Seit Anfang der Woche schaut Álvaro Colom noch leidender drein als ohnehin schon. Eine Botschaft aus dem Jenseits hat den 57 Jahre alten Präsidenten Guatemalas in die schwerste Krise seiner noch jungen Amtszeit gestürzt. Colom, so behauptet ein erschossener Anwalt in einer Videobotschaft, die kurz vor seinem Tod aufgenommen wurde, stecke hinter seiner Ermordung. Der Präsident sei tief in Korruption und das Organisierte Verbrechen verstrickt, erläutert der getötete Jurist ausgiebig in seiner 18 Minuten langen Botschaft.Es fällt schwer sich vorzustellen, dass ausgerechnet der Sozialdemokrat Colom die Reihe der finsteren Präsidenten fortsetzen soll, von denen das größte zentralamerikanische Land so viele gesehen hat. Denn der hagere Colom ist kein Haudrauf, sondern ein Politiker, dem vor seinem Amtsantritt im Januar 2008 der Ruf vorauseilte, er könne zuhören und ausgleichen. Der dreifache Vater war zuvor Vize-Wirtschaftminister und sechs Jahre lang Chef des Nationalen Friedensfonds. In dieser Funktion war er für die Integration Tausender von Bürgerkriegsflüchtlingen und für die Entwicklung der ländlichen Regionen zuständig. In dieser Zeit erwarb er sich seine starke Basis im Landesinneren, wo der Großteil der Maya-Bevölkerung lebt.Seither hat sich das Bild stark gewandelt. Angesichts der massiven Probleme Guatemalas, die mit den Begriffen Gewaltkriminalität, Rauschgiftmafia, Jugendbanden, Armut, soziale Ungleichheit, Lynchjustiz, korrupte Polizei und Justiz nur unvollständig umrissen sind, hat sich Colom oft als Zauderer erwiesen. Seine Bilanz ist ernüchternd: Wenig hat sich verbessert, aber fast alles verschlechtert. Vor allem die Macht der Organisierten Kriminalität ist gewachsen. Sie bildet in Form der mexikanischen Drogenkartelle inzwischen in einem Drittel des Landes die Ordnungsmacht. Wie tief das Organisierte Verbrechen in höchste Regierungskreise eingedrungen ist, wurde bereits kurz nach Beginn der Amtszeit Coloms klar: Im September wurden Wanzen im gesamten Präsidentenpalast inklusive der privaten Büros des Präsidenten und seiner Frau entdeckt.Es gibt im Moment keine Anzeichen, dass Colom selbst auf der Lohnliste der Mafia steht. Dass aber in seinem Umfeld das Organisierte Verbrechen mitmischt, muss als sicher gelten. Als ein Land, in dem die staatliche Ordnungsmacht vor der Macht der Organisierten Kriminalität kapituliert, könnte Guatemala bald den Stempel eines "gescheiterten Staates" verdienen.------------------------------Foto: Alvaro Colom, Präsident von Guatemala
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