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Vor ein paar Monaten sprach mich Werner Fritsch an, ob nicht sein Text „Das Rad des Glücks“, erschienen bei Suhrkamp, für die Reihe „Kultur gegen das Vergessen“ geeignet wäre – ein Text über eine überlebende Romafrau, über Erinnerung, die sich weigert, still zu werden. Und ob Angela Winkler diesen Monolog lesen könnte. Schon in diesem Moment war klar, dass es nicht um eine Lesung im herkömmlichen Sinn gehen würde, sondern um eine Begegnung: zwischen Stimme und Musik.
Werner Fritsch, 1960 in Waldsassen in der Oberpfalz geboren, gehört zu jenen Autoren, deren Sprache immer auch Widerstand ist. Seit seinem frühen Roman „Cherubim“ schreibt er Texte, die sich nicht beruhigen lassen: „Steinbruch“, „Fleischwolf“ oder „Hydra Krieg“ – Texte, die die deutsche Geschichte nicht erzählen, sondern aufreißen, die hineinschneiden in die bundesrepublikanische Wirklichkeit, bis sie schmerzt.
Vom Gymnasium in die Kaserne
Diese Haltung hat auch biografische Gründe. Nach dem Abitur meldete sich Fritsch freiwillig zur Bundeswehr in der Oberpfalz und begann, seine Erfahrungen auf Klopapierrollen festzuhalten. Er schrieb mit, was er im Drill und in der Kaserne unter den jungen Rekruten hörte. Dort erlebte er, wie die Freiheiten, die er als Gymnasiast gewohnt war, sofort eingeschränkt wurden. Er musste abgeben, was er gelernt hatte: freie Meinungsäußerung, demokratische Errungenschaften, zivilen Widerstand.
Stattdessen traf er auf Kommandos voller reaktionärer Sprüche. Diese Sätze waren nicht nur Befehle, sie waren eine Ideologie, die Hierarchie, Gehorsam und Anpassung über Menschlichkeit stellte. Alles, was ihm über die Lehrpläne der Schule zum kritischen Staatsbürger in der jungen Demokratie beigebracht worden war, war hinweggefegt. Die Erfahrung des Zum-Schweigen-Gebrachtwerdens, der täglichen kleinen Demütigungen und der verordneten Schablonen für richtig und falsch hat sich in seine Sprache eingeschrieben – bis heute.
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„Das Rad des Glücks“ ist einer seiner radikalsten Texte: der Monolog einer alten Sintizza, die vier Jahre Auschwitz überlebt hat und deren Erinnerungen nicht in die Grammatik der Versöhnung passen.
Im Altenheim Heiliggeistspital bekommt die als „Zigeunerin“ beschimpfte Großmutter Courasch Besuch von ihrer Enkelin. Die junge Frau ist schwanger, die Wehen setzen ein, und während die Alte versucht, herauszufinden, wer der Vater des Kindes ist, beginnt sie, ihr eigenes Leben aufzurollen. Eine Generationengeschichte der Roma wird sichtbar – erzählt als Selbstporträt einer Frau, die den nationalsozialistischen Terror in Auschwitz überlebt, später jedoch ihre Kinder verlor.
Provokant, gewitzt, loyal
Mit Stolz, Witz und listiger Selbstbehauptung wehrt sich die Großmutter Courasch gegen die Demütigungen und Ungerechtigkeiten, die den Roma widerfahren. Zugleich geht sie hart ins Gericht mit der Selbstzerstörung der jungen Generation durch Drogen und Perspektivlosigkeit. Und doch bleibt sie radikal in ihrer Loyalität: Lieber ein drogenabhängiger Roma als ein Deutscher soll der Vater des Kindes sein – dessen Identität die junge Frau eisern verschweigt. Courasch spricht nicht moralisch geglättet; ihre Worte sind scharf, provokant, auch kirchlich, was einen oft schmunzeln lässt und zu kleinen unterdrückten Lachern im Publikum führt, das in den Kirchenstuhlreihen sitzt. Und skizziert auch messerscharf den deutschen Untertanen, der sich vor jeglicher Staatsgewalt bückt.
Angela Winkler übernahm die Lesung auf Bitten von Werner Fritsch.
© Andreas Lechner
Wenn Angela Winkler diesen Text spricht, sitzt sie mädchenhaft – vor zwei Tagen erst feierte sie ihren 82. Geburtstag mit ihrer Familie in der Bretagne, wo sie lebt – auf einem schlichten Holzstuhl auf ein paar Kissen. Ihr kleines Holztischchen steht auf einem schlichten Podest, schräg vor dem Gesangschor, der sich vor dem Altar während des ganzen Abends in einer Zweierreihe formiert hat. 18 Sänger. Bei manchen Chorwerken gesellen sich fünf Sängerinnen hinzu und füllen die Männerreihe auf.
Angela Winkler haucht, zögert, lacht kurz, bricht ab, spricht weiter. Sie spricht die Worte der Sintiza: „Meine Kinder ins Feuer gehaut für Deutschland, verstehst! Und ich soll die Wahrheit sagen in Engelszungen. In ihrer wunderschönen Muttersprache? Denen?!“
Sie spielt nicht – sie lässt die Stimme der alten Frau durch sich hindurchgehen. So wird aus dem Monolog kein Vortrag, sondern ein Zustand, ein Innehalten, ein Bleiben.
Angela Winkler wurde durch ihre Auftritte im Neuen Deutschen Film bekannt.
© Joerg Reichardt
Angela Winkler, 1944 in Templin geboren, ist eine Schauspielerin, deren Präsenz seit Jahrzehnten Kino und Theater prägt – von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ über „Die Blechtrommel“ bis „Benny’s Video“ und „Die Wolken von Sils Maria bis Suspiria“. Als Werner Fritsch sie bei den Aufnahmen zu seinem Hörspiel „Mixing Memory & Desire II“ fragte, ob sie Lust hätte, diesen Monolog im Rahmen von „Kultur gegen das Vergessen“ zu lesen, sagte sie zu – und trug den Text von da an mit sich wie eine innere Verpflichtung.
Dass diese Lesung nun in der Sophienkirche stattfindet, eingebettet in ein Konzert des Männerstimmenensembles Sonat Vox, ist kein Zufall. Der Chor, 2015 von Justus Merkel gegründet und vielfach ausgezeichnet, hat ein Programm zusammengestellt, das Musik als Form des Gedenkens versteht, unter anderem mit Rudolf Mauersberger („Wie liegt die Stadt so wüst“), Felix Mendelssohn-Bartholdy („Mitten wir im Leben sind“), John Conahan („Ani Ma’amin“) oder Matthew Armstrong („Elegy for Dachau“).
Ein Ort der Hoffnung und Erinnerung
Zwischen diese Klänge tritt Winklers Stimme, brüchig und klar zugleich, und öffnet einen Raum, den Musik allein nicht erreicht. Dieses Konzert widmet sich dem Gedenken an die Opfer des Holocausts und stellt Werke in den Mittelpunkt, die Hoffnung, Glauben und Erinnerung in Zeiten größter Dunkelheit hörbar machen.
John Conahans „Ani Ma’amin“ ist eine choral-meditative Komposition für gemischten Chor und zwei Solisten, gesungen auf Hebräisch. Sie basiert auf einer traditionellen Melodie, die während des Holocausts von Überlebenden gesungen wurde und den Glauben an Erlösung und das Kommen des Messias ausdrückt. Ursprünglich komponiert von Azriel David Fastag während seiner Deportation nach Treblinka, gilt sie heute als Symbol unerschütterlichen Glaubens und Hoffnung.
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„Kultur gegen das Vergessen“, die internationale, interdisziplinäre Reihe, die es seit 2025 in Berlin gibt, versteht Erinnerung nicht als Ritual, sondern als Prozess: offen, sinnlich, widersprüchlich. In dieser Lesung wird das spürbar. Die Stimme einer Schauspielerin, die Musik eines Chores, der Text eines Autors – sie bilden keinen Abschluss, sondern eine offene Wunde, die spricht. Vielleicht ist das die einzige Form von Gedenken, die heute noch trägt: eine, die sich nicht beruhigt, nicht versöhnt, nicht abschließt, sondern hörbar macht, was sonst wieder verschwinden würde.
Die Reihe „Kultur gegen das Vergessen“ will Hoffnung, Glauben und Erinnerung hörbar machen.
© Ella Gläser
Am Schluss erhob sich das Publikum in den Gebetshallen, applaudierte ausdauernd und ehrte die Künstlerinnen und Künstler. Die jungen Sängerinnen und Sänger – 18 Männer und fünf Frauen – fühlten, dass sie einem besonderen Event ihre Stimmen gegeben hatten, das nicht so schnell wiederholt werden würde.
Andreas Lechner ist Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Schauspieler, bekannt durch Auftritte mit seiner Musikkabarettgruppe Guglhupfa, u.a. mit Dieter Hildebrandt. 2019 erschien sein Roman „Heimatgold“. Er betreibt in Berlin die Galerie & Bar Tor218Artlab und initiierte die Reihe „Kultur gegen das Vergessen“.
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