Arno Funke wurde als Erpresser "Dagobert" bekannt / Heute kommt der 50-Jährige frei / Künftig arbeitet er als Zeichner

"Manche Polizisten bitten mich um ein Autogramm"

Peter Brock
6 Min

Kaufhauserpresser Arno Funke alias "Dagobert" hat seine Strafe verbüßt. Der 50-Jährige, der in sechs Karstadt-Häusern Bomben detonieren ließ, saß sechs Jahre und knapp vier Monate seiner insgesamt neunjährigen Haftstrafe ab. Der Rest wurde ihm auf Bewährung erlassen. Am heutigen Montag wird er die Anstalt Plötzensee verlassen. Kurz zuvor gab er der "Berliner Zeitung" ein Interview.Herr Funke, seit Februar 1999 mussten Sie nur noch zum Übernachten ins Gefängnis. Ändert sich durch die Entlassung denn überhaupt viel in Ihrem Leben?Nein, der Unterschied ist nicht groß. Aber das Leben wird leichter sein. Im Knast war alles kompliziert. Man musste immer daran denken, was ist erlaubt und was nicht. Aber andererseits ziehe ich nun zu meiner Freundin. Auch dort muss ich alles absprechen. Aber die Kontrolle wird angenehmer sein.Ist Ihre Freundin also doch Ihre Betreuerin, wie manche behaupten?Nein, das stimmt nicht. Ich habe meine Freundin bei einer Lesung kennengelernt. Sie ist zwar Gruppenleiterin beim Sozialamt, hat aber mit meinem Fall nichts zu tun.Wie werden Sie den ersten Tag in Freiheit verbringen?Das weiß ich noch nicht. Ich will nur der Journaille entkommen. Der Strafvollzug soll resozialisieren. Hat das bei Ihnen funktioniert?Ich gehe doch mal davon aus. Aber es gibt auch Leute, die denken ich sei überresozialisiert.Inwiefern?Naja, die ärgern sich darüber, dass ich besssergestellt aus dem Knast komme als ich reingegangen bin. Das stimmt. Ich habe Freundin und Job. Ich habe mein Leben im Griff. Manchen stößt so was auf. Dabei ist es doch das Ziel der Haft, dass es einem hinterher besser geht.Angst, dass Sie eines Tages rückfällig werden könnten, haben Sie nicht?Nein. Meine Taten hingen sehr spezifisch mit der Situation zusammen, in der ich mich befunden hatte. Die Situation ist jetzt eine andere. Das sieht der Gutachter genauso.Sie hatten damals als Lackierer gearbeitet, Lösungsmitteldämpfe eingeatmet, Depressionen bekommen......nicht nur Depressionen. Es war massiver. Ich hatte das Gefühl, ständig betrunken zu sein - ohne Alkohol zu trinken. Mein Bewusstsein war getrübt, meine Angstgefühle reduziert. Der Gutachter im Prozess hat mir bestätigt, dass es so war.Aber in der Öffentlichkeit wurden Ihre Verbrechen nicht als die eines Kranken wahrgenommen. Viele haben das Katz- und Mausspiel mit der Polizei sportlich gesehen.Für mich war das ganz anders. Das war nur Stress. Da gab es nichts, was Spaß gemacht hat. Wenn ich heute an Orte komme, wo mal Geldübergaben geplant waren, kommt wieder alles hoch. Das ist wie ein Alptraum für mich. Aber im Gefängnis waren Sie doch sicher der Held?Das nicht. Aber bei Mithäftlingen hatte ich ein gewisses Plus. Bei Beamten war das anders. Die hatten Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Die wussten, dass die Öffentlichkeit schaut, was aus Funke wird. Das half mir nicht. Im Gegenteil. Andere sind schneller in den offenen Vollzug gekommen als ich.Bei den Polizisten haben Sie sich mit Ihren Taten ja auch nicht gerade Freunde gemacht. Viele Beamte fühlten sich bloßgestellt.Das war nie meine Absicht. Das wissen viele Polizisten. Manche erkennen mich auf der Straße und bitten mich um ein Autogramm.Sie sind durch Ihre Verbrechen prominent geworden. Ohne diese Berühmtheit wären Sie heute nicht Drehbuchautor und Karikaturist des Satireblattes Eulenspiegel.Ja, aber das muss man differenziert sehen. Es stimmt, dass Leute durch die Bekanntheit an mich herangetreten sind. Aber letztlich musste ich Leistung zeigen. Der Name allein hilft auf Dauer nicht.Sind Ihre Chefs mit Ihnen zufrieden?Ich denke doch. Für den "Eulenspiegel" war es zunächst ein Gag, mich zeichnen zu lassen, nun gestalte ich schon Titelbilder. Künftig werde ich sogar einen festen Vertrag bekommen. Und mein Drehbuch für die Münchner Produktionsfirma H5B5 Media AG ist in der ersten Fassung schon fertig.Wie haben Sie das Drehbuchschreiben gelernt?Die technische Seite habe ich mir angelesen. Aber Talent muss dazu kommen.Und eine Idee.Ja, aber Fantasie sagt man mir ja nach, daran wird es nicht scheitern.Klappt die Geldübergabe im Film?Nein, natürlich nicht. Wann klappt das schon mal.Am 28. Mai 1988 hat es bei Ihnen geklappt, Sie haben 500 000 Mark vom KaDeWe bekommen.Stimmt. Aber der Film hat nichts mit mir zu tun. In ihm geht es um den Gegensatz zwischen dem typischen Berliner und der großen Politik. Ein paar Typen setzen einen korrupten Politiker unter Druck. Mehr verrate ich nicht. Wenn alles klappt, wird das der Pilotfilm für die Serie "BerlinBande".Über Ihre Taten haben Sie das Buch "Mein Leben als Dagobert" geschrieben. Warum wurde das nie verfilmt ?Die Ufa hat die Option dafür erworben. Aber ich bin gar nicht scharf darauf, dass das verfilmt wird. Ich will lieber über meine jetzige Arbeit definiert werden als über das, was ich früher angestellt habe. Sie wollen als Drehbuchautor und Zeichner anerkannt werden?Nicht nur. Ich habe gerade mit meinem zweiten Buch begonnen.Denken Sie sich jetzt Erpressungen mit Computerviren und Geldübergaben im Internet aus?Nein. Haben Sie nie daran gedacht?Doch, früher. Aber das behalte ich für mich. Ich will nicht, dass man mir vorwirft, Tipps zu geben.Über was schreiben Sie nun? Es geht um die kleinen Träume, deren Verwirklichung man immer hinausschiebt und die sich niemals erfüllen. So wie zum Beispiel manche davon träumen, einmal quer durch Deutschland zu wandern.Raten Sie nun den Lesern: "Macht, was ihr schon immer wolltet"?Mein Buch wird kein Ratgeber, es wird eine Satire, das entspricht eher meinem Lebensgefühl.Sie müssen das Arbeiten ja locker sehen, denn reich werden können Sie damit nie mehr.Ja. Ich habe Schadenersatzforderungen des Karstadt-Konzerns in Höhe von fünf Millionen Mark akzeptiert. Vom Honorar für mein erstes Buch bekam ich keinen Pfennig. Fehlt Ihnen ohne Geld nicht Anreiz zum Arbeiten?Nein. Ich weiß zwar, dass alles bis zu einem gewissen Betrag gepfändet wird. Aber deshalb kann ich mir den Job auch besser aussuchen. Ich muss nicht aufs Geld schauen, ich mache, was Spaß macht... ... also zeichnen und schreiben...... und anderes. Ich habe viele Aquarelle gezeichnet, und ich fotografiere. Ich scanne die Fotos ein und bearbeite sie am Computer. Ich nehme Versatzstücke verschiedener Fotos und setze die so zusammen, dass ein schönes Bild entsteht.Für wen machen Sie das?Für mich. Ich will die Fotokunst und die Aquarelle mal ausstellen.Sie waren früher auch bekannt dafür, Motorradtanks zu bemalen...... ja, aber diese Airbrush-Technik ist jetzt absolut tabu. Wenn ich heute Lösungsmittel rieche, sträuben sich mir die Haare. Da beschleicht mich die Angst, dass es wieder so sein könnte wie damals.Damals waren Sie verheiratet. Haben Sie noch Kontakt zu ihrer Frau?Ja. Die Ehe ist an der Haft zerbrochen. Aber ein bisschen fühle ich mich noch verantwortlich für sie.Wollen Sie wieder heiraten?Ja. Vielleicht noch dieses Jahr.Ihr Sohn wird bald zehn Jahre alt. Wie geht er damit um, dass sein Vater Verbrechen begangen hat?Er weiss, dass das nicht in Ordnung war. Aber ich glaube, er akzeptiert das. Und nun ist es auch für ihn befreiend, dass ich rauskomme.Das Gespräch führte Peter Brock."Mein neues Buch wird eine Satire, das entspricht meinem Lebensgefühl. " Arno Funke, alias "Dagobert", früher Erpresser, heute Autor BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Arno Funke ist kein Freigänger mehr: Von heute an kann er durch die Stadt bummeln, ohne nach zwölf Stunden ins Gefängnis zurückkehren zu müssen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner