BERLIN, 22. März. Anlagebetrug ist ein Dreisprung. "Open, Load, Terminate" - mit der Mehrschritt-Technik kommen kriminelle Vermittler am Weitesten. Auf Deutsch lautet die goldene Betrugsregel des Grauen Kapitalmarkts ungefähr "Ködern, Nachfordern, Abservieren". Unseriöse Anlageberater zocken mit dieser Methode offiziellen Angaben zufolge Hunderte Millionen Euro im Jahr ab.Aus Scham keine AnzeigeIn Wirklichkeit, da sind Experten sicher, verschwinden noch weit größere Summen auf Nimmerwiedersehen in den Taschen von Betrügern. Denn viele Delikte werden nicht angezeigt. Etwa aus Scham über die eigene Leichtgläubigkeit oder - allen Warnsignalen zum Trotz - im unerschütterlichen Vertrauen auf die Seriosität des Angebots. Andere Geprellte wiederum sind betrogene Betrüger. Sie wollten ihr Geld am Fiskus vorbeischleusen und fürchten unbequeme Fragen der Justiz.Ob atypisch stille Beteiligung, Bankgarantiegeschäfte, Immobilien mit Kapitalrückfluss oder Warentermingeschäfte (siehe unten) - im Grundsatz haben sich die Maschen der Abzocker über die Jahre nicht verändert. Die Zahl der Übertölpelten indes wird nicht kleiner. Denn die Kreativität der Branche beim Variieren ihrer Tricks scheint unerschöpflich. Seit vergangenem Jahr etwa bietet eine Firma aus dem Westfälischen bundesweit billige Fertighäuser an, die sie angeblich in dreieinhalb Stunden errichten kann. Zuvor jedoch soll sich der Kunde zu Ratenzahlungen verpflichten und mit mindestens 5 113 Euro für bis zu zwanzig Jahre als Gesellschafter einsteigen. Eine atypisch stille Beteiligung - nach Ansicht von Verbraucherschützern ein hochriskantes Geschäft. Weniger originell, dafür mindestens ebenso wirksam ist die "Riester-Masche". Vermittler nutzen dabei die Aufmerksamkeit für das Thema Altersvorsorge, um ihre Produkte an den Kunden zu bringen.Skepsis bei Anlegern begegnet der Graue Kapitalmarkt ebenfalls geschickt: Exorbitante Renditeversprechen von bis zu 300 Prozent wie noch vor Jahren gibt es kaum noch. Heute werden viel niedrigere Schätzungen präsentiert, die freilich immer noch deutlich über dem Gewinn seriöser Anlagen liegen. Allein auf Angebote mit dubiosen Steuersparmodellen seien in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren über 100 000 Sparer hereingefallen, schätzt die Verbraucherzentrale Berlin. Die Rechtsanwälte vom Deutschen Anleger-Schutzbund in Frankfurt am Main erreichen jährlich rund 1 500 Anrufe geprellter Sparer - von der Putzfrau bis zum Universitätsprofessor.Zumeist beginnt die Abzocke am Telefon. Der so genannte "Kalte Anruf" (cold calling) zum Ködern von Kunden ist zwar verboten. Doch das schert keinen Betrüger. Ängste vor dem Wertverlust gängiger Anlagen werden geschürt, Chancen zum Steuernsparen gepriesen. Kleine Anlagesummen sollen die Hemmschwelle für den Einstieg in das Geschäft senken.Freilich bleibt es dabei nicht. Schon bald wird nachgefordert. Eine größere Summe müsse her, heißt es dann. Denn die Erstanlage wirft angeblich so viel ab, dass der Sparer keinesfalls die Chance zusätzlicher Profite verpassen sollte. Bis zum nächsten Gespräch aber hat sich der Markt unerwartet gedreht, so dass zum Ausgleich von Verlusten ein weiterer Nachschuss dringend nötig ist. Wer dann zahlt, dürfte von seinem Berater zum letzten Mal gehört haben.Grauer Kapitalmarkt: Die gängigsten Angebote der Anlagebetrüger // Atypisch stille Beteiligung: Das Steuerspar-Modell ist laut Verbraucherzentrale Berlin die "Abzock-Masche Nummer eins". Anleger erwerben ab 5 000 Euro aufwärts Anteile an einer Gesellschaft - etwa einer Immobilienfirma. Im Gegenzug können sie ihre Steuerlast durch Verlustzuweisungen drücken. Dubiose Anbieter lassen das Kapital aber versickern, es droht der Totalverlust des eingesetzten Geldes. Bei einer Firmenpleite müssen Anleger mitunter Kapital nachschießen. Es gibt weder eine staatliche Kontrolle der Anbieter noch ein Einlagensicherungssystem.Bankgarantie-Geschäft: Die Anbieter gaukeln einen florierenden Handel mit Bankgarantien vor und versprechen sehr hohe Renditen. Fachbegriffe aus der Bankenwelt wie "AAA-Zerobond" oder "Blocked Fund Letters" täuschen Seriosität vor. Die Gelder der Anleger werden angeblich in einem Pool gesammelt, da für die Teilnahme am Garantien-Handel ein Mindestbetrag von zehn Millionen Dollar nötig sei. Pure Täuschung: Zwar gibt es Bankgarantien tatsächlich, ihr Handel ist aber nicht zulässig. Das Geld fließt derweil in die Kassen der Betrüger.Immobilie mit Geldrückfluss: Unseriöse Anbieter verhökern schwer vermietbare Wohnungen zu einem völlig überzogenen Preis. Opfer sind Kleinsparer, die eigentlich nicht genug Geld für einen Immobilienkauf haben. Ihnen wird ein Kredit zu angeblich lukrativen Bedingungen vermittelt: Eigenkapitaleinsatz ist nicht nötig, zusätzlich gibt es sogar eine Auszahlung in bar. Durch den überteuerten Verkauf der Immobilie kassiert der Vermittler hohe Provisionen. Der Anleger bleibt auf einer wertlosen Immobilie sitzen, nicht selten droht die Überschuldung.Termingeschäft: Agrarprodukte wie Schweinehälften oder Weizen, Edelmetalle, Rohöl, Devisen und Wertpapiere können auf Termin gehandelt werden. Dabei wird bereits heute für einen späteren Zeitpunkt ein verbindlicher Preis festgelegt. Termingeschäfte sind legal und unterliegen staatlicher Aufsicht - die Risiken für Privatanleger sind dennoch sehr hoch. Unseriöse Anbieter locken Sparer telefonisch mit den hohen Renditeaussichten dieser Anlageform, verschweigen die Gefahr des Totalverlustes und kassieren häufig überhöhte Gebühren.Zins- und tilgungsfreier Kredit: Das Angebot richtet sich an Sparer, die langfristig die Aufnahme eines Kredits erwägen. Ihnen wird die Einzahlung einer größeren Geldsumme zwischen zehn und 30 Prozent des geplanten Darlehens schmackhaft gemacht. Der Anbieter verspricht die Mehrung des Kapitals, so dass später angeblich weder Kreditzinsen noch Tilgung gezahlt werden müssen. Der Betrüger macht sich mit der Einlage aus dem Staub.Ausführliche Infos im Internet: www. anlageschutzarchiv. de.ULLSTEIN Ein Appartement auf Mallorca: Den Sparer-Traum nutzen skrupellose Vermittler in großem Stil aus. Sie drehen Anlegern wertlose Wohnrechte an Ferienhäusern an - und verschwinden mit dem Großteil des einkassierten Geldes.
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