Trotz harter Sanktionen der USA hat Russland die Flotte für sein Terminal Arctic LNG 2 in weniger als einem Jahr fast verdoppelt. Das berichtet die US-Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Schiffsverfolgungsdaten. Demnach bedienen mittlerweile mindestens 20 Tanker die Anlage in der russischen Arktis und die dazugehörige Transportinfrastruktur – neun mehr als Ende Dezember 2025.
Die meisten Schiffe weisen laut Bloomberg die für die sogenannte russische Schattenflotte typischen undurchsichtigen Eigentümerstrukturen auf. Mehrere konventionelle Tanker sind vergleichsweise alt und wechselten zuletzt ihre Namen, Flaggen oder Eigentümer. Zur Flotte gehören inzwischen aber auch drei moderne Arc7-Eisbrechertanker. Erst am Wochenende nahm die „Konstantin Posiet“, der zweite in Russland gebaute Tanker dieser Eisklasse, erstmals eine Ladung bei Arctic LNG 2 auf, wie die norwegische Online-Zeitung The Barents Observer berichtet.
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Arctic LNG 2: Russland bekommt sein Tankerproblem zunehmend in den Griff
Die fehlenden Schiffe galten bislang als größtes Hindernis für Arctic LNG 2. Die Anlage liegt auf der Gydan-Halbinsel in Westsibirien. Während der Wintermonate können nur speziell konstruierte Tanker das LNG durch das Eis der Ob-Bucht transportieren. Konventionelle Frachter übernehmen die Ladungen anschließend an schwimmenden Speicheranlagen im Osten oder Westen Russlands und bringen sie zu den Abnehmern.
„Moskau schafft die logistischen Voraussetzungen, um zunehmende Mengen an LNG aus Arctic LNG 2 nach Asien zu liefern“, sagte Malte Humpert, Gründer des Washingtoner Forschungsinstituts Arctic Institute, gegenüber Bloomberg. Russland erschließt damit neue Absatzwege für Gas, das vor dem Ukraine-Krieg zu großen Teilen per Pipeline nach Europa floss.
Die wachsende Flotte veranlasste das Analysehaus Rystad Energy bereits dazu, seine Produktionsprognose für Arctic LNG 2 anzuheben. Für 2026 erwartet Rystad nun rund fünf Millionen Tonnen – neun Prozent mehr als noch im Juli. Mit den derzeit verfügbaren Schiffen könne Russland jährlich etwa 5,2 bis 5,4 Millionen Tonnen ausführen.
Das liegt allerdings weiterhin deutlich unter der Kapazität der beiden bereits installierten Produktionslinien. Zusammen könnten sie 13,2 Millionen Tonnen LNG im Jahr produzieren. Eine dritte Produktionslinie befindet sich offenbar aktuell im Aufbau, die Berliner Zeitung berichtete. „Die Transportkapazität bleibt der Hauptengpass“, sagte Daria Melnik, Vizepräsidentin für Öl- und Gasforschung bei Rystad Energy.
Die Exportanlage für Flüssigerdgas, Arctic LNG 2, in der russischen Arktis
© Arctic LNG 2
Vier Arc7-Tanker könnten Produktion stark erhöhen
Für den weiteren Hochlauf sind vor allem zusätzliche Arc7-Tanker entscheidend. Sie können auch im Winter durch mehr als zwei Meter dickes Eis fahren. Derzeit stehen Arctic LNG 2 Bloomberg zufolge drei Schiffe dieser besonders hohen Eisklasse zur Verfügung. Zwei davon – die „Konstantin Posiet“ und die „Alexei Kosygin“ – wurden in Russland selbst gebaut. Das dritte – die „Christophe de Margerie“ – kommt aus Südkorea. Ein weiterer Arc7-Tanker soll nach russischen Angaben bis Ende des Jahres hinzukommen.
Vier Arc7-Tanker könnten die beiden Produktionslinien nahezu vollständig auslasten, sagte Vortexa-Analystin Ashley Sherman zu Bloomberg. Voraussetzung sei allerdings, dass Russland die Umladung des LNG auf konventionelle Frachter effizient ausbaue. Für die langen Wintertransporte nach China stehen dem Projekt Bloomberg zufolge derzeit zwölf solcher Schiffe zur Verfügung. Rystad schätzt, dass für einen Betrieb unter Volllast bis zu 30 benötigt würden.
Damit könnte die sogenannte Schattenflotte weiter wachsen. Die Eigentümer der Schiffe lassen sich häufig nur über schwer durchschaubare Firmengeflechte ermitteln. Einige Tanker wechseln zudem häufig ihre Flagge und ihren Namen. Mit einer ähnlichen Flotte hält Russland bereits große Teile seiner sanktionierten Ölexporte aufrecht.
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China hält Arctic LNG 2 am Laufen
Bereits vor einigen Tagen hatten Daten des Londoner Börsenbetreibers LSEG, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegen, den rasanten Hochlauf der russischen Anlage in der Arktis gezeigt. Zwischen Januar und Juli 2026 wurden bei Arctic LNG 2 rund 1,71 Millionen Tonnen verladen. Im Vorjahreszeitraum waren es lediglich 0,21 Millionen Tonnen.
China ist bislang der einzige bekannte Abnehmer des sanktionierten LNG. Nach Angaben von S&P Global stiegen Chinas Importe von russischem LNG in den ersten sieben Monaten des Jahres um 24,9 Prozent auf 4,23 Millionen Tonnen, obwohl die Volksrepublik insgesamt weniger LNG einführte. Arctic LNG 2 war demnach der wichtigste Treiber dieses Wachstums. Novatek soll seine Ladungen mit Abschlägen von 30 bis 40 Prozent gegenüber asiatischen Referenzpreisen anbieten.
Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat bislang weder neue Sanktionen gegen die wachsende Flotte angekündigt noch China wegen der Käufe aus Arctic LNG 2 mit Konsequenzen gedroht. Unter Trumps Vorgänger Joe Biden hatten die USA dagegen das Projekt selbst sowie mehrere beteiligte Tanker und Lagereinrichtungen auf ihre Sanktionslisten gesetzt – und Arctic LNG 2 dadurch zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht.
Für eine vollständige Auslastung fehlen Russland weiterhin zahlreiche Eisbrecher- und konventionelle LNG-Tanker. Doch der wichtigste Engpass verliert an Wirkung: Arctic LNG 2 kann trotz westlicher Sanktionen immer mehr Gas nach China liefern.
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