Man stelle sich einen Anleger vor, der nur die Entwicklung der Aktienkurse der vergangenen Monate verfolgt hat, sonst aber nichts von der Welt um ihn herum mitbekommen hat: Ein solcher Investor müsste zu der Auffassung gelangen, dass die Wirtschaft derzeit einen gewaltigen Boom erlebt, dass die Unternehmen massenhaft Stellen schaffen - kurz, dass er in goldenen Zeiten lebt.Denn einen solch spektakulären Kursanstieg, wie ihn die Aktienbörsen im Moment erleben, hat es selten gegeben: Um mehr als 40 Prozent ist der Deutsche Aktienindex (Dax) seit Anfang März gestiegen - also in einer Zeitspanne von nicht einmal fünf Monaten. Aufs Jahr hochgerechnet entspricht das einer Rendite von etwa 100 Prozent. Solche Kurssprünge an der Börse gab es zuletzt in den Boomzeiten der New Economy Ende der 90er-Jahre.Wie ist das zu erklären? Sicher, wenn man lange sucht, lassen sich schon einige Gründe für steigende Kurse finden. So verdichten sich die Anzeichen, dass die konjunkturelle Talfahrt wenn nicht gestoppt, dann wenigstens gebremst ist. Banken, denen vor Kurzem noch ein jahrelanges Siechtum prognostiziert wurde, erwirtschaften schon wieder erstaunliche Gewinne. Und die Konsumfreude der Verbraucher ist seit Monaten überraschend groß: Damit kompensieren sie zumindest ein wenig die wegbrechenden Exporte. Und schließlich sind da auch noch die erfreulichen Nachrichten von der Preisfront: Null-Inflation beziehungsweise sogar leicht rückläufige Preise wie jetzt im Juli kommen natürlich sowohl Unternehmen als auch Verbrauchern zugute.Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Börse ja traditionell der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung um ein halbes bis ganzes Jahr vorausläuft, könnte man zu dem Schluss kommen, dass derzeit alles in normalen Bahnen verläuft. Doch man muss schon die rosa-rote Brille aufsetzen, um nur diese positiven Seiten zu sehen. Fakt ist: Die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit ist noch lange nicht ausgestanden. Am Arbeitsmarkt ist sie noch gar nicht richtig angekommen. Doch spätestens wenn im Herbst die Arbeitslosenzahlen nach oben schnellen werden - und daran zweifelt niemand ernsthaft - werden viele Verbraucher notgedrungen den Gürtel wieder enger schnallen. Und dann wird es mit dem kleinen Konsumwunder vorbei sein. Hinzu kommt, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen vieler Politiker nach der Bundestagswahl zwangsläufig die Abgaben steigen müssen, damit das immense Staatsdefizit zurückgefahren werden kann - ob in Form höherer Steuern oder höherer Sozialabgaben. In beiden Fällen wird dem Bürger am Ende noch weniger Netto vom Brutto bleiben als bisher.Doch viele Anleger blenden diese Fakten derzeit hartnäckig aus. Sie hamstern im Moment Aktien geradezu so, als wären morgen keine mehr zu haben. Selbst Fondsmanager, die eigentlich skeptisch geblieben sind, fühlen sich nun genötigt, wieder Aktien zu kaufen, weil ihnen ihre Kunden sonst vorwerfen, den Aufschwung an den Börsen verschlafen zu haben. Damit heizen sie die Aktien-Hausse noch weiter an - bis die Blase wieder platzt.------------------------------Grafik: Wertentwicklung
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