Berlin will sich den Titel Modestadt zurückerobern. Auch die rund 150 jungen Designer tragen mit ihren Arbeiten dazu bei. Ateliers in großen Geschäftsstraßen können sie sich nicht leisten. Aber was in Hinterhöfen und Fabriketagen entsteht, kann sich sehen lassen.Lange war das Interesse für individuelle Kleidung nicht so groß, heißt es in der Modebranche. Oft suchen Kunden nach endlosen Runden durch die Kaufhäuser in kleineren Läden etwas Besonderes. Und immer öfter hängen in den Boutiquen auch Teile aus den Kollektionen junger Modemacher. Denn sie entwerfen nicht nur verrückte oder ausgefallene Einzelstücke.Diese extreme Mode oder "Kunst am Körper" sei eigentlich nicht typisch für Berliner Designer, sagt Modemacher Arno Karge. Selbst seit zehn Jahren im Geschäft, unterstützt der 40jährige andere Designer, die sich gerade erst einen Namen machen. Dafür wurde Karge bereits mit einem Preis der Berliner Modejournalisten ausgezeichnet. Der ehemalige Diplompolitologe ist bekannt für seine spektakulären "Molotow-Modenschauen", auf denen er die Ideen junger Designer präsentiert. Und in seinem Kreuzberger Laden in der Gneisenaustraße 112 verkauft er die Sachen auch."Designer haben mehrere Ausbildungen abgeschlossen, sind hochqualifiziert und kreativ", so Karge. Anders könnten sie in der Branche gar nicht bestehen. Trotzdem ist es schwer, im Modegeschäft zu überleben. Die Mieten für Ateliers und Werkstätten sind hoch. Immer häufiger schließen sich deshalb mehrere junge Leute zusammen, mieten Räume in Hinterhöfen oder Fabriketagen.So auch in den Hackeschen Höfen. Neben einem Cafe, dem Variete Chamäleon, Kino, Friseur, Antiquitäten-, und Schmuckladen, gibt es dort mehrere Mode-Geschäfte. Die beiden Designerinnen Jane Garber und Irene Gustavus beispielsweise zeigen und verkaufen im Kostümhaus Kleider in grau und schwarz (ab 200 Mark). "Ohne Schnörkel, streng aber doch mit einem Hauch Verspieltheit", erklärt Jane Garber. Grau sei die Bewegungslosigkeit im Chaos, Verführung und schlichte Extravaganz.Handgefertigte Schuhe gibt es bei Trippen. Das Designerduo Angela Spieth und Michael Oehler verkauft seine Lederschuhe nicht nur im Mini-Laden. Auf die extravaganten Modelle mit der patentierten Gummisohle oder den ungewöhnlich geformten Holzsohlen sind bereits andere Verkäufer aufmerksam geworden. Sie holen die Ware bei Trippen und bieten sie dann in ihren Läden an. Der Clou: die Sohlen sind receycelbar. Für diese Erfindung haben beide Designer sogar das Patent. Aber auch die farbenprächtigen Plateau-Schuhe sind begehrt.Für die vier Designerinnen von quasi moda sind die Hackeschen Höfe vor allem "ein kreativer Ort". Vor einigen Monaten zog das Team von der Leibnizstraße (Charlottenburg) nach Mitte. "Hier haben wir Platz für ein großes Atelier und die Miete ist bezahlbar", sagt Catrin Ziegler. Der Entschluß, den Laden in Ku'dammnähe aufzugeben, sei den vier Frauen nicht schwergefallen, sagen sie. "Dort ist immer weniger los. Dagegen boomen Kunst und Kultur im Ostteil der Stadt geradezu", so die Modemacherin.Schon jetzt haben sich die acht Höfe (Eingang Rosenthaler Straße 40/41) zum neuen Szenetreff rausgemacht. Zu den Neugierigen, die Tag und Nacht an den gerade sanierten Fassaden vorbeispazieren, gehören nicht nur Touristen. Dennoch warten die Mieter auf das Ende der Bauarbeiten. "Dann kommen auch mehr Kunden", hoffen sie.Unweit der Hackeschen Höfe, an der Neuen Schönhauser Straße 14, haben vor einigen Monaten drei Designer den Laden Respectmen eröffnet. Karin und Alfred Warburg sowie Dirk Seidel verkaufen unter diesem Label Mode für Männer. Ihr Atelier zeigt auf den Hinterhof. Was dort entsteht, ist alles andere als eintönig oder langweilig: Anzüge in knalligen Farben, elegante Hemden, klassische oder verrückte Schnitte. "Wir machen anspruchsvolle Mode, die junge Leute trotzdem bezahlen können", erklärt Karin Warburg. Für ein Designer-Hemd müssen rund 140 Mark, für Hosen 220, für Anzüge ab 700 Mark auf den Tisch gelegt werden.In einer kleinen Werkstatt in Prenzlauer Berg, Gaudystraße 15, entwirft Designer Torsten Amft seine Modelle. Vom Techno-Kleid bis zum Maßanzug schneidert der 29jährige alles. Erst stand er 10 Jahre lang selbst als Modell auf dem Laufsteg, dann wechselte er vor fünf Jahren zu den Machern. "Wichtig ist vor allem die Qualität der Klamotten", sagt Amft. Ein Designer werde nicht daran gemessen, wie viele Kleider er in kurzer Zeit schaffe. Vielmehr daran, mit welchem Schwierigkeitsgrad diese Kleider verarbeitet wurden, erklärt er. Torsten Amft hat eine Ausbildung als Modegrafiker in der Schweiz abgeschlossen und absolviert ein Fernstudium an der Züricher Kunsthochschule. "Ich bin Perfektionist, bei der Klassischen Mode genauso, wie bei den Teilen meiner Trend-Kollektion." Zu kaufen gibt es Kleider (ab 300 Mark) und Anzüge (1 600 Mark) von Amft in Boutiquen an der Fasanenstraße oder direkt im Atelier.Auf dem Fabrikgelände an der Chausseestraße 35 haben sich gleich mehrere Designer eingerichtet. Unter dem Dach befindet sich Slacks fashion, das Atelier von Claudine Conradi. In einem der anderen Gebäude teilen sich Modemacherin Linda Harper und das Designer-Team NoLoGo die Räume. Außerdem arbeiten dort ein Kunsttischler und ein Filmemacher. Linda Harper ist Engländerin, kommt aus der Schweiz und fertigt ihre Kollektionen seit drei Jahren in Berlin. Für jede Saison entwirft die 26jährige eine klassische sowie eine Trend-Kollektion. Dazu gehören Kleider aus Naturseide und Samt (ab 300 Mark), Oberteile aus zarter Spitze (um 130 Mark) oder T-Shirts mit eingearbeiteten Spielzeugteilen (ab 80 Mark). Konkurrenz gebe es unter den Designern nicht, versichern sie. "Bei manchen Aufträgen arbeiten wir auch zusammen", erklärt Christian Jähn, Designer bei NoLoGo. So auch bei einer Produktion für das Filmstudio Babelsberg, für das die Truppe gerade einen Teil der Kulisse gebaut hat. +++
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