Für Anna Courtpozanis ist Surfen im Internet harte Arbeit, denn die 43-Jährige ist blind. Trotzdem kämpft sie sich durch die Seiten. Nicht nur, weil sie sich für Nachrichtenblogs und das Leben in der virtuellen Welt der Internetplattform Second Life interessiert. Die Sozialpädagogin testet auch aus beruflichen Gründen, wie leicht Internetseiten für Blinde zugänglich sind. Sie arbeitet bei Web for All, einem Projekt für Barrierefreiheit im Internet, das der Heidelberger Verein zur beruflichen Integration und Qualifizierung ins Leben gerufen hat. Courtpozanis achtet dabei besonders auf die Angebote des sogenannten Web 2.0 - Internetseiten also, die Surfer zum Mitmachen einladen, wie etwa Chats, Blogs oder Tauschbörsen für Bilder und Videos. Sie sind soziale Treffpunkte für viele ihrer Nutzer."Für Behinderte ist das Web 2.0 voller Fallstricke", sagt Brigitte Luckhardt, die das Heidelberger Web-for-All-Projekt leitet. Betroffen sind neben Blinden, Sehbehinderten und Gehörlosen auch Lernbehinderte und manuell-motorisch Eingeschränkte - das sind beispielsweise Menschen mit Muskelschwund oder spastischen Lähmungen. Aufgrund ihrer körperlichen Behinderungen können sie kleine Schaltflächen nicht oder nur mit großer Anstrengung ansteuern.Blinden und Sehbehinderten hingegen bereiten vor allem die Inhalte und der Aufbau von Internetangeboten Schwierigkeiten. "Die wenigsten Seiten sind an die Bedürfnisse blinder Nutzer angepasst", sagt Courtpozanis. Zum Beispiel lauten die Verweise auf andere Seiten in vielen Foren, Chats oder Blogs ähnlich oder gleich. Das ist für Blinde deshalb ein Hindernis, weil sie sich mithilfe der Links einen Überblick über eine Webseite verschaffen. Dafür benutzen sie einen Screenreader, eine Software, die dem Nutzer den Text auf einer Seite laut vorliest. Der Nutzer kann dem Screenreader befehlen, nur die Verweise auf andere Seiten vorzutragen. Wenn Links zu unterschiedlichen Themen jedoch nur "mehr" oder "weiter" lauteten, sei das nutzlos, sagt Courtpozanis. Dabei sei es ein Leichtes, den Verweisen aussagekräftige Titel zu geben - statt einfach nur "mehr" etwa "mehr zum Thema Rentenerhöhung".Aber auch, wenn die Links inhaltsbezogene Titel haben, gibt es oft Mankos: "Bei Blogs habe ich große Probleme festzustellen, welche Nachrichten aktuell sind, wenn seit dem letzten Lesen viele neue Einträge hinzugekommen sind", sagt Courtpozanis. Die Links mit Datum und Uhrzeit zu versehen, würde für die Programmierer der Websites nur einen minimalen Mehraufwand bedeuten, sagt die Testerin.Doch statt eines wachsenden Bewusstseins für die Bedürfnisse behinderter Benutzer beobachtet Courtpozanis, dass im Web immer neue Barrieren entstehen. "Mehr und mehr Seiten verwenden die Programmiersprache Javascript", bemängelt die Testerin. Mit Javascript programmieren Webgestalter Bedienelemente einer Webseite, die dynamische, animierte Funktionen bieten. Dazu gehört beispielsweise Drag und Drop, also das Ziehen und Verschieben von Dateien mithilfe der gedrückten linken Maustaste. Für Blinde und manuell-eingeschränkte Benutzer ist diese Funktion nutzlos, weil sie Computermäuse nicht benutzen können. Auf vielen Seiten des Web 2.0 sei Drag und Drop jedoch inzwischen zu einer der wichtigsten Bedienungsmethoden geworden, um etwa Dateien mit anderen Internetsurfern zu tauschen, sagt Courtpozanis. Behinderte Benutzer blieben bei dieser Entwicklung außen vor.Zwar ermöglicht es die neueste Version des Screenreaders, manche Maus-Aktionen per Tastatur auszuführen. Doch viele blinde Surfer haben ältere Versionen installiert, die das nicht können. "Der Screenreader kostet etwa 2 500 Euro", sagt Luckhardt. Daher könnten es sich die meisten Nutzer nur alle paar Jahre leisten, ihre veralteten Programmversionen durch neue zu ersetzen. Alle Angebote des Web 2.0 sollten deshalb künftig ohne Javascript auskommen, fordert Luckhardt. Das verlangt auch die Barrierefreie Informationstechnik Verordnung, nach der sich seit 2002 die Internetangebote von Bundesbehörden richten müssen.Doch auch ohne Javascript wären noch lange nicht alle Barrieren für Behinderte aus dem Weg geräumt. Oft stellt schon die Gestaltung von Webangeboten eine Hürde dar. Web-2.0-Seiten seien oft chaotisch aufgebaut, sagt Courtpozanis. Statt einer Navigationsleiste, die auf jeder Seite eines Webangebotes an der gleichen Stelle bleibt und daher auch Blinden Orientierung biete, tauchten neuartige Navigationselemente an mehreren Stellen auf. Etwa sogenannte Schlagwortwolken, die einen schnellen Überblick über die Inhalte eines Webangebotes liefern sollen, indem sie Schlagwörter mit umso größerer Schrift darstellen, je öfter sie in Texten, Bildunterschriften oder Dokumenten des Angebotes vorkommen. Ein sehender Nutzer kann mithilfe von Schlagwortwolken schnell die wichtigsten Themen einer Website erfassen. Blinde hingegen profitieren kaum davon, weil sie die unterschiedlichen Schriftgrößen nicht wahrnehmen können.Die Erfahrung der Web-for-All-Mitarbeiter zeigt, dass viele Behinderte das Internet intensiv nutzen, weil es neue Kommunikationswege öffnet. Gehörlose tauschen auf Videoplattformen wie Youtube Videonachrichten in Gebärdensprache aus; Blinde hören Podcasts, also Audio-Dateien, wie sie beispielsweise Radiosender ins Netz stellen. Doch den für sie beschwerlichen Teil des Web 2.0 meiden die Eingeschränkten: Sie leben in einer Art Internet-Parallelgesellschaft.Eine wissenschaftliche Studie darüber, wie behinderte Nutzer mit den technischen Möglichkeiten des Internets umgehen, gibt es indes bislang nicht. Das will die Aktion Mensch nun ändern: Sie erkundigte sich kürzlich in einer Online-Umfrage bei behinderten Internetnutzern nach deren Nutzungsgewohnheiten und den Barrieren, auf die sie stoßen. In einigen Wochen sollen die Daten ausgewertet sein.Um die Hürden abzubauen, bieten die fünf Mitarbeiter von Web-for-All bereits jetzt Beratungen und Fortbildungskurse für Web-Designer und Online-Redakteure an, die barrierefreie Seiten gestalten wollen. "Das Interesse an Schulungen steigt", sagt Luckhardt. Denn viele Internet-Agenturen hätten erkannt, dass die beinahe zwei Millionen blinden, sehbehinderten, manuell-motorisch eingeschränkten oder lernbehinderten Menschen eine wichtige Gruppe von Internetnutzern seien, die es zu erreichen gelte.Um die Agenturen angemessen zu beraten, haben sich die Mitarbeiter von Web for All in den letzten Jahren einiges Know-how angeeignet. Sie wissen, wie sich Bilder und Diagramme mit anschaulichen und informativen Texten versehen lassen, und bringen Webgestaltern bei, Texte so zu schreiben, dass auch lernbehinderte Menschen leicht verstehen können, was gemeint ist. Außerdem kennen Luckhardt und ihre Kollegen die technischen Hilfsmittel, die beim Gestalten einer barrierefreien Seite helfen. "Es gibt zum Beispiel Webdesign-Programme, die an die dabei einzuhaltenden Regeln erinnern", sagt Luckhardt. So erscheine etwa eine Fehlermeldung, wenn der Webgestalter ein Foto auf die Seite stellen möchte, ohne einen Alternativtext für Blinde eingegeben zu haben.Davor, dass diese Art des Programmierens unnötige Mehrarbeit verursacht, brauchen sich die Webgestalter Courtpozanis zufolge nicht zu fürchten: "Wenn man die Barrierefreiheit von vornherein einplant, verursacht sie nur wenig zusätzlichen Aufwand."------------------------------"Für Behinderte ist das Web 2.0 voller Fallstricke." Brigitte Luckhardt------------------------------Foto: Sehbehinderte Menschen wie diese Frau nutzen zum Surfen spezielle Bildschirme, die Internet-Seiten stark vergrößert darstellen.Foto: Die Braillezeile ersetzt den Monitor: Mit den Fingern der linken Hand liest dieser blinde Mann die Internet-Seiten; mit der rechten tippt er.
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