Premiere am DT

Anflirten gegen den Tod: „Platonow“ als geriatrische Verzweiflungskomödie

Timofej Kuljabin inszeniert Tschechows Erstling „Platonow“ im Deutschen Theater. Nett, aber von Gesellschaftskritik keine Spur – und das in Zeiten des Krieges.

Doris Meierhenrich
Doris Meierhenrich
4 Min
Katrin Wichmann als Anna Petrowna und Alexander Khuon als Michail Wasiljewitsch in Tschechows „Platonow“ am DT

Katrin Wichmann als Anna Petrowna und Alexander Khuon als Michail Wasiljewitsch in Tschechows „Platonow“ am DT

© imago

Nach zwei, drei koketten Sätzen über die neuen Frauen und das Verschwinden der guten alten Zeit kippen die Köpfe erst einmal wieder nach hinten, und alle nicken ein. Zwar war Anna Petrowna in ihrem bequemen Sessel gerade eben erst aufgewacht, als Nikolai Iwanitsch hereinkam und eine mitfühlende Seele suchte. Aber die Unterhaltungen hier im Salon des „Seniorenheims für Veteranen der Bühne“ kosten nun mal besondere Mühe, ob kurz oder lang.

Denn hier wird nicht einfach geplänkelt, hier bekommt jeder Satz ein immer neues Spiel mit dem Leben aufgebrummt. Zumindest kämpfen die betagten Herrschaften darum in ihren kapriziös erotischen Konversationen. Denn alt sind sie zwar, doch immer noch höchst ehrgeizig und lebenshungrig. Fast so wie einst auf der Bühne, als sie begehrt wurden und selbst begehrten.

Nun schieben sie ihre Gehilfen durch die Flure des Heimes, das Oleg Golovko im nüchtern realistischen Landhausstil ins Deutsche Theater (DT) gebaut hat und locker das 19., 20. und irgendwie auch 21. Jahrhundert verschmelzen lässt. Die Wandtäfelung ist leicht abgewetzt, das Fensterglas milchig und die Möbel funktional.

Auch die drei verantwortlichen Maskenbildner des DT haben ganze Arbeit geleistet und nicht nur Katrin Wichmanns Hüften altersgemäß ausgepolstert, sondern vor allem die Wangenhaut so ledern gewachst, dass sie nun beeindruckend ausgedörrt herunterhängt und stattliche Kieferknochen sichtbar macht. Manuel Harders graue Haarsträhnen verhängen derweil lässig die Runzeln in seinem Gesicht sowie die beängstigend schmal gewordenen Augen, die bei Enno Trebs unter den buschigen Brauen und dank seiner krummen Haltung sowieso kaum mehr zu erkennen sind.

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Runzeln und Lederhaut: Die perfekte Verwandlung der Schauspieler

Das alles muss man so ausführlich beschreiben, denn die physiognomische Verwandlung der Schauspieler in ihre um vierzig Jahre älteren Gestalten ist der Kern der Inszenierung des russischen Regisseurs Timofej Kuljabin, der seit Ausbruch des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine im Exil in Berlin lebt.

Es ist prinzipiell keine unraffinierte Idee, Anton Tschechows ungehobeltes Jugendwerk „Platonow“, das er noch als Gymnasiast begonnen und nie beendet hat, in ein gediegenes Altenheim zu verlegen. Denn Tschechow versammelt hier bereits jene überlebte Gesellschaft aus verschrobenen Käuzen, gewissenlosen Geschäftemachern und idealistischen Aufbruchsgeistern, die später all seine Stücke beherrschen. Trotz des Überdrusses am Bestehenden können sie alle das Leben, das sie sich vorstellen, nicht leben. Immer herrscht Endzeit und immer hält ein unsichtbares Bleiband alle tatenlos darin gefangen.

Genau darin sieht Kuljabin die Parallele zum heutigen Russland, wie er im Programmheft schreibt. Wirklich glaubhaft aber entfaltet sich diese Aktualität nicht. Vielmehr entwickelt das Gut der Woinitzews in Gestalt des Künstler-Altenheims nun seine ganz eigene Erzählung. Es ist die Erzählung von Todesangst, Lebens- und Liebesleidenschaften ganz frei von jeder politischen Gegenwart.

Alexander Khuon als Platonow mit wippender kleiner Wampe

Zentrum dieser verzweifelten Lebensgier ist Platonow. Bei Tschechow nur ein enttäuschter Dorflehrer, als geistreichster Sprücheklopfer unter den Künstlern, hier nun aber der umschwärmteste der sklerotischen Versammlung. Und wenn Alexander Khuon in wallend weißem Leinenanzug und Trippelschritten hereinfliegt, seine kleine Wampe dazu wippt und die lustvoll aus dem Dämmer aufschreckende Anna Petrowna gleich in Wallung damit bringt, wird auch das Komische dieser Alterslebenslust hübsch deutlich. Nur bleibt alles schrecklich gepflegt dabei, durchweg mäßig temperiert, auch wenn der verheiratete Platonow bald vier Frauen an der Leine hat (sowie sie ihn), was bei Tschechow in sadomasochistischen Irrsinn abgleitet.

In diesem Künstler-Heim aber ist die Verzweiflung sorgfältig inszeniert. Da stimmt jeder hysterische Lacher der Ex-Schauspielerin Wichmann, jede pathetische Gichtgeste der Ex-Ballerina Birgit Unterweger und jeder Krächzton der Ex-Sopranistin Brigitte Urhausen, sodass unmerklich leise die Todesangst von hinten über ihre Schultern kriechen kann. Eine nette Künstlertragikomödie. Von Gesellschaftskritik keine Spur. Und das in Zeiten des Krieges.

Deutsches Theater, wieder am 29.9., 11.10., 13.10., 26.10. , 20 Uhr


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