Wahl

Aron Boks ging als 19-Jähriger weg – jetzt ist er zurück und schreibt über Sachsen-Anhalt

Am Morgen nach der Wahl ist Aron Boks in Güstrow. Der Stadtschreiber von Halle über Chiffren, einen Chor in Wernigerode und drei Prozent für die SPD.

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Aron Boks: „Ich bin Sachsen-Anhalter.“

Aron Boks: „Ich bin Sachsen-Anhalter.“

© Anne Schönharting/Ostkreuz

Am Morgen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt erwischen wir Aron Boks in Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern, unterwegs mit der Gesprächsreihe des PEN Berlin „Ist das noch/schon mein Land?“. Gewählt hat er trotzdem. Er hat seine Stimme vorab in Halle abgegeben.

Der Schriftsteller Aron Boks, 29 Jahre alt, ist seit Anfang des Jahres Stadtschreiber in Halle. Er kommt auch aus diesem Bundesland, aus dem er einmal wegwollte. Aufgewachsen ist er in Blankenburg im Harz. Mit 19 zog er nach Berlin, das war 2016, und er dachte, er käme nie wieder. Seit diesem Jahr steht Halle in seinem Ausweis. „Ich bin Sachsen-Anhalter“, sagt er.

Eine Chiffre

Was ihn zurückgebracht hat, war auch berufliches Interesse. Für ihn als Schriftsteller und Publizist sei dies ein außergewöhnlicher Moment, um hier zu sein, sagt er. Die ganze Welt schaue gerade auf Sachsen-Anhalt. „Heute war es Aufmacher in der New York Times und bei der BBC, das ist ja Wahnsinn!“ Früher habe er Leuten erklären müssen, dass es dieses Bundesland überhaupt gebe. Heute sei Sachsen-Anhalt zu einer Chiffre geworden.

Er beschreibt zwei Blickrichtungen: „Die einen schauen ängstlich hin und sind zugleich erleichtert, dass es bei ihnen nicht so ist. Und die anderen, auch in Westdeutschland, verbinden jetzt Hoffnungen mit Sachsen-Anhalt.“

Was er in Halle gesucht hat

Für seine Zeit als Stadtschreiber hat sich Aron Boks das Thema Gemeinschaft gesetzt. Er habe Orte gesucht, an denen Menschen einander begegnen, denn das Gefühl, Gemeinschaft zu verlieren, beschäftige viele. Auch auf den Reisen mit PEN Berlin sei ihm das immer wieder begegnet.

Er wohnt ausgerechnet in einem Viertel mit hohem Grünen-Anteil, einem Milieu, das er aus Kreuzberg kennt. Die Wohnung habe er nicht ausgesucht, sie gehörte zum Stipendium. Er habe sich aber in der ganzen Stadt umgesehen, in der Silberhöhe, in Halle-Neustadt, in Gegenden, in denen Milieus aufeinanderprallen, wie er sagt.

An einen Ort hat es ihn immer wieder gezogen. Ein Häuserblock mit Innenhofgärten, bewohnt von Menschen, die er der Mittelschicht zuordnet, vielleicht auch der unteren Mittelschicht; die Mieter teilen sich die Fläche. Diese Gärten sollen nun an eine private Genossenschaft gehen, Parkplätze seien geplant. Und nun würden sich die Mieter, die sich zuvor kaum gegrüßt hätten, alle ein bis zwei Wochen auf der Gartenfläche treffen, grillen, Kaffee trinken, planen. Nur eines hat Aron Boks daran auszusetzen: „Es kann ja nicht sein, dass immer erst eine Krise da sein muss, damit Leute Gemeinschaft finden.“

Der Chor in Wernigerode

Ein zweites Beispiel stammt aus seiner Familie. Sein Vater lebt in Wernigerode, spielt in einer Hobbymannschaft Fußball und singt in einem Chor. In diesem Chor, erzählt Aron Boks, gebe es eine Kraft, die es für den Moment unnötig mache, politische Differenzen offenzulegen. Man wisse voneinander, dass man anders denke, in manchem gegensätzlich. Vieles davon habe sich in der Corona-Zeit verschärft. Trotzdem funktioniere das gemeinsame Singen. Glaubt er also an einen kleinen gemeinsamen Nenner? „Ganz fest“, sagt Aron Boks.

Er weiß, dass das nicht überall trägt. Am Tag zuvor habe ihm in Mecklenburg jemand aus einem Sportverein das Gegenteil geschildert: Kein Gespräch komme fünf Minuten ohne Politik aus, und dann kippe es sofort. Dessen Lösung sei, das Thema zu meiden. Aron Boks hält das für keine.

Was ihn beunruhigt, ist nicht die Ungewissheit über die Zukunft, sondern wie schwer es geworden sei, Öffentlichkeiten zusammenzubringen. Meinungen nebeneinander stehen zu lassen, ohne dass alles existenziell werde. „Manche sehen im AfD-Wähler einen Prototyp, der gegen alles ist, was man selber will und von dem man glaubt, dass er einen ausradieren möchte.“ Dasselbe gelte umgekehrt für Grüne- oder Linke-Wähler. „Das ist etwas, wo ich ganz schön Handlungsbedarf sehe“, sagt er. „Wie man aufeinander zugehen kann.“ Wenn er spricht, spürt man, dass diese Fragen wirklich in ihm brennen.

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Es müsse von beiden Seiten passieren. Die einen müssten weg von der Haltung, dass alle, die nicht für die AfD sind, total verblendet seien und stummgeschaltet werden müssten. Die anderen müssten weg davon, alle AfD-Anhänger für Nazis zu halten, die nicht Teil der Gesellschaft sein dürften. Menschen in Sachsen-Anhalt könnten sich dieses Lagerdenken ohnehin kaum erlauben. „Die könnten ja mit sechzig Prozent der Leute in ihrem Dorf nicht reden.“

Der Bundeskanzler und der Osten

Der Unmut, der viele AfD-Wähler antreibt, richte sich gegen das bestehende System. Viele, die vorher nicht gewählt hätten, sähen in der AfD nun eine Partei, die für etwas radikal anderes stehe, auch als Ansage an die Bundespolitik. Ob der Unmut begründet ist, will er nicht beurteilen. Aber das Gefühl, von der Politik nicht gesehen zu werden, und der Eindruck, einem Bundeskanzler sei der Osten nicht wichtig, das könne er nachvollziehen. Eine Partei könne so etwas gut nutzen.

Eine Zahl beschäftigt ihn dabei besonders. Unter den Menschen in Sachsen-Anhalt, die ihr eigenes Einkommen als schwach bezeichnen, wählen die meisten die AfD. Die SPD, die dieser Gruppe einmal eine Heimat geboten habe, komme bei diesen Menschen auf nur drei Prozent.

Auch die Wahlbeteiligung nennt er. 2006 habe sie bei 44 Prozent gelegen, am Sonntag waren es knapp 80 Prozent. Aron Boks sagt, diese hohe Zahl sei Ausdruck von Unmut, nicht von Zufriedenheit. Politisiert habe sich mehr als ein Lager: Auch die Linke habe junge Leute mobilisiert. Neben seiner Wohnung in Halle liegt deren Parteizentrale, und er habe sich gewundert, wie viel dort veranstaltet und an Türen geklopft wurde. Zugleich sei die AfD auffallend präsent gewesen, mit Festen, mit Bürgernähe.

Die Aufmerksamkeit und ihr Preis

Dass Sachsen-Anhalt nun international beachtet wird, findet Boks gut. Einerseits. Es habe ihn berührt, Städte aus seiner Kindheit in den Nachrichten zu sehen. Aufmerksamkeit, sagt er, sei etwas Reizvolles. Er kennt das Gefühl, steht er doch selbst auf Bühnen. Er sieht aber auch die Sensationslust.

Dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ist er nie begegnet. „Ich fände das aber spannend.“ Was er ihn fragen würde? „Was er zum Thema Polarisierung sagt und ob er einen kleinen gemeinsamen Nenner für diese Gesellschaft sieht und wenn ja, welchen.“

Ende September läuft Aron Boks Zeit als Stadtschreiber aus. Er kehrt dann nach Berlin zurück, aber nicht ganz. Auch in Halle will er weiterleben.

Gesprächsreihe des PEN Berlin: Ist das noch|schon mein Land? Mecklenburg-Vorpommern, reden wir über Heimat. Termine auf der Webseite des PEN Berlin

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