Auf dem Museumsschiff erlebt man das Alt-Berliner "Milljöh" und die Seen rund um die Havel

Mit "Heinrich Zille" um die Pfaueninsel

BLZ
3 Min

Fünfmal in der Woche macht die "Heinrich Zille" die Leinen los und fährt mit ihrem Namenspatron in die zwanziger Jahre. Auf dem 100 Jahre alten Museumsschiff steigt dann die Revue "Wat ick allet jesehn habe" - mit Musik, Büffet und improvisiertem Theater.Aus dem Maschinenraum weht ein Hauch von Diesel-Duft durch das Schiffsinnere. Der Kapitän läßt den Motor starten, und in Rückwärtsfahrt entfernt sich das Museumsschiff vom Anlegesteg. Auf rotgepolsterten Bänken harrt das Publikum der Eröffnung des Büffets. Als das Schiff endlich vorwärts fährt, beginnt die Drehorgelfrau zu leiern und singt Alt-Berliner Lieder.Das Büffet ist eröffnet. Sechs Schauspieler mischen sich unter das Publikum und animieren es zur Eile. "Ran an die Bouletten", ruft Knast-Egon, "gleich sinn se alle!" Sein zerfledderter Anzug aus den zwanziger Jahren paßt nicht zu den Nadelstreifen der männlichen Gäste. Und auch Pinsel-Frieda fällt leichtbeschürzt als Dame des "fünften Standes" auf.Der fünfte Stand ist Heinrich Zilles liebstes Kind: Berliner Proletariat der zwanziger Jahre - das "Milljöh" der kleinen Leute, Huren und Ganoven. Ihr Leben schilderte der geborene Sachse Zille in Zeichnungen, Fotografien und Anekdoten. Aus diesem Fundus schöpft die Revue auf dem Museumsschiff der Berlin-Brandenburgischen Schiffahrtsgesellschaft. Bald wird mitgesungen Nach dem Essen geht es los. Das Klavier erklingt, und Pinsel-Frieda singt "Die Männer sind alle Verbrecher". Mit ihrem Gassenhauer kann sie das Eis schnell brechen: Nach den ersten Takten singen die Berliner im Publikum lautstark mit - "aber lieb, aber lieb sinn se doch." Regisseur Jürgen Dluzniewski schaut zufrieden.Zwei Sänger und vier Schauspieler bilden das Revue-Ensemble: Claire Waldoff (Imke Barnstedt) und Heinrich Zille (Bernd Kummer) tragen die Alt-Berliner Lieder vor. Theken-Erna (Kerstin Barth), Pinsel-Frieda (Isabell Hertler), Knast-Egon (Thomas Rudnick) und Schieber-Maxe (Elmar Guthmann) sorgen für die Sketche. Ihre Szenen spielen mal im Bug, mal im Heck des Schiffes; die Akteure bauen das Publikum in die Sketche ein. Doch manchem Zuschauer sind die ruppigen Töne und derben Witze aus dem "Milljöh" eine Nummer zu deftig."Wir haben heute nicht nur Premiere, sondern auch Generalprobe", nahm Veranstalter Johann Studinger vor der Fahrt etwas Wind aus den Segeln. Zehn Tage hat das Zille-Ensemble geprobt, allerdings ohne Publikum. Und beinahe wäre es auf dem ausverkauften Museumsschiff zu einer Panne gekommen: Knast-Egon ist betrunken und läßt im Eifer des Gefechts eine Molle fallen. Doch der Bierkrug fliegt im hohen Bogen und zerschellt einen Fußbreit neben dem blonden Herrn an Tisch 8. Vom Zille-Virus infiziert Auch eine Dame muß einstecken: "Meene Liese, an deenen Glupschaugen hab ick dir erkannt!" ruft Knast-Egon. Doch als die "Heinrich Zille" die Pfaueninsel erreicht, ist die vermeintlich Glupschäugige erlöst - hier ist Halbzeit, das Schiff macht kehrt nach Pichelswerder. Die Schauspieler legen eine Pause ein, und wer im Publikum noch Hunger hat, darf am Büffet nachfassen.Als es dunkel geworden ist, erscheint Heinrich Zille im Badeanzug - mit einer Gummiente als Rettungsring um den Bauch singt er "Amalie geht mit dem Gummikavalier ins Bad". Dann beginnt die Damenwahl und vor dem abgeräumten Büffet wird getanzt. Mit einem Potpourri Berliner Gassenhauer klingt das Revue-Programm aus. Als das Schiff wieder festmacht, sind viele vom Zille-Virus infiziert und singen einfach weiter. Regisseur Jürgen Dluzniewski ist zufrieden: "Genau das wollten wir erreichen!" Harald Hürter Die Zille-Revue wird mittwochs bis samstags ab 19 Uhr und sonntags ab 12 Uhr gegeben. Die zweieinhalbstündige Show kostet 55 Mark, Büffet inklusive. Ausgangspunkt und Ziel der Fahrt ist die Anlegestelle am Restaurant Siemenswerder. Anmeldung unter Telefon 361 60 84. +++

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