Auch nach dem Ende der Führungskrise herrscht Skepsis in der Belegschaft

Siemens hofft auf ruhigere Zeiten

Peter Kirnich
4 Min

BERLIN. Schichtwechsel bei Siemens in Berlin. Das schöne Wetter zu Wochenbeginn verbreitete gute Laune unter den Mitarbeitern des Elektronikkonzerns. Doch die Freude verflog relativ schnell, als die Sprache auf den neuen Siemenschef Peter Löscher kam: "Ob der Konzernchef nun Kleinfeld oder Löscher heißt, ist mir egal", sagte ein junger Mann. "Die nächste Sanierungsmaßnahme kommt bestimmt." Sein Kollege zeigte sich zumindest "erleichtert, dass die Suche nun endlich ein Ende hat und Siemens hoffentlich etwas aus den Schlagzeilen kommt".Nach wochenlangem Führungschaos hatte der Siemens-Aufsichtsrat wie berichtet am Sonntag den Manager des US-Pharmaunternehmens Merck, Peter Löscher, zum neuen Konzernchef ernannt. Löscher erhielt einen Fünf-Jahres-Vertrag. Noch in den nächsten Wochen will der Pharma-Manager seine Aufgaben bei Merck in New Jersey zu Ende bringen, um im Juli den bisherigen Siemenschef Klaus Kleinfeld abzulösen.Den meisten Mitarbeitern ist der gebürtige Österreicher noch völlig unbekannt. Verständlich: Löscher ist der erste Siemens-Vorstandschef in der 160-jährigen Firmengeschichte, der von außen kommt. "Hoffentlich wird jetzt bei uns nicht wieder alles umgekrempelt", sagte ein Mitarbeiter vor dem Haupteingang der Berliner Siemens AG. Nicht weniger skeptisch äußerte sich eine Kollegin: "Wir werden wohl erst in ein, zwei Monaten sehen, ob Herr Löscher eine gute Wahl oder eine Notlösung ist."Affäre weitet sich ausDer Berliner Siemens-Chef Gerd von Brandenstein teilt diese Skepsis nicht: "Ich freue mich, dass die Personaldiskussion endlich beendet ist und hoffe, dass Siemens jetzt zur Ruhe kommt", sagte von Brandenstein. Die Tatsache, dass Löscher einstimmig vom Aufsichtsrat gewählt wurde, "werte ich als ein positives Signal." Auch aus Sicht des Siemens-Gesamtbetriebsrates ist die Skepsis der Mitarbeiter unangebracht: "Herr Löscher hat den Arbeitnehmervertretern zugesagt, dass es unter seiner Führung keine Kahlschlagpolitik in Deutschland und anderswo geben wird", hieß es in einer Erklärung von Gesamtbetriebsrat und IG Metall. Man habe den Eindruck gewonnen, "dass Herr Löscher mit seiner Persönlichkeit in der Lage ist, die Führungskrise bei Siemens zu lösen und den Konzern in ruhigere Fahrwasser zu führen."Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer forderte Löscher auf, die Affären im Konzern konsequent aufzuklären. Der traditionsreiche Konzern wird seit Monaten von mehreren Korruptionsaffären erschüttert. Millionensummen sollen als Schmiergeld ins Ausland und an eine managementfreundliche Arbeitnehmerorganisation geflossen sein. Die Höhe der ermittelten verdächtigen Zahlungen in der Affäre um schwarze Kassen bei Siemens soll auf bis zu drei Milliarden Euro gestiegen sein. Die Affäre um Korruption und schwarze Kassen könne sich noch drei bis vier Jahre hinziehen, hieß es in Justizkreisen. Bis Ende dieses Jahres wollten die Staatsanwälte in dem ersten Verfahren Anklagen erheben. An den Aktienmärkten wurde die Ernennung Löschers gestern zu Börsenbeginn mit kräftigen Kurszuschlägen honoriert: Der Siemens-Kurs kletterte zeitweise um 2,7 Prozent auf 95 Euro, den höchsten Stand seit sechs Jahren. Allerdings schmolz der Kursgewinn im Tagesverlauf wieder. Kurz vor Handelsschluss rutschte der Kurs der Aktie sogar ins Minus. Dennoch äußerten sich Händler und Analysten positiv: "Der Markt ist erleichtert, dass ein neuer Vorstandsvorsitzender gefunden ist. Der ist zwar unbekannt, aber die Unsicherheit ist erst einmal weg", sagte ein Händler.Als Nachfolger für Siemens-Europachef Johannes Feldmayer rückt derweil wie erwartet der bisherige Leiter der Siemens-Sparte Gebäudetechnologie, Heinrich Hiesinger (46), zum 1. Juni in den Zentralvorstand nach. Feldmayer war nach der Affäre um die verdeckte Finanzierung der Arbeitnehmer-Organisation AUB beurlaubt worden. Hiesinger soll auch die Aufgaben von Personalchef Jürgen Radomski übernehmen. Hiesinger gilt bei den Arbeitnehmer-Vertretern als beste Wahl für diesen Posten.------------------------------Fünf-Jahres-VertragVertrag: Der Siemens-Konzern will den neuen Vorstandschef Peter Löscher lange an sich binden. Der 49-Jährige erhielt einen Fünf-Jahres-Vertrag. Er soll sein Amt im Juli antreten. Der Österreicher war bisher Vorstandsmitglied beim US-Pharmariesen Merck. Er soll bei Siemens unter anderem die Schmiergeldaffäre aufarbeiten.Affäre: Siemens wird von einem Schmiergeld-Skandal erschüttert. Beim Konzern sind fast eine halbe Milliarde Euro an dubiosen Zahlungen geflossen, meist für Aufträge im Ausland. Im Zuge der Affäre war Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer als Aufsichtsrats-Chef zurückgetreten. Kurz darauf wurde Siemens-Chef Kleinfeld zum Rücktritt gedrängt.------------------------------Foto: Peter Löscher, ab 1. Juli Siemens-Chef------------------------------Foto: Verwaltungsgebäude von Siemens in Spandau: In Berlin hat der Konzern rund 14 000 Mitarbeiter.

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