TV-Kritik

Wie ein Wendekind zur gesamtdeutschen Pop-Fee wurde: die MDR-Doku über Annett Louisan

Sie war zwölf, als die DDR unterging und sie mit ihrer Mutter nach Hamburg zog. Heute blickt die Sängerin neu auf ihre ostdeutsche Kindheit – und auf ein Land, das es nicht mehr gibt.

5 Min
Annett Louisan: Jedes ihrer Alben stehe für eine bestimmte ihrer Lebensphasen, sagt sie. Das jüngste heißt „Sehnsucht“.

Annett Louisan: Jedes ihrer Alben stehe für eine bestimmte ihrer Lebensphasen, sagt sie. Das jüngste heißt „Sehnsucht“.

© Ulrich Perrey/dpa

Da ist sie wieder, die „Pop-Lolita“, das 152 Zentimeter große Feenwesen, die unverkennbare Stimme. Hüpft auf einem Trampolin in großzügigen Altbauräumlichkeiten herum, die vielleicht ihre eigenen in Hamburg sind – und haut gleich raus: „Ich glaube, dass ich auch gemocht werden will. Vor allen Dingen von Frauen.“ Und die Erzählstimme (weiblich) geht auch sofort rein in die Biografie der früheren Havelbergerin und heutigen langjährigen Hamburgerin und erzählt noch einmal die wichtigsten Eckpunkte der Künstlerinnenwerdung: „Klein, blond und mit einer Elfenstimme wurde sie vor gut 20 Jahren über Nacht berühmt.“

Dass das Label „Pop-Lolita“ seinerzeit vor allem für eine besonders stark männlich dominierte und verkaufsgierige Plattenindustrie und Medienlandschaft funktionierte, wird schnell klar, wenn ihre männlichen Künstlerkollegen Peter Plate und Ulf Leo Sommer konstatieren, dass die Sängerin zwar zart wirke, „aber es faustdick hinter den Ohren hat“.

Und zwar bis heute. Gut so, möchte man da als Geschlechtsgenossin raunen, denn auch ohne die 49-Jährige näher zu kennen, macht einem das Porträt sehr schnell klar, dass sie keineswegs je eine war, die vor Selbstbewusstsein kaum durch die Tür kam. Dafür aber mit „viel Charisma“, wie der Musikproduzent Michael Böttcher bestätigt, der ihr erstes Demo bekam.

Gedanken über die Liebe, das Leben und sich selbst

Die Dokumentation „Annett Louisan – mehr als nur spielen“ von Heike Sittner ist 60 Minuten lang und versucht gar nicht erst, irgendwie anders, edgy oder experimentell zu sein. Sie nimmt den klassischen Erzählton ein für dieses Künstlerinnenporträt: von der kleinen blonden Knutschkugel, die kein Wunschkind war, geboren 1977 in der Altmark, bis zur selbstbestimmten Sängerin, die selbst mit 49 noch betören und eine Nummer im Popzirkus sein will.

Und so reist die Regisseurin mit der Sängerin zurück an das alte Klettergerüst in Sachsen-Anhalt und zu den Kumpelinen, die vor Ort geblieben sind, und Louisan erzählt davon, dass sie vornehmlich bei den Großeltern aufwuchs und eigentlich Stäge mit Mädchennamen heißt. Für den Künstlernamen Louisan half später der Name der geliebten Großmutter Louise.

Als sie zwölf und die Mauer gerade gefallen ist, wollen die Mutter und deren Lebensgefährte sich in den Westen wagen, und auch die Tochter „hat richtig Bock drauf“. Paris ist eine große Sehnsucht, der Großvater hat ihr seinen Freiheitssinn vererbt, und der muss ausgelebt werden.

Mit 17 hat sie die erste eigene Wohnung in Hamburg, nimmt ein Kunststudium auf, arbeitet nebenher aber auch immer als Backgroundsängerin. Weil das Kleinkind Annett mit den blauen Murmelaugen schon sang, bevor es sprach. Und diese Kunst- und Ausdrucksform, das wird immer klarer, jene ist, die sie braucht, um rauszulassen, was schon immer rauswollte: Gedanken über die Liebe, das Leben und sich selbst.

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2004 schafft sie den sogenannten Durchbruch, nach all den kleinen, aufbauenden Schritten im Business. Der Titel „Das Spiel“ auf ihrem ersten Album „Bohème“ geht durch die Decke und wird wohl für immer ihr Signature-Song bleiben, weil er damals überall ist, auch ohne soziale Medien viral geht und sich in den Köpfen einer ganzen Generation festsetzt. Die Frau, die ihn singt, klingt, als habe sie gerade eine Zigarette auf einer Pariser Dachterrasse ausgedrückt und mache sich nun auf die Suche, wem sie als Nächstes das Herz brechen kann.

Bis heute spiegeln Annett Louisans Pop-Chansons ihr Lebensthema wider, das ihr freilich nicht allein gehört: Irgendwie wegzuwollen, ohne genau zu wissen, wohin. Sich eine andere Version des eigenen Lebens auszumalen, um dann festzustellen, dass auch das Ankommen seine Tücken hat. Dabei wird auf poetische und intelligente Art klar, dass hier eine Frau schreibt und singt, die offensichtlich mehr Tiefe hat, als es in  ihrer Branche vielleicht manchmal guttut.

Denn mit Tiefe geht oft auch Vulnerabilität einher. Gut zu wissen also, dass sie auch anders kann, wie die Kollegen eingangs meinten; sie wäre sonst vielleicht ein One-Hit-Wonder geblieben. Aber nein, in diesem Jahr hat sie ihr elftes Album mit dem Titel „Sehnsucht“ produziert und extra ein eigenes Label dafür gegründet – Atelier Louisan.

Auch wenn die Doku nicht ins Allerinnerste von Annett Louisan vordringt und an mancher Stelle zu konventionell wirkt, ist es doch schön, ihren Werdegang noch einmal vor sich zu sehen. Und zu merken, dass da eine weitermachen wird, auch wenn das mit der „Pop-Lolita“ als Mutter einer Neunjährigen und mit knapp 50 nicht mehr so hinhaut, sie jetzt eher über Altersvorsorge denn über Herzschmerz singt. Und darüber nachdenkt, „wie sie mit ihrer Musik alt werden kann“. Denn manchmal, so die Chansonnière, fühle sie sich in einer Welt, in der es nur noch um Playlists gehe, als Album-Künstlerin schon wie ein Dinosaurier.

Annett Louisan – mehr als nur spielen. In der ARD-Mediathek und am 19. September um 22.30 Uhr im MDR. Ein Konzert der Künstlerin findet am 15. Oktober um 19.30 Uhr im Tempodrom statt, Karten gibt es im Ticketshop der Berliner Zeitung.

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