Lindenberg will heute unbedingt noch joggen. "Fünf Kilometer. Ganz easy zu zweit, nicht auf Zeit", reimelt es unter der Hutkrempe. Der Sänger sitzt mit seiner Mannschaft im VIP-Raum des Brandenburger Stadions. Er gabelt Salat vom Teller. Die anderen gucken "ran" - die Fußballshow. Der VIP-Raum hieß früher Kasino oder Sportlerheim und hat seit früher nur den Namen gewechselt. Leuchtstoffröhren, Kunstblumen und die knallrote Lacktischdecke sind die alten. An der Wand hängt ein Reisekalender für Senioren. Neben dem Getränkebüfett, das sich im wesentlichen auf einen Thermoskanister Kaffee, einer Tüte Kaba fit und und eine Büchse Ovomaltine (stärkt die körperliche und geistige Leistungskraft) beschränkt, steht der Fernseher. Udo Lindenberg soll gleich bei "ran" auftreten. Der Beitrag wurde gestern in Hamburg gedreht. Anschließend ist Lichtprobe, die Musiker kommen in ihren Bühnenjacken rein, die Background-Sängerinnen, hier nur "die Mädels" genannt, in den entsprechenden Kostümen. Jede mit einem Textil am Leibe, dessen Gebrauch garantiert Quetschungen des Bauchraumes nach sich zieht. Immer an seiner Seite Wenn es dunkel genug ist und Andrea eine passable Strecke gefunden hat, kann es auf die Piste gehen. Andrea mit dem sportlichen, blonden Kurzhaarschnitt verfügt über ein Paar respektable Waden, die bereits in schwarzen Leggins auf den Einsatz warten. Udo, der Mittelstreckler, wird sich umziehen müssen, falls er es nicht bevorzugt, mit Sonnenbrille, Hut und rotem Bratenrock durch die Brandenburger Nacht zu flitzen.Andrea ist immer an seiner Seite. Die junge Frau arbeitet als Sekretärin, Ankleiderin, Fitneßexpertin, Pfadfinderin des Künstlers, und sie weiß, wohin ihr Klient seine diversen Augengläser verlegt hat. Diese pompöse Brille (Modell Yoko Ono) für den Pop-Star, die klassische (Modell Lehrer Specht) für alle Tage oder die klitzekleine (Modell Erich Böhme) für's Feingeistige. Sicher gibt es jetzt auch eine Sportbrille in Udos Leben. Lindenberg will zur Zeit fast täglich unbedingt noch joggen. Am 17. Mai wird er Fünfzig. Bis jetzt ist es noch keinem gelungen, diesem Datum davonzujoggen. Zum ersten Mal seit neun Jahren ist Lindenberg wieder mit seinem Panik Orchester unterwegs. Dem "legendären Panik Orchester", wie auf den Plakaten steht. Legendär, das klingt wie tot, vorbei, erledigt. Legendär, das klingt wie Super-Oldies und Bierbäuche in Bundfaltenjeans. In der "Stahlhalle" von Brandenburg übt Lindenberg die Honky-Tonky-Show durch die ostdeutschen Länder. Golden fließt der Stahl an der Havel schon lange nicht mehr. Der BSV liegt hoffnungslos auf Rang 17 der Oberliga, das Fußballstadion verkümmert unter den Flutlichtmasten. Die ehemalige Sport- und Veranstaltungshalle des Betriebes ist eine Katastrophe mit Elektroanschluß.Lindenbergs Tour-Manager Hermjo Klein hat sie für die Proben zu "sehr günstigen Konditionen" von Herrn Barlmeyer gemietet, Geschäftsführer des Fußballvereins, der soeben auf dem Trainingsplatz nebenan eine 0:1-Niederlage gegen Neustadt an der Dosse eingesteckt hat. Herr Barlmeyer möchte Herrn Lindenberg zu einem Kaffee einladen, "im Namen des BSV". Lindenberg lächelt charmant und geht sich fotografieren lassen. Herr Barlmeyer verwandelt sich vorübergehend in Rudi Ratlos, und sein Geschäftspartner Hermjo Klein gibt den Jonny Controletti, "er hatte 'n Streifenanzug an und Gamaschen wie Al Capone". Gut, die Gamaschen blieben in der Garderobe. Zebragestreifte Lackstiefeletten kommen im Brandenburgischen auch sehr gut an.Während Herr Barlmeyer immer noch jemanden zum Kaffeetrinken im Namen des BSV sucht und sich "ran" weiter mit Fußball beschäftigt, entschließt sich Lindenberg, die Wartezeit auf Lindenberg mit einer kleinen Probe zu überbrücken. Da steht der Mann mit Hut und dirigiert den Projektor für seine Bühnenshow. Stückchen höher das Dia, Stückchen tiefer. Ja, ich war ständig da Der Maestro gibt den Einsatz. Genau in jenem Moment soll das selbstgemalte Bild mit dem Cello auf der Leinwand erscheinen. Nicht früher und nicht später. Noch mal von vorn. Ja, ich war ständig da. Immer wieder. Nina oder Jenny In diesem Augenblick in dieser vergammelten Halle, wo es in allen Ecken nach Klo riecht, verwandelt sich Lindenberg vom alten Kasper mit den Kautschuk-Knien in den Artisten, der die Manege nicht lassen kann, bevor sie ihn läßt. In den rührenden Filmen, die Lindenberg so schätzt, muß einer wie er eines Tages vom Trapez stürzen, weil unter ihm plötzlich diese wunderschöne Seiltänzerin die Arena betritt, zu ihm hochguckt und lächelt. Einfach nur lächelt. Vielleicht heißt sie Nina oder Jenny. Mit Sicherheit ist sie noch keine 15. Im Sturz erscheint der müde Akrobat noch mal ganz groß.Udo Lindenberg wird in der Stahlhalle für 2 000 Leute drei Stunden lang singen, spielen, tanzen, als gelte es, die Weltenbühne zu gewinnen. Oder wenigstens die Waldbühne. Er wird "Cello" singen, gleich zu Anfang, und das Dia wird zur falschen Zeit kommen. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es ein Lindenberg, der allein am Klavier diese wundervollen Songs für Gustav und Hermine singt, seine Eltern aus dem westfälischen Gronau, ein Lindenberg, der Betty nicht vergessen hat und das süße Leben feiert. Ohne Gezappel, ohne Panik. Mit einem Whisky vor der Nase und meinetwegen auch mit Hut. Seit einer Ewigkeit fehlt Lindenberg ein Hit, seine neuen Platten rangieren in den Verkaufslisten unter was-sonst-noch-passierte, im Radio dudeln Die Doofen. "Guck dir den Schrott an, der in den Charts oben steht. Das hat nichts mit Qualität zu tun."Leider ist ihm auf seiner aktuellen CD wenig gelungen, was mit Qualität zu tun hat. Es tut weh, den Mann, der mal "im wilden Westen die Pferde testen" wollte, berlinhudeln zu hören: "Ich bin der frische Wind von Berlin. Laß uns um die Häuser ziehn. Wir zischen los - Berliner Luft. Currywurst - und Kebap-Duft." So klingt Udo 96. Zischt los durch die Berliner Luft, Luft, Luft. Nur die Damen und Herren der Tourismus GmbH freuen sich. Wenn überhaupt. Wahrscheinlich hören sie eher die Tekkno-Schlümpfe. Brachiale Promotion In ihrer Mai-Ausgabe wollte ihn die Rock-'n'-Roll-Polizei des Unterhaltungsblattes Rolling Stone aus dem Verkehr ziehen. "Die können doch nicht festlegen, Lindenberg darf nicht mehr singen, weil ihnen Lindenberg nicht paßt. Vielleicht hat der Junge ein Problem mit seiner Freundin. Ich lese so was und vergesse es gleich wieder. Hat keine Bedeutung." Die besonders bösen Passagen zitiert er aus dem Effeff.Mit dem kontrollierten Rummel, den er um seinen 50. Geburtstag veranstaltet, will Udo Lindenberg noch mal nach vorn. Vielleicht ist es der letzte Antritt in einem Geschäft, das sehr vergeßlich sein kann. "Brachiale Promotion" nennt er seine werbenden Auftritte. Endlich sind bei "ran" die Spiele vorbei. Für Fußball interessiert sich der "große Sportsmann" (Moderator Beckmann über Lindenberg) nicht so richtig. Eintracht steigt ab? "Das ist wohl ganz schön schlimm für die, nä?"Jetzt kommt im Fernsehen endlich das, worauf alle warten. Lindenberg. 30 Sekunden lang. Controletti Klein trommelt mit den Fäusten auf den Tisch. "ran" bringt komplett die Tourdaten. "Sieben Millionen." Klein meint die Einschaltquote. Der Veranstalter klatscht seinen Künstler ab, als hätten sie eben den Madison Square Garden ausverkauft. Brachiale Promotion. Auch in der BILD-Zeitung. Dem Blatt hatte sich Lindenberg bisher verweigert. "Jetzt erzählt er alles. Udo intim" heißt die Serie, die mit einigen sehr unvorteilhaften Fotografien der früheren Jahre garniert ist. Der Sänger in Slip und Bademantel nach der Herzattacke von 1989, das tragbare EKG an der Hüfte, ein Stofftier in der Hand. Der Sänger mit einer halbnackten Frau, ihre Hand in seiner Hose. Zum Glück ist der Harald Juhnke des Rock 'n' Roll so nur noch im Archiv zu finden. Seit seinem Zusammenbruch lebt Lindenberg nach eigenen Angaben gesund. Von zyklischen Krisen mal abgesehen.Wenn es ihm gut geht, reist er um die Welt. Wenn es ihm schlecht geht, denkt er über Miller und Müller nach. Die sind schon tot. Er will so gern wie der Mann in seinen Träumen sein und ein bißchen so wie Robert de Niro. Er ist den Amazonas runtergerudert. Das Hotel ist sein Wartesaal. Er führt ein Leben auf Abruf. Bis jetzt hat immer noch einer gesagt: Signore, die Bühne ist angerichtet. +++
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