Naturschauspiel

Eine der trockensten Wüsten der Erde blüht: Bis zu 15.000 Quadratkilometer werden zum Blumenmeer

Millionen Samen und Knollen treiben nach außergewöhnlichen Regenfällen in Chiles Atacama-Wüste aus. Die Blüte könnte so ausgedehnt werden wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.

5 Min
Chile: Touristen genießen den Anblick blühender Blumen in der Atacama-Wüste nahe Copiapó.

Chile: Touristen genießen den Anblick blühender Blumen in der Atacama-Wüste nahe Copiapó.

© Zhou Jiayi/imago

Eigentlich bestimmen Braun-, Ocker- und Grautöne die Landschaft. Doch derzeit ziehen sich violette, gelbe, weiße und rote Blüten über weite Teile der chilenischen Atacama-Wüste. Nach außergewöhnlich ergiebigen Regenfällen erlebt die Atacama, die als trockenste nichtpolare Wüste der Erde gilt, den sogenannten Desierto Florido, die blühende Wüste. Millionen Samen, Zwiebeln und Knollen sind ausgetrieben, nachdem viele von ihnen jahrelang oder sogar jahrzehntelang im trockenen Boden geruht hatten.

Die diesjährige Blüte könnte außergewöhnliche Dimensionen erreichen. Nach einer Prognose der chilenischen Forst- und Naturschutzbehörde CONAF kann sich das Phänomen auf bis zu 15.000 Quadratkilometern zeigen. Das entspricht annähernd der Fläche Schleswig-Holsteins. Die Behörden rechnen mit einer der intensivsten und ausgedehntesten Blüten seit 1997.

Mehr als 200 Pflanzenarten können plötzlich erscheinen

Das Erstaunliche spielt sich zunächst unsichtbar unter der Erde ab. Nach Angaben von CONAF können dort Samen sowie unterirdische Pflanzenteile wie Zwiebeln, Rhizome und Knollen lange Trockenperioden in einem Ruhezustand überstehen. Fallen im Winter genügend Niederschläge und stimmen anschließend Temperatur und Feuchtigkeit, beginnt innerhalb weniger Wochen eine außergewöhnliche Vegetationsphase.

Mehr als 200 Pflanzenarten können während eines Desierto Florido erscheinen. Dazu gehören rote und gelbe Añañucas, violett blühende Portulakgewächse, weiße Suspiros und der als „Löwenkralle“ bekannte Garra de León. Viele Arten kommen ausschließlich in dieser Region vor.

„Es gibt Hügel und Gebirgszüge, auf denen seit mehr als 30 oder 40 Jahren kein Grün und keine Blüten mehr zu sehen waren“, sagte César Pizarro, Leiter des Bereichs Biodiversität bei CONAF Atacama, der Nachrichtenagentur AP. Das biologische Material im Wüstenboden könne „viele Jahre, sogar Jahrzehnte“ ruhen.

Violette Blüten in der Atacama-Wüste in Chile Anfang September 2026. Nach außergewöhnlich starken Regenfällen verwandeln sich weite Teile der sonst extrem trockenen Landschaft in ein Blütenmeer.

Violette Blüten in der Atacama-Wüste in Chile Anfang September 2026. Nach außergewöhnlich starken Regenfällen verwandeln sich weite Teile der sonst extrem trockenen Landschaft in ein Blütenmeer.

© Cristobal Basaure Araya/imago

Rekordregen schuf die Voraussetzungen

Auslöser waren ungewöhnlich hohe Niederschläge während des chilenischen Winters. Die chilenische Wetterbehörde DMC bezeichnete allein die Regenperiode vom 14. bis 21. Juli als eines der bedeutendsten Juli-Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte. Zwischen der Region Atacama und dem Süden Chiles wurden dabei mehrere historische Niederschlagsrekorde gebrochen. Die Meteorologen führen das Ereignis auf drei aufeinanderfolgende Frontensysteme zurück, die durch einen atmosphärischen Fluss mit zusätzlicher Feuchtigkeit aus dem Pazifik verstärkt wurden.

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Wie ungewöhnlich das für die Wüste war, zeigen einzelne Messstationen. Am Flughafen Desierto de Atacama bei Caldera wurden im Juli 38,1 Millimeter registriert. Im gesamten Jahr 2025 waren es dort lediglich 17,3 Millimeter gewesen.

CONAF-Biologe Pizarro berichtete AP von einzelnen Orten mit Niederschlagsmengen zwischen 160 und 190 Millimetern. Nach seinen Angaben zählen diese Werte zu den höchsten seit Beginn entsprechender Messreihen. Die chilenische Wetterbehörde hatte bereits vor dem Winter überdurchschnittliche Niederschläge für Teile der Region Atacama erwartet. Zugleich waren 2026 El-Niño-Bedingungen im Pazifik vorhanden.

Erste Blüten in der Atacama-Wüste nahe Copiapó Anfang September 2026. Ungewöhnlich starke Regenfälle haben die seltene Blüte in der extrem trockenen Region ausgelöst.

Erste Blüten in der Atacama-Wüste nahe Copiapó Anfang September 2026. Ungewöhnlich starke Regenfälle haben die seltene Blüte in der extrem trockenen Region ausgelöst.

© Lucas Aguayo Araos/imago

Höhepunkt der Blüte steht noch bevor

Das Schauspiel dürfte sich in den kommenden Wochen noch verstärken. Die Regionalregierung von Atacama erwartet die größte Vielfalt und Blütendichte Mitte Oktober. Die betroffenen Gebiete reichen von Caldera im Norden bis Freirina weiter südlich. Je nach Wetterbedingungen kann die Blüte bis Ende November oder teilweise bis Anfang Dezember anhalten.

Auch Tiere profitieren von der plötzlich erwachenden Vegetation. Während der Blüte nimmt die Zahl der Bestäuber deutlich zu. Im Nationalpark Desierto Florido leben zudem verschiedene Reptilien, Vögel und Säugetiere. Das chilenische Umweltministerium startete deshalb eine Bürgerforschungsaktion, bei der Besucher Pflanzen und Tiere fotografieren und melden können. Bis Mitte September waren bereits knapp 3000 Beobachtungen von mehr als 650 Arten eingegangen.

Besucher sollen die Blüten nicht betreten

Das außergewöhnliche Schauspiel zieht zugleich zahlreiche Touristen an. AP berichtet unter Berufung auf den chilenischen Tourismusdienst von fast 300.000 erwarteten Übernachtungen in der Region bis zum Ende der Blüte im November.

Die Behörden warnen jedoch davor, für Fotos in die Blütenteppiche zu laufen oder mit Fahrzeugen abseits der Wege zu fahren. Denn unter der scheinbar leeren Sandoberfläche liegt bereits der biologische Vorrat für kommende Blüteperioden. CONAF fordert Besucher deshalb auf, ausschließlich markierte Wege zu benutzen und weder Pflanzen noch Zwiebeln auszugraben oder Blumen abzuschneiden.

Ein Teil der empfindlichen Landschaft steht seit 2023 unter besonderem Schutz. Der Nationalpark Desierto Florido südlich von Copiapó umfasst rund 57.100 Hektar. Er wurde eigens geschaffen, um die Vegetation und die außergewöhnliche Artenvielfalt jener Gebiete zu erhalten, die sich nach ausreichendem Regen innerhalb kurzer Zeit von einer kargen Wüstenlandschaft in ein Blütenmeer verwandeln können.

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