MITTE. Helga Kühl wartet auf Kundschaft. Sie blickt aus ihrem Kiosk abwechselnd zur linken und zur rechten Seite, doch nur wenige Menschen gehen vorüber, kaum einer kommt zu ihr, um sich Softeis, Kaffee oder Cola zu kaufen. Auch an ihrem Stand "Roseneck" nebenan bleibt niemand stehen, obwohl zehn Rosen nur 2,90 Euro kosten und eine Sonnenblume einen Euro. Gute Geschäfte macht Helga Kühl schon seit ein paar Wochen nicht mehr.Seit die Bushaltestelle direkt vor den Kiosken an der Karl-Liebknecht-Straße etwa einhundert Meter weiter nördlich an den Kaufhof verlegt wurde, klagen die Händler und Ladenbesitzer an dieser Ecke nahe dem Alex über enorme Umsatzeinbußen. Die Laufkundschaft fehlt. Berliner und Touristen gehen jetzt andere Wege. "Aus einer gut besuchten Gegend ist eine regelrechte tote Ecke geworden", sagt Helga Kühl. Ein paar Meter weiter steht Imam Kaloglu vor seiner Pizzeria am Alex und hält ebenso nach Gästen Ausschau. Vergeblich. "Es kommt einfach keiner mehr vorbei", sagt Kaloglu. Das bestätigen auch die Mitarbeiter der Apotheke dahinter und weitere Händler, die in dieser Gegend ihre Geschäfte haben.Und so scheint es nicht verwunderlich, dass sich die Geschäftsleute kaum über die Nachricht aufregen, dass die Kioske im kommenden Jahr schließen müssen. "Ich kann mich darüber nicht mal mehr ärgern", sagt Helga Kühl. Es klingt resigniert.Fußgängertunnel verschwindetDie Hilpert AG aus Würzburg hat das Grundstück an der Karl-Liebknecht-Straße/Ecke Gontardstraße vom Liegenschaftsfonds gekauft. Das Immobilienunternehmen will an dieser Stelle ein Hotel bauen. Das "Hotel am Alex" soll keine Nobelherberge mit Wellnessbereich und Swimming-Pool werden, eher eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für Touristen und Geschäftsleute, sagt Wilhelm Hilpert. "Fünf-Sterne-Hotels gibt es in Berlin schon genug." Zudem seien die Zeiten "unbegrenzter Spesenübernahmen für Geschäftsreisende" vorüber. 270 Zimmer soll das Hotel haben. Im kommenden Jahr beginnen die Bauarbeiten. Gleichzeitig wird der Fußgängertunnel, der unter der Karl-Liebknecht-Straße entlangführt, geschlossen. Das hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung entschieden. Schon jetzt wird der Tunnel kaum noch genutzt.Mit den Bauarbeiten für das Hotel am Alex verschwindet am Alexanderplatz die letzte unveränderte Ecke aus DDR-Zeiten. In den vergangenen Jahren wurde der Kaufhof umgebaut und vergrößert, der gesamte Platz neu gepflastert, die Bekleidungskette C&A eröffnete eine Filiale im Berolinahaus, die Rathaus-Passagen wurden saniert und das riesige Kaufhaus Alexa wird im September eröffnen. Die drei Kioske neben der S-Bahn-Brücke stammen noch aus den 70er-Jahren. Schon zu DDR-Zeiten verkaufte Helga Kühl dort als Angestellte der DDR-Handelsorganisation Würstchen und Buletten, bevor sie 1991 den Kiosk kaufte.Der Würzburger Geschäftsmann Wilhelm Hilpert ist überzeugt, dass sich seine Millionen-Investition in den Berliner Hotelbetrieb lohnen wird. "In den kommenden zehn Jahren wird sich die Attraktivität des Alex massiv steigern", sagt er. Daran glauben auch die Investoren der spanischen Hotelkette Sol Melia. Nur wenige Meter von Hilperts Hotel entfernt bauen sie an der Grunerstraße, gleich hinter dem Kino Cubix, ein 60 Meter hohes Vier-Sterne-Hotel mit 421 Zimmern. Das Hotel entsteht auf der Fläche des früheren Gesundheitsministeriums, der leer stehende Plattenbau wird abgerissen. 60 Millionen Euro wollen die Spanier in den Neubau mit Konferenzzentrum, Ballsaal und Restaurant investieren. 2010 soll das Hotel am "Top-Standort Alex" eröffnen, kündigen die Investoren an.Mit dem bereits bestehenden Vier-Sterne-Hotel Park Inn und den geplanten Neubauten wird es künftig drei Hotels rund um den Alex geben. Claudine Köhler, Sprecherin des Park Inn sagt, das führe zu einem "Verdrängungswettbewerb". "In Berlin gibt es schon jetzt viel mehr Hotels als in anderen Hauptstädten. Der Markt ist voll."Viele Ladenbesitzer an der Karl-Liebknecht-Straße hoffen, dass mit den Hotels zu ihnen neue Kundschaft kommt. "Jedes neue Hotel bringt auch neue Gäste", sagt Wirt Matthias Bovensiepen von der Marktschenke. Seine Kneipe steht direkt gegenüber dem künftigen Hotel am Alex.------------------------------Grafik: Hotels am Alexanderplatz------------------------------Foto: "Diese Gegend ist jetzt eine tote Ecke." Helga Kühn, Kioskbesitzerin------------------------------Foto: Viel Platz, kaum Gäste: Pizzeria-Inhaber Imam Kaloglu klagt über Umsatzeinbruch. Auch Eis und Blumen kauft an den Kiosken kaum noch jemand.
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