Irene langweilt sich in dem leeren Haus auf dem Land im südwestenglischen Somerset-County. Ihr Mann Eric ist seit kurzem hier Arzt, er hat zu tun. Ihr fehlt ihre Schwester zum Reden, doch das sind teure Ferngespräche, weil sie einen Mann in den USA geheiratet hat. Und statt zum Beispiel die Weihnachtsparty zu planen, blättert Irene lieber im Ladies’ Home Journal und in anderen Zeitschriften, die sie aus Amerika bekommen hat.
Rita kennt sich noch weniger mit Landwirtschaft aus als ihr Mann Bill. Während er auf dem Grundstück unterwegs ist und bei den Kühen, ist ihre einzige Arbeit das Füttern der Hühner. Am liebsten hockt sie neben dem Ofen und liest Romane mit Raumschiffen und Außerirdischen.
Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht lange her
Noch bevor Andrew Miller zunächst die Frauen und dann die Paare zum ersten Mal zusammenführt, hat er sie den Lesern schon durch paralleles Erzählen vertraut gemacht. Jede dieser vier Figuren trägt etwas mit sich herum. Das kann ein Bruch im Lebensweg sein oder eine heimliche Liebschaft. Sie sind alle noch jung, Anfang/Mitte dreißig. Und für sie alle ist zur Handlungszeit um den Jahreswechsel 1962/63 der Zweite Weltkrieg zwar biografisch schon lange her, aber nicht vergessen.
„Das Land im Winter“ ist so aufgebaut, dass die zufällige Nachbarschaft Menschen verbindet, die sich der alten Klassenschranken wegen sonst bestenfalls gegrüßt hätten. Den Frauen fällt der Kontakt leicht; sie sind beide schwanger, im dritten beziehungsweise vierten Monat, als sie sich kennenlernen.
„Sie waren Leute in steifen Kleidern“, heißt es einmal über eine Tischszene bei Irene und Eric, „in denen sie sich kaum bewegen konnten; Leute, die jeweils nur über ein Dutzend Worte, die dürftigsten, verfügten. Sie hatte ein bisschen Angst vor ihm – Angst um ihn. Er hatte den Ausdruck eines Menschen, der Lust verspürt, etwas Rücksichtsloses zu tun.“
Das Brodeln im Untergrund
Die bewundernswürdige Kunst des Autors besteht darin, die Erzähltemperatur lange angenehm lauwarm zu halten – ein gleichbleibendes Niveau der Gespräche von Irene und Rita, die Alltäglichkeit der Arbeit von Eric und Bill –, während er Details einbindet, die ein Brodeln unter der Oberfläche bewirken. Für die Leser wächst also eine Anspannung, noch bevor sich auf der Handlungsebene etwas entlädt.
Andrew Miller bringt jede der Figuren an einen dramatischen, lebensverändernden Punkt und dann alle geradezu schicksalhaft zusammen. Davon hier zu erzählen, würde dem ersten Lesen die Spannung nehmen. Wobei sich eine zweite Lektüre des Romans unbedingt lohnt, weil es so reizvoll ist, zu verstehen, wie genau der Autor hier das vorbereitet, was alles ins Rutschen bringt.
Der schneereiche, extrem kalte Winter – der kälteste des Jahrhunderts für England – spielt dabei eine Rolle. Es wirkt, als habe Andrew Miller mit seiner Handlungsebene, auf der die Figuren einander begegnen, uns eine glitzernde Eisbergspitze errichtet, unter der sich eine verklumpte Menge an inneren Konflikten und historischen Traumata befindet. Als Irene und Rita gemeinsam einen Schneemann bauen, blinkt auf einmal ein Satz auf, der den Charakter ihrer Nähe beschreibt: „Angst wie eine Berührung, eine Liebkosung.“
Mit „Das Land im Winter“ kam Andrew Miller 2025 auf die Shortlist des renommierten Booker-Preises, wie ein Vierteljahrhundert zuvor schon mit „Zehn oder fünfzehn der glücklichsten Momente des Lebens“. Er ist ein Erzähler, der sein gutes Gespür für die menschliche Seele vor allem an kleinen Dingen zeigt, eher in Entscheidungen, die nicht getroffen werden, eher in Rückzügen als in mutigem Voranschreiten.
Im neuen Buch zeigt sich seine Meisterschaft in der Zeichnung der Frauenfiguren als Menschen ihrer Zeit. Über ihre Schwangerschaften wissen sie intuitiv einiges; sie sind aber weit entfernt von der heutigen Informationsflut und den Kontrollmöglichkeiten. Miller schreibt von ihnen, so transportiert es Nikolaus Stingl in seiner Übersetzung, ohne falschen Zungenschlag, aber so, dass man als heutige Leserin manchmal gern eingreifen würde. Mit der Schwangerschaft schließlich ist die größte Erschütterung des Romans verbunden.
Andrew Miller: Das Land im Winter. Roman. Luchterhand, München 2026. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. 448 Seiten, 26 Euro
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