An einer Straßenkreuzung in Baku steht hoch auf einem Sockel eine Frau aus Bronze. Mit heroischer Geste zieht sie sich den Schleier vom Kopf. Der aserbaidschanische Bildhauer Fuad Abdurahmanov hat die befreite Frau geschaffen, aufgestellt wurde sie 1960.
Sechseinhalb Jahrzehnte später streitet Aserbaidschan wieder über das Kopftuch. Medien berichten über Mädchen, die an staatlichen Schulen abgewiesen worden sein sollen, weil sie ein Kopftuch trugen. Am Montag nahm die Polizei in Baku 37 Menschen fest, die dagegen protestiert hatten. Sie sollen Schulgebäude beschädigt und den Verkehr behindert haben.
Zurückzuführen ist dieser Streit auf eine Änderung der Schuluniformvorschriften im September: Kleidungsstücke, die das einheitliche Erscheinungsbild beeinträchtigen oder dem säkularen Charakter des staatlichen Bildungswesens widersprechen, sind untersagt, auch wenn die Worte Kopftuch oder Hidschab in der neuen Regelung nicht vorkommen.
Die Statue hat eine unbequeme Vorgeschichte
Die Statue der befreiten Frau geht auf Sevil zurück, die Heldin eines Stücks von Jafar Jabbarly aus dem Jahr 1928. Sevil legt den Schleier ab und tritt in die sowjetische Gesellschaft ein.
Begonnen hat die Bewegung gegen den Schleier in Baku bereits früher, schon 1908, getragen von einem liberalen Bürgertum. Sie wurde von der Geistlichkeit unterdrückt. Nach der Sowjetisierung griff Moskau das Thema auf.
Josef Stalin war es, der in den 1920er-Jahren den sogenannten Hujum in den muslimischen Teilrepubliken initiierte, den Sturm, der alle Manifestation von Geschlechterungleichheit hinwegfegen sollte. Er setzte das Heiratsalter junger Frauen auf 16 hoch, aber vor allem ging es ums Verschleiern und die Beschränkung der Frauen auf den häuslichen Bereich.
Am Frauentag des Jahres 1927 verbrannten Frauen ihre Schleier auf der Straße. Die zum Teil gewaltvollen Konsequenzen trugen sie auch. Selbst die Kommunistische Partei Usbekistans war gegen den Hujum. Manche Frauen, die den Schleier ablegten, wurden von ihren Familien verstoßen, sogar getötet. Die Komsomolzin Sariyya Khalilova wurde von ihrem Vater getötet.
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MehrEine unwillkommene koloniale Geste
Das Denkmal ehrt diesen Mut. Doch Stalins Kampf gegen den Schleier war Teil seines Kampfes gegen die Religion beim Aufbau einer modernen sozialistischen Gesellschaft. Er ließ auch die Moscheen schließen.
Es ging ihm nicht in erster Linie um Gleichheit für Männer und Frauen. Er brauchte die Frauen bei der anstehenden Industrialisierung als Arbeitskräfte. Eine allgemein unwillkommene koloniale Geste war es allemal.
Im heutigen Aserbaidschan schreibt die Verfassung die Trennung von Staat und Religion vor. Darauf beruft sich die Regierung, wenn es um religiöse Zeichen in Schulen geht. Der aktuelle Streit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem postsowjetischem Erbe des Säkularismus und der Rückbesinnung auf islamisch-traditionelle Werte. Es mag einem widersinnig erscheinen, dass man diese Rückbesinnung als eine Art Emanzipation verstehen kann.
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