Nur wenige Berliner verbinden maritimes Flair mit Neukölln. Das vermeintliche Schmuddelkind sorgt in der Regel eher mit der sozialen Schieflage im Kiez für Aufsehen. Das ist ungerecht, denn der Bezirk ist durchaus schiffbar -und das Leben an seinen Wasseradern so beschaulich wie angenehm. Im Süden ziehen Teltowkanal und Britzer Zweigkanal ihre ruhigen Bahnen, durch den östlichen Teil des Bezirks plätschert der Neuköllner Schiffahrtskanal, der den Teltowkanal mit dem Landwehrkanal verbindet.Der Wandel vom problematischen Asphaltbezirk zur maritimen Oase ist an manchen Stellen längst vollzogen. Das Maybachufer als prominenter Teil "Kreuzköllns" hat sich einen respektablen Ruf erworben, dem Berliner aller Bezirke und Touristen Jahr um Jahr zahlreicher folgen. Und das nicht nur, um an der Ankerklause beim Kaffee die vorbeischippernden Ausflugsschiffe zu beobachten. Die Euphorie ist auch auf den Immobilienmarkt übergesprungen. "Wir verzeichnen hier eine hohe Nachfrage an Eigentumswohnungen", sagt Maklerin Simone Schikore. Und Johannes Schroeter vom Unternehmen Chance Berlin erklärt: "Der Landwehrkanal ist auf dem aufsteigenden Ast. Die Lage am Wasser ist dabei natürlich wichtig." Mit circa 1500 Euro pro Quadratmeter liegen die Wohnungen dennoch unwesentlich über dem Bezirksniveau.Vor allem das junge Publikum bevorzugt die Lage am Ufer. Kein Wunder -lässt sich doch von hier aus das kulturell umtriebige Kreuzkölln vom Graefekiez bis zur Mariannenstraße fußläufig erobern. Aber auch Senioren richten sich hier ihren Lebensabend ein. Im Vordergrund steht für die meisten die Eigennutzung, doch mancher, so sagt Schroeter, hofft hier bereits auf lohnende Rendite und das besonders jetzt in der Wirtschaftskrise, wo der Erwerb einer zukunftsträchtigen Immobilie günstig ist und vielen als attraktiv gilt.Euphorie springt überNicht weniger positiv sieht die Lage weiter östlich am Neuköllner Schiffahrtskanal aus. 1903-1913 schlugen die Stadtväter hier eine schnurgerade Wasserstraße durch das Stadtdickicht, um Landwehrkanal und Teltowkanal zu verbinden. Doch erst seit Kurzem gelten die Straßenzüge am Kiehl- und Weigandufer als "Premiumwohnlage". Die "Kreuzköllner" Euphorie hat die Gebiete südlich der Pannierstraße erreicht und das quasi über Nacht. "Dass sich hier so viel tun könnte, war vor zwei Jahren überhaupt nicht abzusehen", sagt Richard Orgel von Immosky Berlin. Aus einem Maklerversprechen sei schnell ein realer Trend geworden: Immobilien mit Wasserblick sind derzeit ein echter Renner, vor allem Altbauten sind gefragt. Die Eindringtiefe reiche gar bis an die Ufer der nahen Parallelstraßen, die früher eher als schlechte Wohnlage galten und heute ein beliebtes Jogginggebiet sind.Der Ruf der Neuköllner Wasserlandschaft schallt inzwischen bis ins Ausland. "Eigentlich nennt man diesen Abschnitt ja Klein-Istanbul, aber inzwischen könnte man auch Klein-Venedig sagen", meint Orcun Manyas vom Immobilienring. Seine Kunden sind vor allem Italiener, aber auch vermehrt Spanier oder Engländer: "Die Gegend liegt eben im magischen Dreieck zwischen Kreuzberg, Treptow und Neukölln, das finden Ausländer einfach attraktiv." Richard Orgel hingegen verzeichnet einen Zuwachs an Anfragen aus Skandinavien. Ging es früher vor allem um den Zweitwohnsitz oder Ferienwohnungen, sind heute eher feste Wohnsitze nachgefragt. Allerdings wird der Wohnraum in Wasserlage nun langsam knapp, weshalb die Makler es für wahrscheinlich halten, dass sich auch südöstlichere Wohnlagen am Kanal bald zu attraktiven Standorten entwickeln könnten. Zumindest soweit es die Straßenführung zulässt, denn südlich des Weigandufers hat teils die S-Bahn-Trasse, teils die Industrie das Areal für sich gepachtet -am anderen Ufer befinden sich Kleingärten.Schwieriger ist die Situation am Neuköllner Schiffahrtskanal südlich des S- Bahn-Ringes im Einzugsgebiet der Britzer Häfen. Hier können sich inmitten maroder Hafenszenerie, zwischen Finanzamt, Industrie, Autobahn-Schallschutzmauer und Kleingartenkolonien wie dem Familienheim Gartenfreunde nur echte Visionäre eine Ausweitung des Immobilienraumes am Wasser vorstellen. "Das hier ist momentan eine richtige Nichtlage, die Zukunft ist ungewiss", stellt Orgel achselzuckend fest. Gerade hier aber sieht der Senat daher Handlungsbedarf: "Gewerbe und Grünverbindungen sind kein Widerspruch, sondern können nebeneinander bestehen, ja sich sogar ergänzen", sagt Ulrich Dittfurth, der das Projekt "Neukölln ans Wasser" betreut. Uferwege und grün gestaltete Bereiche für die Erholung sollen in naher Zukunft Neuköllns Wasserlage erfahrbar machen, auch stillgelegte S-Bahngleise sollen dafür urbar gemacht werden. Die Gründe für die Schieflage des Areals sind jedoch nicht nur infrastrukturell: Denn obwohl der historisch und kulturell reizvolle Richardplatz von Neukölln-Rixdorf in der Nähe liegt, gilt das Gebiet zwischen Grenzallee und Sonnenallee vielen immer noch als sozial labil und sprengstoffhaltig. Festivals wie "48 Stunden Neukölln" oder die "Aktion Karl-Marx-Straße" versuchen das Image daher parallel zu den städtebaulichen Maßnahmen aufzupolieren.Eine wiederum ganz andere Szenerie zeigt der Teltowkanal im Süden des Bezirks. Im Westen ist die Lage an die Entwicklung des Tempelhofer Feldes gekoppelt. Noch sind die Pläne zur Entwicklung einer opulenten Parklandschaft in der Diskussion. Der aufgrund des einstigen Fluglärms kaum attraktive Wohnraum, könnte bald begehrt sein. Im Osten des Teltowkanals dagegen bestimmen ruhige Kleingartensiedlungen und Einfamilienhäuser die Szenerie, so an der Stubenrauch- und Späthstraße. Hier liegt eine Gegend mit Potenzial im Dornröschenschlaf -der Kaufpreis liegt mit rund 1000 Euro für den Quadratmeter deutlich unter dem im angesagten Kreuzkölln. Hier zu wohnen ist zwar nicht hip, doch dafür ist man genau so nah am Wellenschlag.------------------------------Foto (5) :Klein-Venedig: Zwischen Kottbusser Damm (links) und Kieler Ufer durchfließen Landwehrkanal und Neuköllner Schiffahrtskanal den Berliner Südosten.
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