Ledergürtel, Sommerhüte, Damentaschen, Armbanduhren, Anoraks, CDs und Obstwein. Es gibt auch Obstwein-Stände beim 119. Baumblütenfest in Werder an der Havel. Die waren einst sogar die Hauptsache der alljährlichen Feierlichkeiten in der "Blütenstadt". In diesem Jahr gehören sie immerhin noch dazu.Blütenfest-Neulinge müssen viel lernen. Christine Nordemann ist zum ersten Mal hier und hat sich von ihren erfahrenen Potsdamer Freunden beraten lassen. "Unten ist ja alles nur kommerziell, hier oben genießt man", sagt die 24jährige Studentin.Die Genießer sitzen in den GärtenHier oben, das ist der "Hohe Weg", die wahre Festmeile auf der Friedrichshöhe. Unten, das ist die Werderaner Altstadt und die Insel. Dort herrscht noch bis zum 3. Mai Rummelplatzatmosphäre: Riesenrad, Achterbahn, Bungee-Jumping. Doch die Kenner genießen in den Gärten am Abhang der Friedrichshöhe das Havelland-Panorama bei Erdbeer-, Kirsch- und Mehrfruchtwein. Michael Schalinski, einer von Christines erfahrenen Freunden, zeigt auf das handgemalte Etikett seiner Flasche: "Daran und am gebrauchten Schraubverschluß erkennt man den Hausgemachten", erklärt der 24jährige. Und am Geschmack natürlich. Einen Garten weiter hatte Ilse Kielczinski allerdings gerade Pech mit Hausgemachtem. "Normalerweise muß das Obst dafür vom letzten Jahr sein", sagt sie. Die 63jährige Berlinerin teilt sich mit vier Freundinnen schon die zweite Flasche Sauerkirschwein. "Unsere erste war wohl von 89, die schmeckte muffig", sagt sie. Das aber ließen sich die Damen nicht bieten. "Die ham wir gleich zurückgegeben." Und eine neue bekommen.Eingeborene Werderaner sind außer beim Ausschank kaum zu finden. Sie vermeiden den Trubel. "Die Landschaft können wir ja jeden Tag haben", sagt Ursula Heinrich, die seit 1954 hier lebt. "Vor der Wende hat man beim Baumblütenfest vor allem nach Geschenken für Weihnachten und Geburtstage geguckt", erinnert sie sich. "Da wurden auch die privaten Grundstücke noch nicht für jeden geöffnet."Die beiden größten Gärten liegen am Abhang direkt nebeneinander. Sie sind durch einen Maschendrahtzaun getrennt damit die Kundschaft ihre jeweiligen Gastgeber nicht verwechselt. "Das war im vorigen Jahr noch nicht so", stellt Andreas Weber fest und blickt in den wolkenlosen Sonnenhimmel über Werder. "Übrigens kann das nicht mit rechten Dingen zugehen", sagt der 40jährige Werderaner. "Jedes Jahr ist hier schönes Wetter zur Baumblüte, auch wenn es vorher wochenlang geregnet hat. Woran das liegt, dit müßte man mal rausfinden."
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