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In letzter Zeit mehren sich öffentliche Stimmen, die eine Rückkehr zur Atomenergie befürworten. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Kanzler Friedrich Merz halten den Atomausstieg in Deutschland für einen Fehler und der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag, Jens Spahn, bringt die Wiederinbetriebnahme bereits stillgelegter Atomkraftwerke (AKWs) in die Diskussion. Die deutsche Wirtschaftsministerin fordert ebenfalls eine Neubewertung der Atomkraft.
Begründet werden diese Vorschläge mit dem internationalen Trend, der Wetterabhängigkeit der erneuerbaren Energiequellen aus Sonne und Wind, einer angeblich günstigen CO₂‑ bzw. Preisbilanz des Atomstroms und einer Stromverknappung aufgrund der angespannten internationalen Sicherheitslage für Gas- und Öltransporte. Im Folgenden sollen einige Aspekte dieser Argumentation einem Faktencheck unterworfen werden.
Der internationale Trend
Ende 2025 waren weltweit 406 Atomreaktoren in Betrieb, rund 30 weniger als Anfang 2002, als die Atomindustrie ihren Höhepunkt erreichte. Es wurden Ende 2025 weltweit zwar 65 neue Reaktoren gebaut, mit 34 allerdings mehr als die Hälfte in China. Und von den 31 Staaten, die Atomkraft nutzen, bauten nur acht neue Atomkraftwerke, drei Viertel hatten keine Reaktorneubauprogramme.
Inzwischen hat Atomstrom noch einen Anteil von neun Prozent an der weltweiten Stromproduktion. 2002 hatte die Atomwirtschaft – mit 438 Reaktoren in Betrieb – den historischen Höchststand von 17,5 Prozent erreicht. Seither sank ihr Beitrag kontinuierlich. Berücksichtigt man Mobilität und Wärmebedarf, trugen Atomkraftwerke 2024 weltweit sogar nur vier Prozent zur Deckung des Primärenergiebedarfs bei.
Entsprechend dieser Entwicklung sinkt die Bedeutung von Atomkraft kontinuierlich, während die von Sonne, Wind und Wasser unaufhörlich wächst: Die jährliche Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist zwischen 2014 und 2024 um über 4500 Terawattstunden (TWh) gestiegen, die Atomstromproduktion lediglich um 197 TWh.
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Die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie
Unabhängig von allen Risiken und Gefahren ist Kernenergie finanziell trotz hoher staatlicher Subventionen und Rettungsprogramme mit Kohle und Gas nicht mehr konkurrenzfähig, seit ein paar Jahren auch nicht mehr mit Wind und Sonne. Die Ursache liegt vor allem in den gestiegenen Kosten für Sicherheit und Strahlenschutz nach heutigen Anforderungen.
Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wurden komplette nationale AKW-Neubauprogramme abgebrochen oder „ausgesetzt“ – zum Beispiel in Chile, Indonesien, Jordanien, Litauen, Südafrika, Thailand und Vietnam. Sowohl der historisch wichtigste AKW-Bauer Westinghouse musste Insolvenz anmelden als auch die französische Areva, die sich selbst zur „Weltmarktführerin in der Atomenergie“ ernannt hatte.
Verursacht haben die finanziellen Schwierigkeiten zum großen Teil Neubauprojekte, deren Fertigstellung sich immer weiter hinauszog und deren Kosten dramatisch wuchsen. Im finnischen Olkiluoto wurde der erste europäische Druckwasserreaktor gebaut. Baubeginn: 2005, geplante Fertigstellung: 2009, Kalkulation: drei Milliarden Euro. Im Jahr 2023, mit 14 Jahren Verzögerung, begann die reguläre Stromerzeugung; die Baukosten betrugen elf Milliarden Euro. Vergleichbare Schwierigkeiten gibt es beim Bau eines Meilers in Flamanville, Frankreich. Der französische Rechnungshof schätzt die Kosten des Abenteuers auf 23,7 Milliarden Euro, sechsmal so viel wie ursprünglich kalkuliert.
Der Kontrollraum des Reaktors 3 im Kernkraftwerk Tschernobyl
© Yevhen Kotenko/Imago
„Die Erneuerbaren haben den Point of no Return erreicht“
Dieser in der Zwischenzeile festgehaltene Ausspruch stammt von Volker Quaschning, der seit 2004 an der HTW Berlin im Fachgebiet Regenerative Energiesysteme lehrt und forscht. Rund um den Globus sind erneuerbare Energien inzwischen deutlich kostengünstiger als Atomstrom und selbst gegenüber bestehenden Kohlekraftwerken konkurrenzfähig. Weltweit waren es im Jahr 2024 vor allem Onshore-Windräder, die mit durchschnittlich 3,4 Dollar-Cent pro Kilowattstunde den preiswertesten Strom liefern, wie die International Renewable Energy Agency ermittelt hat, gefolgt von Solarstrom mit 4,3 Dollar-Cent. Ein 600-Megawatt-Solarprojekt in Saudi-Arabien liefert die Kilowattstunde inzwischen für 1,04 Dollar-Cent – Weltrekord. Und selbst in Deutschland ist eine Kilowattstunde für 4,6 Euro-Cent zu haben. Atomkraft kann mit dieser Konkurrenz nicht mithalten.
Atomstrom als Ergänzung zu den Erneuerbaren?
„Sämtliche Technologien, die einen niedrigen CO₂‑Ausstoß haben, werden gebraucht, um die Ziele des Pariser Klimavertrags zu erreichen – auch Kernkraft“, kann man in der Schrift „Nuclear Power and the Paris Agreement“ der IAEA lesen. Die EU-Kommission hat sie im Rahmen des sogenannten EU-Taxonomie-Reports sogar als nachhaltig eingestuft. Um das Klima zu retten, müssten bis 2050 laut IAEA 900 Gigawatt Kernkraft neu installiert werden – wobei kein Stromkonzern einen AKW-Neubau ohne massive staatliche Unterstützung angeht. Das wären 600 bis 700 neue Atommeiler, weit mehr als heute in Betrieb sind.
Die Bauzeiten von mindestens 15 Jahren und alle wirtschaftlichen und sicherheitstechnischen Argumente sprechen jedoch eindeutig dagegen. Jetzt muss der CO₂‑Ausstoß gesenkt werden, nicht erst in 15 Jahren. Und als Ergänzung zu den sich rasant entwickelnden erneuerbaren Energiequellen sind Kernkraftwerke ebenfalls nicht geeignet, da es sich hier um Grundlastversorger handelt, die man nicht flexibel hoch- oder runterfahren kann.
Sind Small Modular Reactors (SMRs) die Zukunft?
Seit einiger Zeit werden die Kleinen Modularen Reaktoren (SMR) als Lösung angepriesen. Ihre geringe Größe – 300 Megawatt Leistung oder weniger – macht sie aber noch unwirtschaftlicher als die großen Meiler.
Im US-Bundesstaat Idaho wollte NuScale das erste Mini-AKW bauen und hat dafür laut Wirtschaftswoche bereits 1,4 Milliarden US-Dollar an Subventionen erhalten. Im November 2023 wurde das US-Vorzeigeprojekt eingestellt, nachdem NuScale die eigene Kostenschätzung massiv nach oben korrigiert hat. Weitere Projekte in Argentinien und Kanada wurden aus ähnlichen finanziellen Gründen „beerdigt“.
Russland hat 2020 nach 13 Jahren Bauzeit einen schwimmenden Reaktor realisiert. Aber zur Lösung der Klimakrise taugen sie alle nicht. „Trotz des großen Hypes erfüllen SMRs nicht die in sie gesetzten Erwartungen“, urteilt der World Nuclear Industry Status Report 2025. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kommt zur gleichen Einschätzung: „Die Markteinführung ist aktuell nicht absehbar.“
Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche sollte daher ihre Aktivitäten auf den Ausbau flexibler Stromnetze und die Weiterentwicklung kostengünstiger Speichermöglichkeiten richten, statt Lobbyarbeit für die Konzerne der fossilen Energieerzeugung und der Kernkraft zu verrichten und damit den schnellen Weiterbau der Erneuerbaren zu verzögern.
Noch ein wichtiger Punkt: Die viel beklagte Importabhängigkeit der deutschen Energiewirtschaft trifft wie beim Erdgas ebenfalls auf den Kernbrennstoff Uran zu. Er kommt aus Russland, Kanada, Kasachstan, China und Afrika. Sonnenenergie und Windkraft aber gibt es im eigenen Land unerschöpflich und zum Nulltarif.
Super-GAU und Explosionen – es passiert immer wieder
Die Geschichte der Atomenergie ist auch eine Geschichte ihrer Katastrophen. Majak (Explosion 1957), Windscale (Reaktorbrand 1957), Harrisburg (Kernschmelze 1979), Church Rock (Dammbruch 1979), Tschernobyl (Kernschmelze 1986) und Fukushima (Kernschmelze 2011) heißen die Chiffren des Schreckens. Sechs Standorte, an denen die Atomkraft außer Kontrolle geriet. Nach 70 Jahren „friedlicher Nutzung der Kernenergie“ gehören geschmolzene Reaktorkerne, unbewohnbare Gebiete, radioaktive Wolken und eine unbekannte Zahl von Toten zur Bilanz.
Aber selbst wenn alles im Normalbetrieb läuft, sind AKWs für ihre Umgebung offenbar gesundheitsschädlich. In Regionen in der Umgebung von einem der 54 US-Kernkraftwerke sterben einer aktuellen Studie zufolge mehr Menschen an Krebs als in anderen Teilen des Landes (Deutsches Ärzteblatt 2026).
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Das Endlagerdilemma
Ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll muss eine Million Jahre sicher sein. Denn über Ewigkeiten bleibt der strahlende Abfall eine tödliche Gefahr. Wir haben aber keine Erfahrung mit derart großen Zeiträumen. Recherchen zum Atommüll sind schwierig, IAEA und WNA veröffentlichen keine Daten zur Problematik. Länder mit Wiederaufarbeitungsanlagen verringern ihre hoch radioaktive Atommüllmenge, erhöhen aber den mittelradioaktiven Abfall.
Weltweit ist nur ein Endlager tatsächlich kurz vor der Fertigstellung und bereit zur Einlagerung – im finnischen Onkalo. Doch es gibt inzwischen 420.000 Tonnen hoch radioaktiven Atommüll, und jedes Jahr kommen rund 10.000 Tonnen dazu. Deutschland befindet sich nach dem Scheitern von Gorleben derweil noch in der Phase der offenen Suche. Die Entscheidung kann noch Jahrzehnte dauern.
Atomstrom und Atombombe gehören zusammen
Die zivile und die militärische Seite der Atomenergie sind eng verbunden. Nicht nur in den Interessen an Forschung und Entwicklung und dem dafür ausgebildeten Personal überschneiden sich beide Bereiche. Auch bei der Finanzierung und dem konkreten Zugriff auf atomwaffenfähiges Material bedient sich das Militär in den Atomwaffenstaaten aus dem „zivilen“ Bereich.
Ein besonders deutliches Beispiel hierfür ist Frankreich, wo der hoch subventionierte Staatskonzern EDF in seinem AKW Civaux Tritium für das französische Atomwaffenprogramm generiert. Jede kerntechnische Anlage kann potenziell der nächste Schritt auf dem Weg zur Atombombe sein.
Eva Spitzer hat an der Humboldt-Universität Chemie studiert, später am Zentralinstitut für Molekularbiologie der AdW der DDR in Biochemie promoviert. 20 Jahre arbeitete sie an diesem Institut in der biomedizinischen Grundlagenforschung. Nach der Wende bis zu ihrer Pensionierung hatte sie die Laborleitung in einem privaten humangenetischen Diagnostikinstitut inne. Sie ist Mitglied der Berliner Regionalgruppe der IPPNW. Die IPPNW ist eine Vereinigung von Ärzten zur Verhütung eines Atomkrieges, die 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hat.
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