Angela Merkels Geschichte

Holger Schmale
4 Min

Die Deutschen wissen wenig über Angela Merkel. Dass sie aus dem Osten kommt, dass sie dort keine aktive Bürgerrechtlerin war, gewiss. Aber viel Aufhebens hat sie über ihren sensationellen Weg aus dem Elfenbeinturm der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften an die Spitze der gesamtdeutschen Politik nie gemacht. Heute muss sie es. Sie ist zu einer eigens für sie einberufenen, raren gemeinsamen Sitzung des Repräsentantenhauses und des Senats der USA eingeladen, um ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen.Für Amerikaner ist dies eine faszinierende Geschichte. Deutschland ist ihnen ein leuchtendes Beispiel und Angela Merkel die Personifizierung einer großen amerikanischen Idee: Es lohnt sich, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. So, wie es die USA zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus bis 1945 getan haben. Dass aus solch einem Einsatz wirklich eine bessere Welt entstehen kann, dafür gibt es in amerikanischen Augen keinen besseren Beleg als die mit ihrer Hilfe entstandene demokratische, vereinigte, prosperierende Bundesrepublik. Ein Land dazu mit einer Kanzlerin, die aus der zweiten europäischen Diktatur des 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist, an deren Niederringen sich die USA einen wesentlichen Anteil geben. Wenn die USA Angela Merkel feiern, feiern sie zu einem guten Teil auch sich selbst.Zwar hat Barack Obama die Vereinigten Staaten vom missionarischen Eifer des Gotteskriegers George W. Bush befreit, der auch ein großer Bewunderer Angela Merkels war. Doch die US-Truppen stehen noch immer im Irak, und sie kämpfen vor allem in Afghanistan, zuweilen auf verlorenem Posten. Das muss einem kriegsmüden Land erklärt werden. Da kann ein wirkungsvoll inszenierter Auftritt der deutschen Kanzlerin mit dieser speziellen Geschichte im Zentrum der politischen Macht der USA helfen, in diesem auf Symbole versessenen Land, mit diesem so versierten Symbolpolitiker an der Spitze.Die Einladung an Angela Merkel aber ist zweischneidig. Sie ist eine Ehre, zweifellos, auch ein Dank für gute Partnerschaft. Merkel und Obama sind sich emotional so nah gekommen, wie Politiker es nur selten zulassen. Das war bei ihrem gemeinsamen Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im Juni. Der gewaltigen emotionalen Kraft dieses Ortes kann man sich kaum entziehen, und so ist es dem Amerikaner und der Deutschen ergangen, als sie Seite an Seite mit Elie Wiesel Blumen zu Ehren der Opfer am Ort des größten Schreckens, dem "Kleinen Lager", niederlegten.Der Besuch in Buchenwald war auch eine symbolische Geste des US-Präsidenten. Gezielt platziert auf dem Weg von Kairo nach Washington, zur Besänftigung der jüdischen Gemeinde in den USA nach seinem aufsehenerregenden Dialogangebot an die Muslime. Merkel hat ihm dabei zur Seite gestanden. Die Einladung zu ihrem außergewöhnlichen Auftritt vor dem Kongress knüpft daran an. Ihre Geschichte ist auch eine Fortsetzung der Geschichte, die Buchenwald erzählt.Aber solch eine Nähe, solche eine Ehre ist nicht umsonst zu haben. Barack Obama benötigt die Hilfe der Europäer, um die Sache in Afghanistan irgendwie zu einem gesichtswahrenden, vielleicht sogar erfolgreichen Ende zu bringen. Dabei ist Angela Merkel seine wichtigste Verbündete, die, je mehr er sie an sich bindet, immer schwerer Nein sagen kann. Mit der Belobigung ist die Erwartung einer Gegenleistung durchaus verbunden. Gerade von einer Kanzlerin, die mit ihrem Land für den Erfolg der amerikanischen Idee vom Kampf um Freiheit und Demokratie steht. Denn dieser Kampf wird in der Gegenwart nun eben in Afghanistan ausgefochten.Allerdings hat auch Angela Merkel eine Agenda, wenn sie nach Washington fährt. Sie hat einen Ruf als Klimakanzlerin zu verlieren, der nach allerlei Zickzackbewegungen und dem Poker um Klimahilfen für die Entwicklungsländer auf dem letzten EU-Gipfel schon angekratzt ist. Obama hat aber noch weniger zu bieten, trotz großer Reden und einem sensationell besetzten Umweltteam in seiner Regierung. Die Interessen der kriselnden amerikanischen Wirtschaft, der Kohle- und Ölindustrie, der Autokonzerne haben den Ehrgeiz der USA, auch zur klimapolitischen Führungsmacht zu werden, deutlich gedämpft.An diesem Punkt wird Merkel ansetzen, in ihrem Gespräch mit dem Präsidenten und gewiss auch in ihrer Rede vor dem Kongress. Denn hier ist der Weltbürger Barack Obama der Welt noch etwas schuldig. Das könnte Merkel den Bremsern im Parlament deutlich machen und damit dem Präsidenten sogar helfen. Mit der Autorität ihrer Geschichte, mit freundlichen, nicht fordernden Worten natürlich, die einem Gast nicht zustehen. Aber doch unmissverständlich. Damit würde die Kanzlerin Führung im Namen der Europäer übernehmen und heraustreten aus der Rolle der bestaunten Erzählerin. Wenn sie es denn täte.------------------------------Angela Merkel ist für die Amerikaner die Personifizierung einer großen amerikanischen Idee: Es lohnt sich, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.

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