Nach einem fünfstündigen Flug aus Istanbul ist die Maschine der Turkish Airlines um kurz nach zwei Uhr nachts am Internationalen Flughafen Nursultan Nasarbajew in Kasachstan gelandet. Meine Dienstreise führte mich zum ersten Mal im Leben ins neuntgrößte Land der Erde. Jedoch gab es einen kuriosen Begleitumstand der Reise. So diskutierte ich im Flugzeug mit meinen Kollegen, wie die Stadt, in der wir eben gelandet waren, denn nun wirklich heiße.
Auf dem Flugticket steht Nur-Sultan, dasselbe steht auf der Anzeigetafel im Istanbuler Flughafen, unserem Zwischenstopp. Meine Wetter-App zeigt wiederum Astana an, auch in den Nachrichten spricht man von Astana. Zwei Namen – eine Stadt. In Zentralasien, besonders in Kasachstan, wurden in den vergangenen Jahrzehnten häufig Städtenamen geändert. Der Grund: Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden Städte als Zeichen der Lossagung vom sowjetischen Erbe umbenannt. Aus Semipalatinsk wurde Semei, aus Petropawlowsk wurde Petropawl, aus Zelinograd Astana.
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Die Hauptstadt Kasachstans, welche erst seit 1997 das politische Zentrum des Landes ist, hatte jedoch noch vielmehr Namensänderungen in ihrer Geschichte. Fast weltrekordverdächtig, könnte man meinen. So hieß die Kleinstadt mitten in der kasachischen Steppe bis 1960 Akmolinsk und von 1961 bis 1991 Zelinograd. Der Name lässt sich in etwa mit Neulanderoberer übersetzen, denn Mitte des 20. Jahrhunderts planten Moskauer Parteikader, eine zweite Kornkammer in Kasachstan zu etablieren. Quasi eine Ukraine 2.0 für die Sowjetunion.
Das Zentrum von Astana
© imago/Tibor Bogn
Mit der Unabhängigkeit des zentralasiatischen Landes bekam die stetig wachsende Bezirksstadt wieder ihren alten Namen, jedoch auf Kasachisch: Aqmola, was so viel bedeutet wie „weiße Grabstätte“. Bis 1998 behielt die Stadt diesen Namen. Die damalige kasachische Hauptstadt Almaty stieß währenddessen an ihre infrastrukturellen Grenzen. Almaty ist ganz im Süden des Landes an der Grenze zu Kirgistan, liegt in einem Tal und ist von Gebirgsketten umgeben.
Der langjährige Präsident Nursultan Nasarbajew wollte seinem Land eine neue Hauptstadt schenken. Man entschied sich für das kleine, aber zentral gelegene Aqmola. Da jedoch „weiße Grabstätte“ kein vorteilhaftes Omen für eine Hauptstadt ist, wurde sie wieder umbenannt. In Astana, auf Kasachisch ganz schlicht: Hauptstadt.
Und so hieß die Stadt über 20 Jahre lang, bis Nasarbajews Nachfolger und jetziger Präsident Kassim-Schomart Tokajew auf die Idee kam, die Stadt zu Ehren des ersten Präsidenten in Nur-Sultan umzubenennen. Nur-Sultan werde jedoch in der Alltagssprache kaum genutzt, die überwiegende Mehrheit spricht weiterhin von Astana, haben mir Gesprächspartner versichert. Es war ein gescheiterter Versuch, Nasarbajew ein Denkmal zu setzen.
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Die Geschichte ist damit jedoch nicht zu Ende. Nach den blutigen Unruhen im Januar 2022 verloren Nasarbajew und seine Familie an Einfluss im Land. Folglich verabschiedete Tokajew eine Verfassungsänderung, der alte Name wird nun wieder benutzt. Viele Postkarten und Souvenirs präsentieren jedoch weiterhin beide Namen: Nur-Sultan und Astana. Immerhin gibt es für die Nur-Sultan-Magneten einen kleinen Rabatt.
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