhält, soll ihm bitte auch gleich ein paar Schweizer Nummernkonten zur Verfügung stellen. Hier am Lido will Silvio Berlusconi höchstpersönlich mit Extrafonds eingesprungen sein. Das verbessert die Stimmung nicht: Vor dem Lido-Casino ist eine große Pinnwand aufgestellt, auf der die Festivalgäste ihre Kommentare hinterlassen können. Heißer Hass springt einem von so manchem Zettel entgegen: "Holocaust plus Kannibalismus im Hause Müller!" Eine Karikatur zeigt, wie der Festivalchef ein hübsches Lagerfeuer mit höherwertigen Euro-Scheinen füttert; der Festivallöwe links neben ihm frisst auch ein paar Bündel Hunderter. Marco Müller muss einem Leid tun - das hat er ebenso wenig verdient wie die miesen Scherze von Miramax-Boss Harvey Weinstein. Der hat dem Mostra-Chef nach der chaotischen Premiere von "Finding Neverland" angeboten, er wolle ihn mit ein paar soliden Schuhen aus Zement an den Füßen für immer im Wasser versenken. Müller könne sich aber aussuchen, ob in der Lagune oder im Swimming Pool des Hotels. Das ist nun der Dank dafür, dass Marco Müller die Amerikaner so ausgiebig hofiert, doch Italien hat wahrlich andere Sorgen, als Verständnis für die Luxusambitionen eines Filmfestivals aufzubringen. Derzeit bastelt Berlusconi an einer Gesetzesvorlage, die ihm die Wiederwahl schon mit fünfundzwanzig Prozent der Stimmen sichert. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, wird Italien wohl als erster europäischer Staat wieder in die 1930er-Jahre eintreten. In diesem Klima galoppierender Gereiztheit üben die Festivalgäste wenig Nachsicht mit Kunstgewerbe und Mittelmaß. Grausames Gelächter für Michele Placidos "Ovunque sei", Schweigen für Gianni Amelios Behindertendrama "Le chiavi di Casa". Man hört, dass die italienischen Beiträge nur auf Druck der Regierung im Wettbewerb liefen. Gelangweilte Gesichter nach Jonathan Glazers stinkreichem Reinkarnationsdrama "Birth" und "La Demoiselle d' honneur", Claude Chabrols schwacher Adaption eines vulgärpsychologischen Thrillers von Ruth Rendell. Die Regisseurin Marziyeh Meshkini demonstrierte mit "Sag-haye velgard", ihrem Film über albanische Straßenkinder, vor allem den Beweiszwang, unter dem sie als Frau des iranischen Vorzeigeregisseurs Mohsen Mahmalbaf steht. Sie hätte ihr Geld besser in ein Waisenhaus in Kabul investieren. Immer läuft alles auf Amerika hinaus, auch im Wettbewerb. Wenn man der Jury nahe stehenden Personen glauben darf, läuft es zum Mostra-Ende hin auch auf einen Goldlöwen für das so gern bös sein wollende, aber doch nur grobe Kino von Todd Solondz hinaus. In "Palindromes" fährt Solondz ausschließlich das Extremste aus der Außenseiterabteilung auf, um von Amerika zu erzählen. Der Film handelt von einer Zwölfjährigen, die um jeden Preis ein Baby will, von den Eltern zur Abtreibung genötigt wird und daraufhin eine Reise in die Welt der religiösen Fanatiker, Pädophilen, Spastiker, Albinos und Contergan-Kinder antritt. Nie steht Solondz auch nur kurz auf Seiten einer seiner Figuren - er benutzt sie, um etwas auszutragen, was man besser nicht wissen will. Modern war dieses Kino zu Beginn der 90er-Jahre; heute ist es Masche. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müsste der Koreaner Kim Ki-duk den Goldenen Löwen für "Binjip" bekommen, denn in seinem Film steckt alles in den Bildern, nicht in Ansprachen. Ein Mann bricht in unbeaufsichtigte Wohnungen ein, stiehlt nie etwas, nimmt nur ein Bad, wäscht seine Sachen und bringt den jeweiligen Haushalt in Ordnung. Als er bei einem Bruch eine misshandelte Frau trifft, tun sich beide zusammen. Schweigend kocht er ihr Essen, stumm tritt sie an seine Seite; am Ende finden sie ein halbschattiges Geisterglück in einer gewalttätigen Welt. Untote und Behinderte sind die Hoffnungsträger dieser 61. Mostra; auch in der deutsch-amerikanischen Abteilung sind die Botschaften der Schwachen zu vernehmen. Gestern Nacht gab es zwar keinen frenetischen, aber doch warmen Beifall für Wim Wenders' "Land of Plenty". 1982 hat Wenders als bislang letzter Deutscher einen Goldenen Löwen gewonnen; sein neuer Film kann indes kaum als Favorit gelten: "Land of Plenty" will ein großes Epos über die USA nach dem 11. September sein, und weil das sehr viel und Wenders ein unheilbarer Romantiker ist, muss sein Film über Patriotismus, Sicherheitswahn und Armut politisch durchlässig mit einer Multikulti-Versöhnung enden. Er fasse seine sehr gemischten Gefühle über Amerika in zwei gegensätzliche Charaktere, sagt Wenders; tatsächlich bezieht er in "Land of Plenty" zwei potenzielle Wahnsysteme aufeinander: die Paranoia des Vietnamveteranen Joe und den Erlösungstrieb seiner religiösen Nichte Lana, die lange in den Westbank-Gebieten lebte und nun in einer Obdachlosenmission in Downtown Los Angeles arbeitet. Beide Figuren haben einen Krieg hinter sich; der Film stellt ihnen die Aufgabe, dieses Trauma gemeinsam zu bewältigen - und der Blick auf die Baustelle von Ground Zero gehört für Wenders ebenso zur Verhaltenstherapie wie die Überblendung von Palästinenser-Attentaten in Israel mit der Kriminalität und dem Elend in L. A. Bei aller Plakativität hat dieser Film auch überraschend viele flirrende, rohe und komische Momente. Paul wird Präsident Bush jedenfalls ganz unkompliziert los, indem er auf einen defekten Fernseher haut, in dem ewig George W.'s Reden laufen. Am Ende trinkt der Terrorbekämpfer mit einem freundlichen Pakistani billigen Wodka. Er arbeite an etwas, sagt Paul seinem Kumpel. Im Bauch der Welt arbeitet es auch. Gerade kam die Nachricht, dass Michael Moores "Fahrenheit 9/11" morgen am 11. September im Iran in den Kinos gezeigt wird.------------------------------Das Klima in Venedig ist gereizt. Da üben die Gäste des Festivals wenig Nachsicht mit Mittelmaß.------------------------------Foto: Wim Wenders' "Land of Plenty" zeigt ein Land im Wahn - die USA.
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