Freibäder wie das Prinzenbad in Kreuzberg oder das Sommerbad Pankow sind im Hochsommer kein Ort für Zartbesaitete. Hier trifft Sonnenmilch-Idylle auf knallharten Revierkampf. Wer das Drehkreuz passiert, navigiert unweigerlich durch ein Minenfeld aus nassen Handtüchern, rücksichtslosen Sprungturm-Posen und wummernden Bluetooth-Boxen.
Wir klären ein für alle Mal, was im Schwimmbad völlig in Ordnung ist und was auf keinen Fall geht – zehn sommerliche Disziplinen im ungeschönten Realitätscheck.
Die Arschbombe: Do, aber mit Anstand
Die perfekt ausgeführte Arschbombe ist jugendliche Lebensfreude in konzentrierter Form: Ich bin hier, ich existiere, das Wasser weiß es jetzt auch. Das massenhafte Verdrängen von Wasser ist eine ehrliche, physikalisch eindrucksvolle Ansage. Für die Leserin am Beckenrand mit Buch und Sonnencreme gleicht dieser plötzliche Tsunami allerdings einem ungebetenen Naturereignis – laut, nass, vollkommen rücksichtslos. Räumliches Feingefühl löst den Konflikt: Im freien Becken hat die Arschbombe nichts verloren, vom Sprungturm mit Blick auf die Auslaufzone hingegen ist sie ein legitimer und würdiger Ausdruck sommerlicher Existenz. Do – mit Verstand.
Vom Beckenrand springen: Lieber nicht
Die Treppe ist „für Rentner und Kleinkinder“, das Wasser nah, die Versuchung verständlich. Unkontrollierte Seitensprünge und Sportschwimmerinnen vertragen sich nicht – Kollisionen passieren schneller als gedacht. Zügiges Hineingleiten von der Kante ist noch akzeptabel, der Anlauf-Sprung mit Schwung ist es nicht. Don’t – die Treppe ist für alle da.
Zwei Jugendliche springen vom Beckenrand in den Pool: Bitte nicht nachmachen!
© Svenja Hanusch/imago
Freunde untertauchen: Fast immer falsch
Als neckische Geste gemeint, als Übergriff erlebt: geschlucktes Chlorwasser, Panik, ruinierte Frisur. Untertauchen geht nur, wenn ein ausdrückliches gegenseitiges Einverständnis für grobe Wasserspiele besteht. Wer sich dessen unsicher ist, hat die Antwort bereits. Don’t.
Die Bluetooth-Box: Kopfhörer, bitte
Die stille Überzeugung, dass die eigene Musik allen anderen auch gefallen wird, ist eine der hartnäckigsten Selbsttäuschungen im öffentlichen Raum – sie scheitert im Freibad besonders laut. Das Bedürfnis nach Ruhe ist dort genauso berechtigt wie das nach Unterhaltung. Kopfhörer existieren, sie funktionieren, sie lösen das Problem vollständig. Don’t!
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Rauchen auf der Liegewiese: Abstand ist alles
Die nasse Haut trocknet in der Sonne, dazu eine Zigarette – für manche ist das der Inbegriff der Freibad-Romantik. Für die Familie auf der Nachbardecke ist die herüberwehende Wolke allerdings schlichtweg eine Zumutung. Wenn am Ende der Stummel auch noch achtlos im Gras landet, ist die Toleranzgrenze endgültig erreicht. Do – aber nicht zwischen anderen.
Pommes und Eis: Unverhandelbar
Zu teuer, zu labbrig, die Mayonnaise zu viel, die Wespen sofort dabei. Und trotzdem: Der Geschmack von Schwimmbad-Fritten ist ein kollektiver Pavlov-Reflex, der jeden rationalen Preisvergleich außer Kraft setzt. Manche Dinge kann man nicht besser machen – sie sind einfach richtig so. Absolutes Do!
Pommes mit Ketchup und Mayo am Beckenrand: Nirgendwo schmecken schlechte Pommes besser als im Freibad!
© Nancy Heusel/imago
Jemanden vom Zehnmeter schubsen: Niemals!
Gern als Freundschaftsdienst verkleidet: der kleine Schubs, damit jemand endlich seine Höhenangst überwindet. Die Absicht klingt fast fürsorglich. Die Realität ist eine andere: Ein unkontrollierter Sturz aus zehn Metern ist nicht therapeutisch, er ist lebensgefährlich. Falsche Haltung beim Aufprall, falscher Winkel – das endet nicht mit einer überwundenen Phobie, sondern im Krankenhaus. Auf dem Sprungturm gilt das absolute Gesetz der Freiwilligkeit. Hartes Don’t!
Der Seemannsköpper: Schmerz für Applaus
Wer den gewollten Kopfklatscher aus luftiger Höhe wählt, trifft eine bewusste Entscheidung: Ruhm gegen Schmerz, Applaus gegen Schädel-Hirn-Trauma. Was dabei entsteht, ist kollektives Freibad-Entertainment: Alle schauen hin, alle zucken kurz zusammen, alle lachen. Der Ausführende leidet allein, die Menge profitiert. Ein fairer Tausch. Do – für Mutige, Schmerzresistente und Menschen, die Applaus mögen.
Ein Mann springt Kopf voran vom Ein-Meter-Brett. Mutig, aber schmerzhaft!
© Julian Stratenschulte/dpa
Sonnenbrand: Das vermeidbarste Übel des Sommers
Rote Schultern gelten noch immer als stiller Beweis eines gelungenen Sommertags – ein Zeichen von Naturverbundenheit, von Draußensein, von Vitalität. Medizinisch ist das Unsinn. Ein Sonnenbrand ist eine Entzündungsreaktion, die Gewebe nachhaltig schädigt, die Nacht danach unangenehm macht und sich über Jahre akkumuliert. Sonnencreme kostet wenig, das Auftragen dauert zwei Minuten. Der Verzicht darauf ist keine Haltung, sondern Nachlässigkeit. Don’t – die Ausrede „Hab’s vergessen“ zählt nicht.
Ins Becken pinkeln: Nein
Das Wasser ist kalt, die nächste Toilette gefühlt weit, das Chlor reinigt doch sowieso alles – so lautet die innere Rechtfertigung. Das ist falsch. Das Chlor neutralisiert nicht alles. Der stechende Geruch, den man aus jedem Schwimmbad kennt, ist übrigens exakt die chemische Reaktion, die entsteht, wenn Urin auf Chlor trifft. Wer das weiß und sich trotzdem erleichtert, ist kein Opfer seiner Bequemlichkeit – er ist das Problem der anderen. Ein definitives Don’t. Im allergrößten Notfall lieber die ungebetene Zigarette des Nachbarn auspinkeln.
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