Ob Wladimir Gussinski wohl an jene alte Tanzszene gedacht haben mag, als er in der Nacht zu Mittwoch sein spanisches Exil in Richtung Israel verließ? Die Handlung der Szene war übersichtlich und sie könnte ihm jetzt Hoffnung bieten: Ein Journalist, ein Wahrheitskünder, von einem Diktator aus der Heimat vertrieben, flieht vor Verfolgung durch die halbe Welt. Doch unterstützt von Kameraden aller Hautfarben kann er am Ende triumphieren - das Regime fällt, der Mann kehrt zwecks Neuanfang nach Hause zurück. Zu sehen war das reichlich vordergründige Stück bei den Moskauer "Weltfestspielen der Jugend" im Jahr 1985. Die Dramaturgie für das Großereignis hatten die UdSSR-Behörden unter anderem einem als besonders "zuverlässig" eingestuften Jungregisseur übertragen: Wladimir Gussinski.Sechzehn Jahre später ist Gussinski selbst auf der Flucht. Er ist der Besitzer des russischen Medienimperiums Media-Most und tritt in diesem Zusammenhang auch gern als Verteidiger der Medienfreiheit in seinem Lande in Erscheinung. Die Tatsache, dass er von Russlands Justiz wegen Finanzvergehen gesucht wird, präsentiert der Konzernchef als Beleg für die undemokratischen Verhältnisse in Russland. Nach den jüngsten Beschuldigungen - es geht um den Vorwurf der Geldwäsche von 2,8 Milliarden Rubel (211 Millionen Mark) - schien ihm auch sein spanisches Exil zu unsicher geworden zu sein. Gussinski besann sich auf seinen israelischen Zweitpass.Die eigentliche medienpolitische Leistung Gussinskis besteht darin, seine Opferrolle überzeugend gespielt zu haben. Auch im Westen gilt er als bedrängter Wahrheitskünder. Richtig ist, dass nur Gussinskis Fernsehsender NTW während des ersten Tschetschenienkrieges über Gräuel des Militärs berichtet und damit ein Umdenken eingeleitet hatte. Doch war es auch Gussinski, dessen Medien 1996 eine Kampagne gegen die politischen Kontrahenten Boris Jelzins führten und so die Wiederwahl des Kriegspräsidenten sicherten.Gussinskis Probleme begannen erst, als der konzerneigene Aufklärungsdienst von Media-Most bei der Vorbereitung der folgenden Wahlen versagte. Die Truppe um Chefaufklärer Filip Bobkow, einst im KGB für Maßnahmen gegen die Opposition zuständig, riet dazu, auf den Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow zu setzen. Doch Luschkow verlor erst die Parlamentswahl, dann gelang es Jelzin, seinen Zögling Wladimir Putin aufs Schild zu heben. Spätestens mit dessen Wahlsieg im Frühjahr 2000 war absehbar, dass sich eine derartige Fehlkalkulation im Moskauer Machtkampf rächen würde. Im Unterschied zu anderen russischen Oligarchen, denen die russische Justiz wohl gleichfalls ohne Schwierigkeiten Finanzmanipulationen größeren Ausmaßes nachweisen könnte, hatte der Medienbesitzer Gussinski ab Mitte vergangenen Jahres immer wieder die Polizei im Haus.In Israel, wo der in Ungnade gefallene Medienmann nun Unterschlupf sucht, hält man sich bislang bedeckt zu dem Fall. Bei einem längeren Aufenthalt bliebe Gussinski immerhin Zeit, sich um seine Aktien vor Ort zu kümmern. Unter anderem handelt es sich dabei um ein bedeutendes Anteilspaket bei der renommierten Zeitung "Maariv".
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