Kurios-Protest

Angebliche Wahlmanipulation: Berliner Polizei muss Drei-Personen-Demo durch Verkehr begleiten

Ein Mann läuft rückwärts, eine Frau fährt Tretroller, eine dritte Person brüllt aus dem Mietwagenfenster: Am Montag blockierte eine dreiköpfige Demo den Verkehr am Alex.

3 Min
Rückwärts unterwegs – nach eigenen Angaben im Namen der Demokratie: Anatol Wiecki.

Rückwärts unterwegs – nach eigenen Angaben im Namen der Demokratie: Anatol Wiecki.

© Benjamin Lamoureux

12.30 Uhr, Alexanderstraße, Abbiegespur Richtung Regierungsviertel. Die Polizei begleitet einen Demonstrationszug – so weit, so gewöhnlich. Der Aufmarsch, der sich hier jedoch präsentiert, sprengt jedes Verhältnis von Polizeiaufgebot zu Teilnehmerzahl. Zwei Streifenwagen mit Fahne eröffnen den Zug, dazu Polizisten zu Fuß – Routine bei angemeldeten Demonstrationszügen.

Was folgt, ist es weniger. Anatol Wiecki, Initiator der Aktion, läuft rückwärts. Neben ihm rollt eine Frau auf einem Tretroller. Eine dritte Person sitzt in einem Mietwagen und ruft Parolen durch ein Megafon aus dem Fenster. Das war’s. 21 Kilometer soll die Strecke lang sein, von Friedrichshain über die Karl-Marx-Allee, den Alexanderplatz, Unter den Linden und den Kurfürstendamm bis zum Platz der Republik.

Der Streit von 2021

Anlass ist eine mittlerweile vier Jahre alte Personalie. Wiecki hatte als Wahlvorsteher im Briefwahllokal 024J in Kreuzberg bei der Bundestagswahl 2021 amtiert – bis ihn der Kreiswahlleiter am Wahlsonntag, um 18.11 Uhr, des Amtes enthob.

Stau auf der Abbiegespur in Richtung Regierungsviertel – verursacht von Anatol Wiecki und seinem Rückwärts-Protest.

Stau auf der Abbiegespur in Richtung Regierungsviertel – verursacht von Anatol Wiecki und seinem Rückwärts-Protest.

© BLZ

Der Grund, wie seine Initiative Rückgängig.de darstellt: Wiecki hatte zuvor gegen die damalige Maskenpflicht geklagt und vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg recht bekommen. Ob die Absetzung rechtmäßig war, sollte das Verwaltungsgericht Berlin klären. Dazu kommt es nach Darstellung Wieckis nun womöglich nicht mehr: Das Bezirksamt erklärte, die zugehörige Akte habe nur digital existiert und sei nach einem Computerdefekt „versehentlich“ ohne Sicherung gelöscht worden.

Aus dieser Gemengelage macht die Initiative eine Grundsatzforderung: „Zurück zur Demokratie.“

Im Tempo eines Spaziergangs

Wie viel Verkehr sich hinter dem Konvoi staute, lässt sich am frühen Nachmittag nur schätzen – bei rückwärts laufendem Tempo dürfte der Zug für die volle Strecke mehrere Stunden brauchen. Autofahrer auf der Alexanderstraße sahen sich jedenfalls mit einem Demonstrationszug konfrontiert, der mehr Zeit kostete als jede rote Ampel.

Angemeldet ist die Aktion, das bestätigt allein schon die Polizeibegleitung. Angesprochen darauf, ob man nicht etwas groß aufgefahren habe für den kleinen Demonstrationszug, antwortet ein Polizist, der sich das Lächeln nicht verkneifen kann: „Da ein Fahrzeug teilnimmt, kann die Kundgebung nicht auf dem Gehweg stattfinden.“ Er ergänzt jedoch, dass man bereits prüfe, Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht mehr auf der Fahrbahn zu erlauben.

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Wiecki ist mit dem Rückwärtslaufen als Protestmittel kein Unbekannter. Bereits am 24. März 2022 war er, damals gegen die Corona-Maßnahmen, vom Bahnhof Zoo aus rückwärts durch mehrere Berliner Stadtteile gelaufen, begleitet von Streifenwagen der Berliner Polizei. Wenige Wochen zuvor, im Februar 2022, hatte Wiecki aus Protest gegen die Maskenpflicht beim Friseurbesuch einen mehrtägigen Fußmarsch von Berlin bis ins polnische Slubice unternommen.

Zwei Funkwagen, mehrere Beamte, 21 Kilometer im Rückwärtsgang – bezahlt von denen, die im Stau stehen. Für einen Mann, einen Tretroller und ein Megafon aus dem Mietwagenfenster. Mehr Staat war selten für weniger Demo nötig.

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