Seit Monaten bestimmt eine beispiellose Krise die Weltöffentlichkeit. Ein exportabhängiges Land wie Deutschland betrifft sie besonders hart. In den Auftragsbüchern vieler Firmen herrscht gähnende Leere; viele sind froh, wenn es bei Kurzarbeit bleibt. Fragt man die Experten nach der Zahl der Arbeitslosen, mit der zu rechnen sei, hüllen sie sich in vielsagendes Schweigen. Bange Fragen kreisen in den Köpfen, und die Ahnung greift Raum, dass eine lange Periode beständig wachsenden Wohlstands an ein Ende kommt.Direkt von der Krise Betroffene fallen teilweise in eine richtige Schockstarre. Doch auch bei den nicht unmittelbar Betroffenen scheint guter Rat teuer zu sein. Die nationalen Regierungen retteten in den zurückliegenden Monaten beinahe regelmäßig Banken vor dem Kollaps und legten kreditfinanzierte Konjunkturprogramme auf. Auf der einen Seite wurden Entschlossenheit und Tatkraft bewundert. Doch auf der anderen Seite wandten Kritiker ein, das sei keine Lösung, sondern wirke eher wie ein kräftiger und erneuter Schluck aus der Kreditpulle. Der Schmerz werde zwar vorübergehend betäubt; die Abhängigkeiten und Ungewissheiten eines Lebens auf Pump blieben jedoch.Pfeiler des Lebens, die unverrückbar schienen, tragen nicht mehr. Wird ein Neuanfang gelingen? Noch ist nicht sicher, ob die Entscheidungen des G20-Gipfels eine Perspektive bieten. Einstweilen haben wir es nur mit Absichtserklärungen zu tun, mit Programmen, deren Verwirklichung noch aussteht. Geht es dann doch wieder so weiter wie vorher? Bleiben wir im Bann der bisherigen Wirtschaftslogik, die auf möglichst schnellen Erfolg setzt und dabei unkalkulierbare Risiken in Kauf nimmt? Gelingt der Umstieg auf nachhaltiges Wirtschaften, das auch unseren Kindern und Enkeln gegenüber verantwortet werden kann? Oder kehren wir doch so schnell wie möglich zum Gewohnten zurück?Der Osterglaube leitet die christliche Kirche durch die Jahrhunderte. Doch dieser Glaube erschöpft sich nicht in dem Zyklus eines "Immer-Wieder". Nicht allein die Freude darüber, dass die Tage wieder länger werden und dass Strom und Bäche wieder einmal vom Eise befreit sind, bestimmt diese österliche Zeit. Der christliche Glaube sieht auf ein Ziel. Ostern gibt ihm die Gewissheit, dass der Mensch gewordene Gott es mit dieser Welt gut meint. Der Glaube an den auferstandenen Christus bezeugt den Sieg des Lebens über den Tod; er steht auf der Seite der Hoffnung, nicht der Angst.Deshalb erschöpft sich der christliche Glaube nicht in einer Art innerlichem Konjunkturprogramm II, das Menschen kurzfristig aufrichtet, um sie fit zu machen für Krisen aller Art. Die christliche Ostergewissheit vertraut darauf, dass Gott mit dem Blick der Barmherzigkeit auf die Welt sieht. Er bleibt ihr gnädiges Gegenüber und geht nicht in ihr auf wie Strom und Bäche oder wie Ideen und Rezepte. Diese Gewissheit verträgt sich nicht mit der Annahme einer eisigen Distanz Gottes zur Erde. Zum Osterglauben gehört vielmehr das unverbrüchliche Vertrauen darauf, dass Gott ein "Backofen voll Liebe" ist, wie Martin Luther sagt. Denn durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi hat er sich unauflöslich mit der Menschheit verbunden.Gottes gnädiger Blick verleiht uns Menschen eine Würde, die nicht in unseren Werken aufgeht. Deshalb beharren Christen auf der Einsicht, dass sich der Wert des menschlichen Lebens nicht in Aktienkursen und Depotwerten erschöpft. Entscheidend ist die Frage, was unserem Leben Bedeutsamkeit gibt über das Sichtbare und Machbare hinaus.Zur österlichen Sichtweise gehört daher eine klare Perspektive im Blick auf das eigene Leben wie auf das Leben unserer Mitmenschen. Insbesondere dürfen wir diejenigen nicht allein lassen, die in der Leistungsgesellschaft an den Rand zu geraten und denen das Dunkel droht. Das gilt gerade für die gegenwärtigen Krisenzeiten. Wir alle wissen: Der nächste Schritt ist ungewiss. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht stolpern. Wie gut, dass wir nicht allein unterwegs sind.------------------------------Foto: Wolfgang Huber ist Bischof in Berlin und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche.
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