Kunst

In der DDR galt sie als Staatsfeindin: Das Minsk stellt Annemirl Bauer aus

Mit dem traurigen wie trotzigen Satz „Bruch ist in der Welt“ nahm die todkranke Berliner Malerin 1989 Abschied. In Potsdam sieht man, wie schmerzhaft aktuell ihre Bilder sind.

7 Min
Annemirl Bauer: „o.T.“ (Mutter und Kind), undatiert, Öl auf Holz (Schublade)

Annemirl Bauer: „o.T.“ (Mutter und Kind), undatiert, Öl auf Holz (Schublade)

© VG Bildkunst Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv/Jens Ziehe

Undenkbar wäre diese Ausstellung zu ihren Lebzeiten gewesen. Jetzt drängt, ruft, nervt und mahnt ihre Bildsprache herunter von Leinwänden, Holztafeln, Fensterscheiben, Türen, Teppichen, Liegestühlen, sogar von einem Waschbrett.

Annemirl Bauer, geboren 1939 in Jena als Tochter der österreichischen, unter den Nazis als „entartet“ stigmatisierten Malerin Tina Bauer-Pezellen, studierte an der Kunsthochschule Weißensee. 1989, kurz vor dem Mauerfall, erlag sie dem zu spät diagnostizierten Krebs. In ihrer früheren Ladenwerkstatt in Prenzlauer Berg, dann im kaum bezogenen Friedrichshainer Atelier hat sie alles bemalt, was ihr in die Finger kam.

Nichts, kein ausgedientes und abgestelltes Möbelteil oder als nutzlos weggeworfenes Utensil war es unwert, per Ölfarben, Acryl, Collage oder Zeichenstift zum Bildträger zu werden. Für Welt-Interpretation, Kritik, als weibliches Aufbegehren gegen die Männermacht, auch in der DDR. Wir sehen virtuos gemalte, sinnliche, auch wütende und krasse Motive zu starren Rollenbildern, erstarrter Politik und Umweltzerstörung.

Annemirl Bauer: „Emma gewidmet“, 1979 (für die feministische Frauenzeitschrift von Alice Schwarzer in Köln), Mischtechnik/Lw

Annemirl Bauer: „Emma gewidmet“, 1979 (für die feministische Frauenzeitschrift von Alice Schwarzer in Köln), Mischtechnik/Lw

© VG Bildkunst Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv/Jens Ziehe

16.000 Bildwerke hat die Rastlose hinterlassen, die meisten landeten im Keller. Zu DDR-Zeiten hatten das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder), die Dresdner Kunstsammlungen und das Museum Moritzburg Halle den Mut, Gemälde der „Unbotmäßigen“ anzukaufen. Heute finden sich ihre Arbeiten auch in der Sammlung der Berliner Volksbank, in der Berlinischen Galerie, in der Sammlung des Bundestages, wo man ihr im Mauermahnmal 2019 eine Schau ausrichtete.

Gut 150 Werke davon hat die junge Minsk-Kuratorin Marie Gerbaulet auf zwei Etagen ausgebreitet. Auf erdfarbenen Wänden wird ihre tragisch ausgegangene Geschichte von Kunst, Leben, Courage, Widerstand und Desillusion im vormundschaftlichen Staat erzählt. Die meisten Bilder kommen aus dem Nachlass, den Amrei Bauer, die 1969 geborene Tochter, passioniert betreut.

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Annemirl Bauer war mit Bärbel Bohley befreundet

Alles, was diese viel zu früh gestorbene, rastlose, Latzhose tragende Annemirl, die Freundin der 1988 inhaftierten und nach England ausgewiesenen Bürgerrechtlerin und Malerin Bärbel Bohley, gemalt hat, mündete in intensiv-farbigen Spiralen, Zickzack-, Wellen- und netzartigen Linien. Ist Ausdruck für den unvorhersehbaren, nie geradlinigen Verlauf des Lebens: Frauenbilder, Selbstbilder, als Mutter und als Künstlerin.

Es sind Werke, die uns sagen, was für sie „Menschsein“ bedeutete. Das spiegelt sich besonders in den Porträts, den Mutter-Kind-Motiven, in den Bildnissen über ihre Beziehungen zu anderen und zu sich selbst.

Sie fand Motive für existenzielle und zugleich poetische Gefühle wie Verbundenheit. Und ebenso Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Nähe, Verlust. Und für Abgrenzung, die keine für sie falsche Verbindlichkeit, gar Konzessionen mit der Staatsmacht, zuließ. „Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern“, war ein Kernsatz, den die immer auch textende Malerin niederschrieb.

Annemirl Bauer: „Bildnis einer Hergezogenen“, Cranach-Paraphrase, 1982, Mischtechnik auf Hartfaser (Ausschnitt)

Annemirl Bauer: „Bildnis einer Hergezogenen“, Cranach-Paraphrase, 1982, Mischtechnik auf Hartfaser (Ausschnitt)

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv Jens Ziehe

Mit der „Hergezogenen aus Thüringen“ machte sie sich 1982 selbst Mut: en face, die Hände übereinandergelegt, wie bei Cranachs „Eva“, in einem Renaissance-Gewand. Als Kopfschmuck ein Lebensbaum, unten eine Katze. So sah sich eine in Ungnade gefallene Malerin.

Annemirl Bauer wagte Kritik am System

Sie passte nicht ins Bild der DDR-Kunst mit ihrem unbändig weiblichen, hintersinnigen Realismus. Und sie wagte Kritik am System: an der Macht der alten Männer, die Kunst nur ideologisch benutzten und ihre Freiheit in Worthülsen und Dogmen sperrten.

Ihr Stil zeugt von Leidenschaft und Können: faszinierend expressiv, naiv und derb-erdverbunden, zugleich voller Liebe zu Kindern und Pflanzen. Ihre Bildsprache erinnert an Paula Modersohn-Becker. Und immer wieder sind da Katzen, Pferde. Und Paradiesvögelchen, von denen es heißt, man dürfe sie nie einsperren. „Nicht schweigen werde ich“, so schrieb sie dazu.

Annemirl Bauer: „Liebespaar unter Giftwolke überm Taunus“, 1987, Wasserfarbe auf Papier

Annemirl Bauer: „Liebespaar unter Giftwolke überm Taunus“, 1987, Wasserfarbe auf Papier

© VG Bildkunst Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv/Jens Ziehe

Manchmal sind die Köpfe ihrer Gestalten Masken, so wie der verfrühte Expressionist James Ensor sie seinerzeit gesellschaftskritisch malte. Annemirl Bauer persiflierte und kritisierte so die sich hinter Masken versteckende Masse der Heuchler, der Mitläufer und der lügenden Machthaber im realen Sozialismus. In Selbstporträts steckt Subtext, davon, wie sie von der Stasi verfolgt und erpresst wurde, weil sie sich weigerte, Künstlerkollegen zu bespitzeln.

Und dann kam 1984 das brutale staatliche Verdikt, wegen ihres Offenen Briefes ans Kulturministerium und ans ZK der SED, der Ausschluss aus dem Künstlerverband und damit aus dem Existenz-System.

Sie hatte Reiserecht für alle DDR-Bürger gefordert und den Mächtigen geschrieben: „Die Eingrenzung eines ganzen Volkes auf Dauer ist Gewaltanwendung und führt zu Isolierung und Entmündigung desselben.“ Sie verurteilte die Selbstschussanlagen an der Grenze, die „Freikaufgeschäfte und gewaltsame Ausbürgerung“ der schöpferischen Intelligenz, und protestierte gegen die MfS-Haft für Bärbel Bohley. Das war zu viel!

Annemirl Bauer: „Paragraph 99. Eingeschlossen (Bärbel Bohley)“, 1984, Mischtechnik auf Holz (Tischplatte)

Annemirl Bauer: „Paragraph 99. Eingeschlossen (Bärbel Bohley)“, 1984, Mischtechnik auf Holz (Tischplatte)

© VG Bildkunst Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv/Jens Ziehe

Ihre brüske Art, ihre Männerkritik minderten die Solidarität unter Künstlern, die zudem oft ihre eigene Existenz nicht gefährden wollten. Nur mit Hilfe von ganz wenigen brachte sie sich und ihr Kind irgendwie durch.

Man ließ sie sogar in den Westen reisen, hoffend, sie bliebe und man wäre sie los. Aber sie kam zurück; der Osten war ihre Heimat. Sie war Utopistin, wollte eine andere DDR, einen Sozialismus mit freien, aufrechten, mutigen Menschen.

Immer wieder malte sie das steinerne Berlin: Menschengewimmel, das eins wird mit dem preußisch blauen Himmel, Straßen, Autos, die Spree und die Seen mit den Ausflugsdampfern. Alles scheinbarer, sozialistischer Wohlstand. Doch etwas stimmt nicht: zu bunt, zu aufgesetzt. Das Idyll bedroht. Die Malerin hat Zweifel eingestreut in ihre Motive vom Leben im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Annemirl Bauer: „Triptychon (<em>Der Himmel über Berlin ist unteilbar)“, </em>1980, Mischtechnik auf Leinwand/Holz, Klapp-Altar, gemalt für die Marienkirche am Berliner Alexanderplatz. Doch nie kam er dorthin.

Annemirl Bauer: „Triptychon (Der Himmel über Berlin ist unteilbar)“, 1980, Mischtechnik auf Leinwand/Holz, Klapp-Altar, gemalt für die Marienkirche am Berliner Alexanderplatz. Doch nie kam er dorthin.

© VG Bildkunst Bonn 2026/Nachlass Annemirl Bauer Archiv/Jf.Mueller

„Der Himmel über Berlin ist nicht teilbar.“ Den Satz notierte sie zu ihrem Altarbild, dessen beide Flügel sich einklappen lassen, sodass ihr Selbstporträt mit Kind zu sehen ist. Auf dem linken Flügel sucht ein Liebespaar im Kornfeld Schutz. Dann sieht man die Mauer, höher als der Himmel. Gegenüber paradieren Kinder mit dem DDR-Emblem, eine üppige Frau trägt Spruchbänder vom Sieg des Sozialismus.

Aber die Losungen schnüren ein, pressen die Luft ab. Ihr „Triptychon“, hatte sich Annemirl Bauer gewünscht, solle in der Marienkirche am Alex hängen. Der Altar kam nie dorthin. Jetzt füllt er im Minsk eine Wand.

Verbannt aus dem Kunstsystem

Ihre Kompromisslosigkeit machte die feministische Malerin zur Staatsfeindin, zur Psychopathin, zur Ausgesetzten. Verbannt aus dem Kunstsystem. Sie verarmte, führte ein Schattendasein. Als Kolleginnen 1986 die Wiederaufnahme in den VBK betrieben, änderte sich nichts: Die Stasi hatte erreicht, dass sie beleumdet blieb.

Der Krebs raubte ihr die letzte Kraft. Sie starb im August 1989, als die halbe Jugend der DDR via Ungarn das Land verließ. Mit traurigem Trotz schrieb sie ins Tagebuch: „Und weil ihr uns mit Rausschmiss droht, habe ich beschlossen, Isolierung mehr zu fürchten als den Tod.“

Mutter und Kind in der Ladenwerkstatt: Annemirl Bauer mit Tochter Amrei, 1975, Originalabzug auf Fotopapier, 1975. Aus dem Bestand des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR (ZfK), ifa-Kunstsammlung

Mutter und Kind in der Ladenwerkstatt: Annemirl Bauer mit Tochter Amrei, 1975, Originalabzug auf Fotopapier, 1975. Aus dem Bestand des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR (ZfK), ifa-Kunstsammlung

© (ZfK), ifa-Kunstsammlung/Christian Borchert

Annemirl Bauer schuf trotz allem ein unerschrockenes, eigensinniges Lebenswerk. In ihm stecken all die widersinnigen Zustände der DDR-Zeit, ihre eigene Zerrissenheit und ihre rückhaltlose Selbstbestimmung. Wohl genau das macht ihren Nachlass heute so spannend als Referenz zu den Brüchen, den Widersprüchen und der Ratlosigkeit unserer zerrissenen Gegenwart.

Annemirl Bauer: Bruch ist in der Welt. DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, Max-Planck-Str. 17. Vom 5. September bis 7. Februar 2027, Mi–Mo 10–19 Uhr, Katalog (Distanz-Verlag)

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